Ärger um Kalender: Halbnackte Missionare bringen Mormonen in Bedrängnis

Das war dann wohl doch zu freizügig: Einem Mormonen in Las Vegas, der einen Kalender mit freizügigen Missionaren entworfen und herausgebracht hat, droht der Rauswurf aus der Glaubensgemeinschaft. Dabei sind die Fotos völlig harmlos.

565490Las Vegas - Da sage einer, die Mormonen seien freizügig. Chad Hardy, 31, einem Mann aus Las Vegas, steht eine Menge Ärger ins Haus, weil er für das Jahr 2008 einen Kalender mit halbnackten Männern veröffentlicht hat - allesamt Feuerwehrleute und Soldaten. Gemeinsam haben die Abgebildeten, dass sie Mormonen sind. Sie alle waren als Missionare im Einsatz und sind nun zurückgekehrt.

Mit freiem Oberkörper wurden sie abgelichtet, für einen Kalender eben, wie ihn inzwischen fast jede Universität, jeder Verein, jede Gemeinde herausgibt, um ein bisschen Geld für den guten Zweck einzunehmen. Rund 10.000 Exemplare des Mormonen-Kalenders für je 14,99 Dollar gingen über die Ladentische.

Rechtzeitig bevor Hardy einen Kalender für 2009 auf den Markt bringen konnte, erhielt er einen Brief eines Mormonen-Oberen aus Las Vegas: Er möge sich bitte zu einem Treffen einfinden, um mit der Gemeinde sein "unziemliches Verhalten als Mitglied der Kirche" zu diskutieren.

Da war Hardy erst einmal baff. "Man sieht mehr in einem JCPenny-Katalog", sagte Hardy der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) über einen Katalog eines Kaufhauses. "Ich fühle mich in meinem Recht auf freie Meinungsäußerung behindert."

Sein Ziel sei gewesen, Stereotypen über Mormonen einzureißen. "Ich mache niemanden fertig", sagt er. "Ich habe mich nur gefragt, was wohl passieren würde, wenn man dieses perfekte Disneyland-Image, für das die Mormonen jedes Jahr Millionen von Dollar ausgeben, ein bisschen durcheinanderbringt."

Jetzt weiß er, was er davon hat: im schlimmsten Fall eine Exkommunikation, vielleicht eine Bewährungsfrist und, wenn er Glück hat, einen Freispruch von allen Vorwürfen.

Hardy, der selbst einmal als Missionar in der Welt unterwegs war, sagt, er sei seit 2002 kein aktives Mitglied der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" mehr, wie sich die Kirche der Mormonen mit Hauptsitz in Salt Lake City, US-Bundesstat Utah, nennt. Er sagte, er sei nie zuvor von jemandem aus der Gemeinde wegen des Kalenders angesprochen worden und habe daher das Gefühl, dass die plötzliche Aufregung von der Kirchenzentrale in Salt Lake City angezettelt worden sei.

"Ich bin immer noch ein guter Mormonenjunge", sagte Hardy weiter. Er hege keinerlei Animositäten gegen die Kirche, aber er fühle sich ihr auch nicht sonderlich stark verbunden.

Mehr als 100 Anfragen von Modellen für neuen Kalender

In Blogs sorgte die Kalenderaktion Hardys für unterschiedliche Reaktionen. Manche hielten die Bilder für eine Beleidigung der Religion, da Missionare als Sexsymbole dargestellt würden. Außerdem widersprächen sie der Lehre der Kirche, sich sittsam zu kleiden. Andere schrieben, der Streit sei ein Beleg dafür, wie rückständig und weltfremd die Religion der Mormonen doch sei. Junge Mormonen schrieben, der Kalender böte vielen jungen Nicht-Mormonen doch einen Anlass, sich mal mit der Religion zu beschäftigen - wozu also die Aufregung?

Hardy freut sich über die Diskussion über Religion, die er mit dem Kalender angefacht hat. Die abgelichteten Models sehen die Debatte gelassen. "Wenn man etwas außerhalb der Norm macht, fühlen ich alle anderen immer unwohl, egal um was für eine Gruppe es geht", sagte der 25-jährige Student Jonathan Martin, einer der fotografierten Männer.

Die Kirche der Mormonen wollte sich zu dem konkreten Fall nicht äußern. Eine Sprecherin in Salt Lake City erklärte aber: "Jegliche Kirchendisziplin ist das Ergebnis von Handlungen, nicht des Glaubens." Entscheidungen würden auf lokaler Ebene getroffen.

Chad Hardy sieht's gelassen. Der Kalender für 2009 mit zwölf neuen Bildern soll im September erscheinen. Mehr als 100 Anfragen von Missionaren, die sich gern fotografieren lassen wollen, gebe es schon.

kaz

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