Protest bei Gauland-Rede Wer war der Mann auf dem Lautsprechermast?

Bei der AfD-Demo in Berlin kletterte ein junger Mann auf einen Lautsprechermast und störte die Rede von Alexander Gauland. Was hat er sich dabei gedacht?

SPIEGEL ONLINE

Von Bartholomäus von Laffert


Es ist drei Minuten nach drei, als Nic Zemke am Sonntagnachmittag in Berlin auf einen Lautsprechermasten auf dem Platz des 18. März klettert. Gerade hält dort Alexander Gauland vor AfD-Anhängern eine Rede. Am Abend werden deutsche Nachrichtensender Aufnahmen senden, auf denen der blasse, junge Mann mit den schulterlangen, aschblonden Haaren der Menge den Mittelfinger entgegenstreckt und den Fraktionsvorsitzenden der AfD kurz derart aus der Fassung bringt, dass er seine Rede unterbricht.

"Abschieben" und "abschießen" schreien die Demonstranten Zemke entgegen. "Das sind die Narren, die Deutschland nicht lieben", sagt Gauland ins Mikrofon, bevor Zemke herabklettert und von Polizisten abgeführt wird. Gegen ihn wird nun wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz ermittelt.

Zemke, 26 Jahre alt, arbeitet in Hamburg als Softwareentwickler und unterstützt seit drei Jahren ehrenamtlich die Seenotrettungsorganisation Sea Watch im IT-Bereich. Was hat er sich bei seiner Protestaktion in Berlin gedacht? Im Interview schildert er seine Sicht der Dinge.

SPIEGEL ONLINE: Herr Zemke, sind Sie ein Narr, der Deutschland nicht liebt?

Nic Zemke: Das Deutschland, das Herr Gauland heraufbeschwört, liebe ich nicht. Wenn er 500 Meter vom Holocaustmahnmal entfernt und zwei Tage, bevor sich die Anschläge in Solingen zum 25. Mal jähren, von einem Deutschland der Deutschen ohne Zuwanderer träumt, dann macht mir das Angst.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie es für konstruktiv, den Anhängern einer demokratisch gewählten Partei "Fickt euch" zuzurufen und ihnen den Mittelfinger zu zeigen?

Zemke: Eine Einladung zum Dialog war das nicht und von einem Mittelfinger haben sich noch die wenigsten überzeugen lassen. Aber ich muss Ihnen ehrlich sagen: Ich bin seit drei Jahren als Seenothelfer bei Sea Watch aktiv, habe Menschen auf der Flucht im Mittelmeer an der europäischen Außengrenze ertrinken sehen. Da ist das meine verdammte Pflicht, dass ein Herr Gauland seine Ressentiments und Hetze gegen "Gäste", wie er Geflüchtete sarkastisch nennt, nicht widerspruchslos verbreiten kann. Genervt habe ich ihn mit meiner Aktion allemal.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man nicht mit AfD-Anhängern reden?

Zemke: Ich glaube an den demokratischen Diskurs! Aber mit den Hetzern lässt sich nicht reden, reden müssen wir mit denen, die sich von den Hetzern verführen lassen. Mein Mittelfinger galt in erster Linie Gauland und seinen Parteifreunden und nicht den Applaudierern.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie von der Demo wieder weggekommen?

Zemke: Ich bin vom Mast runtergekommen, als ich gesehen habe, dass einige Demonstranten einen Kreis um meine Freundin gebildet haben und angefangen haben, sie zu treten und zu bespucken. Das war echt ein Glück, dass die Polizei sofort da war, sonst wären wir da nicht heile rausgekommen.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.