Angebliches Waisenkind aus Indien "Ich wollte nicht adoptiert werden"

Ihre Mutter arbeitete als Prostituierte, sie selbst landete im Heim, indische Nonnen vermittelten sie nach Deutschland. Jetzt hegt Maria Chaya Schupp den Verdacht, unrechtmäßig adoptiert worden zu sein.

SPIEGEL ONLINE

Von , Ullal


Maria Chaya Schupp hat ihre Sandalen ausgezogen und in die Hand genommen, sie ist in die Brandung gewatet. Nun umspülen die Wellen des Indischen Ozeans ihre Füße und machen ihr die Hosenbeine bis zu den Knien nass. Wie vor 33 Jahren, als Chaya oft an diesem Strand spielte, während sie auf ihre Mutter wartete.

"Sie kam an den Wochenenden, um mich zu besuchen", sagt Chaya, die damals in dem Gebäude lebte, dessen Dach zwischen den Kokospalmen am Ende des Strandes hervorlugt: ein Kinderheim, betrieben von dem Nonnenorden der "Schwestern der Nächstenliebe". Ihre Mutter, eine junge, unverheiratete Inderin, hatte sie dort in Pflege gegeben.

Doch eines Tages war es mit den Treffen vorbei. Chaya wurde von den Nonnen als angebliche Waise nach Deutschland vermittelt. "Ausgesetzt" steht in den Dokumenten, die den deutschen Adoptiveltern 1981 mit ein paar Kinderbildern Chayas zugeschickt wurden.

In Indien wurde nie eine Vermisstenmeldung für Chaya registriert. Traute sich ihre Mutter nicht zur Polizei? Wollte sie vielleicht gar nicht um ihre Tochter kämpfen? Oder hätte die Beschwerde einer unverheirateten Frau aus einer niedrigen Kaste ohnehin keine Chance gehabt? Auf all diese Fragen sucht Chaya eine Antwort.

Warum mauern die Nonnen?

Ihre Mutter, da ist sie heute sicher, wäre mit der Adoption niemals einverstanden gewesen. "Ich war sechs Jahre alt, als ich aus Indien weg bin. Mit sechs erinnert man sich an viel. Ich weiß: Ich wollte nicht adoptiert werden. Ich war glücklich hier. Meine Mutter liebte mich", sagt die 38-Jährige im Fischerörtchen Ullal an der Südwestküste Indiens.

Vor der Polizeistation drängen sich an diesem tropisch-schwülen Vormittag die Wartenden. Chaya fällt nur durch die westliche Kleidung auf - ansonsten sieht sie wie die Einheimische aus, die sie als Kind war. Heute ist Chaya Deutsche, lebt in Dieburg südlich von Frankfurt am Main und benutzt dort auch den Namen, den ihr ihre Adoptiveltern gegeben haben: Maria Schupp. Sie schreibt an der Uni Kassel ihre Doktorarbeit in Soziologie und verdient nebenbei als Erzieherin ihr Geld. Doch die Vergangenheit lässt sie nicht los: Sie will ihre leibliche Mutter wiederfinden. Denn die hat sie nie vergessen, im Gegensatz zu ihrer Muttersprache Kannada.

Seit 2005 hat Chaya einen Großteil ihres Urlaubs auf Reisen nach Indien verwendet. Die Kosten schätzt sie auf gut 30.000 Euro. Ihre Adoptiveltern, Ingrid und Wolfgang Schupp, unterstützen sie bei ihrer Suche, die längst zum Kampf geworden ist. Denn die Nonnen mauern. Der Orden behauptet, es gebe keine Unterlagen für Adoptionen aus Ullal zwischen den Jahren 1974 und 1981. Irgendwer habe da wohl geschlampt.

Allerdings konnte Eva Dohle, die ebenfalls aus dem hiesigen Heim nach Deutschland vermittelt wurde, 2006 Einblick in die damals noch vorhandenen Unterlagen zu ihrer 1976 abgewickelten Adoption nehmen. Dank der Akten fand Dohle ihre leibliche Mutter wieder, die nie in die Adoption eingewilligt hatte. Andere Betroffene wurden hellhörig, wollten ebenfalls Einblick - da waren die dicken, handgeschriebenen Register dann plötzlich verschwunden.

"Da ist ganz klar etwa faul", sagt ein Polizist

Seit 2005 hat Chaya ihren Fall in immer höheren Instanzen vor indische Gerichte gebracht und immer wieder Teilerfolge erzielt: Sie hat das Recht zu erfahren, wie ihre Mutter hieß, wo sie wohnte. Bereits mehrfach haben Polizisten deshalb das Heim nach den verschwundenen Unterlagen durchsucht.

Polizeikommissar Ramesh Hanapur, bei dem Chaya heute wieder einmal vorspricht, sagt unverblümt, er glaube, dass die Nonnen Beweise zurückhalten. "Da ist ganz klar etwas faul." Auch er glaube, dass die Nonnen in einigen Fällen wohl nicht die Einwilligung der leiblichen Eltern zu den Adoptionen eingeholt hätten und das nun vertuschen wollten. So richtig aktiv werden kann oder will der Polizeichef trotzdem nicht - auf Nachfragen wiegt er nur vage den Kopf.

Das Nirmala-Heim liegt keine 500 Meter von der Polizeiwache entfernt: Ein tropischer Garten, im Schatten der Kokospalmen stehen hübsche Bungalows, dahinter rauscht das Meer. Die Oberschwester ist nicht da, eine Schwester Vera sagt, das Archiv sei nicht zugänglich, und die Nonnen hätten seit Jahren keine Kinder mehr vermittelt.

Auch wenn das stimmen sollte: Der Ruf hallt immer noch nach. Während Schwester Vera dabei ist, den Besuch abzuwimmeln, klingelt das Telefon, eine Novizin geht ran: "Schwester Vera, es ist wieder die Frau von der Agentur, wegen der Adoption", ruft sie durch die Eingangshalle. "Später", zischt die Nonne.

Vor Gericht hat der Orden die Vorwürfe abgestritten, die Schwestern hätten Chaya illegal zur Adoption nach Deutschland vermittelt. Bis 1984 hätten indische Institutionen keine Lizenz für Auslandsadoptionen benötigt. Es sei "üblich" gewesen, Kinder ins Ausland zu vermitteln, die bei ihnen in Pflege gegeben worden seien. Die genauen Vorgänge könnten nicht rekonstruiert werden, weil die betreffenden Schwestern inzwischen gestorben seien. Die derzeitige Oberschwester war auch auf mehrfache Nachfrage nicht zu sprechen

"Sie haben sich angemaßt, Schicksal zu spielen"

Bei einem scharfen Linsengericht im lokalen Imbiss sagt Chaya, dass sie im Prinzip nicht gegen Auslandsadoptionen sei. Natürlich könne man sich fragen, was aus ihr geworden wäre, wenn sie weiter in Indien aufgewachsen wäre. "Aber darum geht es ja nicht: Es geht darum, dass die Schwestern sich angemaßt haben, Schicksal zu spielen."

Sie vermutet, dass die Nonnen einerseits Seelen retten, "aus kleinen Hindus Christenkinder machen" wollten. Vor allem aber, so Chayas Vorwurf, soll sich der Orden an den gezahlten "Gebühren" der Adoptiveltern bereichert haben. "Für mich haben die Nonnen 10.000 Mark bekommen", sagt sie.

Der Frage, wie das weitere Leben ihrer Mutter verlaufen ist, versucht sich Chaya über ihre Doktorarbeit zu nähern. Ihre Mutter arbeitete als Prostituierte, daran erinnert Chaya sich. Für ihre Uni erforscht sie das Leben der Sex-Arbeiterinnen von Mumbai. Die südindische Metropole hat einen der größten Rotlichtbezirke Asiens. Chayas Exkursionen führen sie in dasselbe Milieu, in dem ihre Mutter damals lebte. "Ich sehe, dass die Frauen neben ihrem Beruf ein ganz normales Familienleben führen."

Inzwischen ist Chaya wieder daheim in Hessen. Ihrem nächsten Besuch in Indien im September sieht sie mit Hoffnung entgegen: Ihr neuer Anwalt hat die Nonnen inzwischen wegen Kinderhandels vor einen Strafgerichtshof gebracht. "Der Druck auf die Schwestern steigt", sagt Chaya. Nach all den Jahren ist sie zuversichtlich, dass die Suche nach ihrer leiblichen Mutter bald ein Ende finden könnte. Eine dürfte bei der Wiedervereinigung dann nicht fehlen: Chayas andere Mutter, Ingrid Schupp. Für alle Fälle wird sie ihre Tochter im Herbst nach Indien begleiten.



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