Mediziner im Dritten Reich: Ärzteschaft bittet NS-Opfer um Verzeihung

Sie hatten einen Heilauftrag und haben doch Menschenrechte aufs Gröbste verletzt: Für die Gräuel von Medizinern in der NS-Zeit hat sich die Deutsche Ärzteschaft entschuldigt. Sie will auch in Zukunft Konsequenzen aus den Schandtaten ziehen.

Nürnberg - Der Deutsche Ärztetag hat in einer "Nürnberger Erklärung" offiziell sein Bedauern über Menschenrechtsverletzungen von Medizinern in der NS-Zeit geäußert: "Wir bekunden unser tiefstes Bedauern darüber, dass Ärzte sich entgegen ihrem Heilauftrag durch vielfache Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben", heißt es in der am Mittwoch verabschiedeten Erklärung. "Wir gedenken der noch lebenden und der bereits verstorbenen Opfer sowie ihrer Nachkommen und bitten sie um Verzeihung."

Nicht nur die Äußerung an sich, auch der Ort des Ärztetages war von Bedeutung: In Nürnberg fanden regelmäßig Reichsparteitage statt, nach dem Krieg wurde das NS-Unrecht in den Nürnberger Prozesse aufgearbeitet.

Die Delegierten seien sich bewusst, dass die gravierendsten Menschenrechtsverletzungen nicht von politischen Instanzen ausgegangen seien, sondern von den Ärzten selbst. "Diese Verbrechen waren auch nicht die Taten einzelner Ärzte", heißt es in der Erklärung. Ebenso seien medizinische Fachgesellschaften, herausragende Vertreter der universitären Medizin sowie renommierte biomedizinische Forschungseinrichtungen beteiligt gewesen.

"Wir erkennen die wesentliche Mitverantwortung von Ärzten an den Unrechtstaten der NS-Medizin an." Der Deutsche Ärztetag verpflichtete sich zudem, die weitere historische Forschung dazu zu fördern und "sowohl in Form finanzieller als auch institutioneller Unterstützung" zu begleiten.

aar/dpa

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Langsam ist es genug!
gerd33 23.05.2012
Zitat von sysopSie hatten einen Heilauftrag und haben doch Menschenrechte aufs Gröbste verletzt: Für die Gräuel von Medizinern in der NS-Zeit hat sich die Deutsche Ärzteschaft entschuldigt. Sie will auch in Zukunft Konsequenzen aus den Schandtaten ziehen. Ärztetag entschuldigt sich bei Opfern von NS-Verbrechen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,834836,00.html)
Als Arzt, Jahrgang 1961 mit Eltern Jg. 1930 /1932 haben weder meine Eltern noch ich selbst an diesen Gräueltaten mitgewirkt. Es ist furchtbar, was passiert ist, aber entschuldigen können sich nur Schuldige, von denen fast alle jedoch tot sind. Diese erklärung hätte vor 30 Jahren erfolgen müssen, aber damals gab es noch zu viele Ex-Nazis in politischen und behördlichen Ämtern. Die Enkel- und Urenkel-Generation der Täter hat keine Veranlassung, sich für irgend etwas zu entschuldigen. Sie hat jedoch die Pflicht, auf die historischen Tatsachen hinzuweisen und daran zu arbeiten, dass sich Gleiches nicht wiederholt.
2.
Atheist_Crusader 23.05.2012
Muss denn immer dieser Mist sein? Wenn Jemand vor '45 Mediziner geworden ist, dann stehen die Chancen verdammt gut, dass er heute schon längst außer Dienst ist. Was sollen diese verdammten Entschuldigungen? Hat irgendwer der deutschen Ärzteschaft in den letzten paar Jahrzehnten irgendwelche Vorwürfe dahingehend gemacht? Warum entschuldigen wir uns nicht noch für die Toten des deutsch-französischen Krieges, wo wir schon dabei sind? Kann man nicht irgendwann mal sagen "Ist vorbei. War scheiße. Sorry. Und nu' is' aber mal gut!"? Wen juckt das schon noch? Für die Opfer von damals macht das auch keinen großen Unterschied mehr. Und wer uns eh schon nicht leiden kann, für den ebensowenig. Das Dritte Reich ist verdammtnochmal tot. Also lasst doch endlich mal den scheiß Sargdeckel zu!
3.
manney 23.05.2012
Na da wurde ja ordentlich auf die Pedale getreten. Grob gefasst entschuldigen sich dort Ärzte, die nicht verantwortlich sind, bei Opfern, die, mit Ausnahme einzelner, nicht mehr leben. Da hat man es sich ja schön einfach gemacht.
4. Ärzte sind Stellschrauben einer Gesellschaft...
openklaus 23.05.2012
Richter, Lehrer, Ärzte, Kirchenvertreter und Beamte waren und sind Stellschrauben unserer Gesellschaft. Dieser Verbund hat sich im "3. Reich" schuldiger als andere Bevölkerungsteile gemacht. Jetzt 70 Jahre nach deren Gräultaten eine "Entschuldigung" auszusprechen lässt bei mir eine Gänsehaut wachsen. Humanistische Bildung ist kein Garant für humanistisches Verhalten. Rückblickend muss man erkennen das neben einem gelebten Doktor-Titel eine grauenhafte Dummheit existieren kann. Vor 30 Jahren habe ich in der falschen Hoffnung gelebt zu wissen wie und was sich in der Nazi-Diktatur ereignet hat. Heute kann ich sagen in den letzten 30 Jahren kamen wie an einem endlos langen Band immer wieder neue Facetten dieser Zeit zum Vorschein. Ich erinnere an Familie Bush als US-Lieferant von Kriegsgütern bis 1942, das war bis zum Jahr 2000 so gut wie unbekannt. Die Gräueltaten der Ärzte im Jahr 1942 wurden von Richtern gedeckt, von Kirchenvertretern "abgesegnet" und von Beamten gut verwaltet - wer muss sich da entschuldigen ?
5. Es ist furchtbar, was passiert ist, aber...
atherom 23.05.2012
Zitat von gerd33Als Arzt, Jahrgang 1961 mit Eltern Jg. 1930 /1932 haben weder meine Eltern noch ich selbst an diesen Gräueltaten mitgewirkt. Es ist furchtbar, was passiert ist, aber entschuldigen können sich nur Schuldige, von denen fast alle jedoch tot sind. Diese erklärung hätte vor 30 Jahren erfolgen müssen, aber damals gab es noch zu viele Ex-Nazis in politischen und behördlichen Ämtern. Die Enkel- und Urenkel-Generation der Täter hat keine Veranlassung, sich für irgend etwas zu entschuldigen. Sie hat jedoch die Pflicht, auf die historischen Tatsachen hinzuweisen und daran zu arbeiten, dass sich Gleiches nicht wiederholt.
Weder Sie, noch Ihre Eltern haben an den Gräueltaten mitgewirkt, schreiben Sie. Ich habe übrigens noch nie gehört, dass irgendwelche Eltern damals mitgewirkt haben (und was ist mit den Großeltern?). Aber das wollte ich nicht schreiben. Ich wollte bemerken, dass die heutige Ärzteschaft, die ja ganz anders arbeitet, zumindest von Ansätzen zu Manchem bereit wäre. Wie kommt es nämlich sonst, dass Ärzte stillschweigend die unsägliche Budgetierung hinnehmen? Dass man nichts dagegen hat, finanzielle Grenzen des ärztlichen Tuns vorgeschrieben zu bekommen, ohne dagegen aufzubegehren? Anstatt gegen die Beschränkungen auf die Strasse zu gehen, wird eben darauf peinlichst geachtet, die Budgetierung nicht zu überschreiten. Patient? Das gibt es ja IGEL-Leistungen, da muss er eben blechen. Ach ja: zur Operation kann man ja auch einweisen: es wird finanziell nicht bestraft, man tut etwas und bekommt –vielleicht- eine (ganz offizielle) Prämie, für die Einweisung. Obwohl der Arzt die Operation am eigenen Familienmitglied nie für nötig hielte.
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