Von "Zenith"-Autorin Christine-Felice Röhrs, Masar-i Sharif
Es ist schwer zu sagen, ob sich die Situation der afghanischen Frauen verbessert hat oder nicht, seit die Weltgemeinschaft angetreten ist, sie zu "befreien". Auf dem Papier immerhin hat sich jüngst einiges getan: Das neue Schiitengesetz, das weltweit Empörung hervorgerufen hat, weil es die Ehefrau zum Beischlaf mit dem Ehemann zwingt, beinhaltet auch, dass das Hochzeitsalter von 9 auf 16 Jahre heraufgesetzt wurde. Außerdem wurde ein "Gesetz zur Eliminierung der Gewalt gegen Frauen" verabschiedet.
Andererseits werden viele Rechte nicht eingeklagt, weil Frauen sich den meist männlichen Polizisten nicht anvertrauen, viele Juristen die Gesetze nicht kennen, oder es entweder im Pashtunwali-Sittenkodex oder im Schariarecht - beide neben der Verfassung gültig - anders lautende Gesetze gibt.
Verlässliche Zahlen sind nur schwer zu kriegen. Womankind Worldwide hat 2008 folgende veröffentlicht: 80 Prozent der afghanischen Frauen seien von häuslicher Gewalt betroffen, 60 Prozent der Ehen seien erzwungen, und die Hälfte aller Mädchen werde verheiratet, bevor sie 16 seien. CCA hat seit seiner Gründung genau 201 Frauen helfen können. Endy Hagen sagt: "Die, die es ins Frauenhaus schaffen, sind eine sehr glückliche Minderheit."
Beschimpft, weil sie "schmutzigen Mädchen" helfen
Im Büro, das in einem anderen Stadtteil liegt, ist an diesem Tag viel los. Besuch empfangen die Mädchen nur hier. Im ersten Stock sitzt die Familie eines Opfers. Das Mädchen hat seine Verlobung gebrochen. Mutter und Tochter haben die Burka über dem Kopf zurückgeschlagen; das Mädchen ist sehr hübsch, rotwangig, große braune Augen, schwarze Locken. Der Vater hockt auf den Fersen neben ihr. Er wirkt nicht aggressiv, aber er ist durchsucht worden, bevor er ins Haus durfte. Es hat Angriffe gegeben.
Die Sozialarbeiterinnen bekommen Drohanrufe. Sie träumen schlecht. Sie werden beschimpft, weil sie "schmutzigen Mädchen" helfen. Sie müssen sich sagen lassen, dass sie das auch schmutzig mache, und dann hat Ruqia, die Chefin, manchmal solche Rückenschmerzen, dass sie ein wenig gebeugt gehen muss. Der Druck ist stark auf die, die es wagen, traditionelle Strukturen anzuzweifeln.
Hagen möchte gerne Kurse für ihre Kolleginnen organisieren, die sie besser befähigen, mit traumatisierten Menschen zu arbeiten, aber da muss erst wieder neues Geld her. Der DED sponsert die deutsche Beraterin und mehrere Trainingsserien; zum Beispiel zur Sensibilisierung von Polizisten und Gefängnisangestellten, denn bei denen landen die Frauen "in Schande" oft zuerst. Die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) hat Hilfe zugesagt für die laufenden Kosten. Aber all das muss jedes Jahr neu beantragt werden, kommt mitunter spät, reicht nicht für Notfälle und immer so weiter. Der Kampf ums Geld macht die Arbeit noch härter.
Im dämmrigen Kellerraum findet ein Kurs statt, Thema "Seelische Gesundheit". 20 Frauen aus dem "Sicheren Haus" gucken schweigend auf die Tischplatte. Die Trainerin fragt: "Was, meint ihr, sind Gründe für Traurigkeit?" Die Antworten sind einsilbig. Ein schlechter Vater. Ein schlechter Onkel. Detaillierter wird es nicht. Aus Scham. Über das, was war. Und das, was ist.
Für afghanische Mädchen ist der Aufenthalt im "Sicheren Haus" wie eine Zeit im Nichts. Keine Kinder, kein Haus, kein Hochzeitsschmuck, der vorzuzeigen wäre. Alles, was in ihrer Welt Stabilität gewährleistet, ein Gesicht, hat sich aufgelöst, hat sie betrogen und alleine zurückgelassen. Zusammen mit der Schuld. Du bist vergewaltigt worden? Du musst ein schlechtes Mädchen sein. Du bist geschlagen worden? Du wirst schon was angestellt haben. Acht Selbstmordversuche hat es in den vergangenen zwei Jahren im Haus gegeben.
Ehre ist nur schwer zu kitten
Die drei Sozialarbeiterinnen von CCA sprechen oft und lange mit den Mädchen, sie wollen ihnen das Gefühl vermitteln, dass es nicht ihre Schuld war, wenn sie geschlagen oder vergewaltigt wurden. Sie sprechen aber besonders viel mit den Angehörigen, bevor sie die Mädchen zurücklassen in die Familie. Die Abmachung lautet: keine Schläge mehr, keine Vergewaltigungen, keine Zwangshochzeiten.
CCA macht auch Kontrollbesuche. "Aber die Leute haben es hier", sagt Ruqia und legt eine Hand auf die Brust. Sie vergessen nicht. Ehre ist nur schwer zu kitten. Die Schande eines Mädchens ist die Schande aller, und weil Schande in Afghanistan noch etwas bedeutet, bedeutet auch Rache etwas. Es ist das Prinzip der Sippenhaft. Der Ehrenmorde. Es ist die Gefahr, der sich die Frauen aussetzen, sobald sie versuchen, sich der Gewalt zu entziehen. Und es ist das Risiko, das CCA eingeht, wenn sie die Mädchen in die Familien zurückschicken.
Die Frauenhäuser sind in der Kritik deswegen. Es gibt internationale Geber, die sie nicht unterstützen wollen. Sie sagen: Kann man die Natur eines Schlägers durch Reden verändern? Das ist eine gute Frage. Aber auch eine arrogante, findet Endy Hagen. "Was ist die Alternative? Zulassen, dass die Frauen totgeschlagen werden?"
Die Verhandlungen mit der Familie von Zuhras Ehemann laufen nicht gut. Man hat Zuhra die Wahl gelassen: Du gibst das Brautgeld zurück. Oder du heiratest einen anderen Mann aus unserer Familie. Das Geld jedoch steckt im Brautschmuck, und den hat Zuhras Ehemann behalten. Und was den Gattentausch angeht: "Mein Eindruck von dieser Familie ist nicht so gut", sagt Zuhra höflich. Sie ist nun seit acht Monaten hier.
Dies ist ein Beitrag aus Zenith 2/2010, der Zeitschrift für den Orient.
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