Afghanistan "Sollen wir zulassen, dass Frauen totgeschlagen werden?"

Er schlug sie mit Gläsern. Dem Besen. Dem Spaten. Die Geschichte der Afghanin Zuhra erzählt davon, wie wenig sich in dem Land für Frauen verbessert hat. Zwangsehen und brutale Gewalt, kein Schutz durch den Staat - ein Besuch bei Opfern der Unterdrückung.

Marcel Mettelsiefen

Von "Zenith"-Autorin Christine-Felice Röhrs, Masar-i Sharif


Am Tag der Hochzeit stand plötzlich ein anderer Mann vor Zuhra. Sie war ihrem Verlobten einmal vorgestellt worden. Damals hatte sie einen kleinen, etwas rundlichen Jungen gesehen. Man hatte ihr ein gutes Leben mit ihm versprochen, und sie hatte es geglaubt. Und jetzt war da ein großer, hagerer Mann, viel älter als sie. Ein Fremder.

Das war vor zwei Jahren im Sommer. Vor einem Jahr ist Zuhra ihrem Mann davongelaufen. Zu dem Zeitpunkt hatte er sie monatelang fast täglich geschlagen, "mit allem, was er in die Hände bekam", sagt sie. Mit Besen, Spaten, Teegläsern.

Zuhra erzählt das im Garten des Chane Amin, des "Sicheren Hauses" in Masar-i Sharif, Nord-Afghanistan. Es ist nicht erlaubt, zu beschreiben, wie dieses Haus aussieht oder wo in Masar-i Sharif es liegt. Es ist schon gar nicht erlaubt, Fotos zu machen von Zuhra und den anderen Mädchen. Es ist erlaubt, zu sagen, wie jung sie alle wirken. 29 Frauen leben derzeit hier. Die Älteste ist 26. Zwei sind 14. Fünf haben Depressionen. Sie haben Heimweh. Es ist eine irrationale Sehnsucht, nach Familien, die sie schlecht behandelt haben. Aber die Prägung auf die Familie ist so stark, das Alleinsein so schmerzhaft, als habe man den Mädchen etwas amputiert.

Geführt wird das Frauenhaus, das Zuhra beschützt, von CCA, dem Cooperation Center for Afghanistan. CCA ist eine gemeinnützige, auf Spenden angewiesene Organisation, gegründet von Exil-Afghanen in Pakistan, von vor den Taliban geflohenen Intellektuellen, die den Notleidenden daheim helfen wollten. Sein Direktor, Hamid Safwat, 36, ein kleiner Herr mit feingeschnittenem Gesicht und Schnurrbart, hat damals Berichte über Menschenrechtsverletzungen ins Ausland geschmuggelt. Nach dem Krieg hat er dann in einer Untersuchungskommission gesessen und Opfer gezählt. Opfer aller Seiten. Kinder, Taliban, Soldaten, Frauen. "Die Frauen", sagt er, "schienen mir die einzigen, die keinen, aber auch gar keinen Schutz haben."

Der Aufstand westlicher Gefühle nützt nichts

Also hat CCA ein Frauenhaus eröffnet. Das war 2007. Es ist eines von nur fünf in ganz Afghanistan, und es ist chronisch überbelegt. Die Mädchen und Frauen werden ihm durch Persönlichkeiten vermittelt, die auch im Frauenhaus-Rat sitzen, darunter der Polizeichef, der Distriktrichter, Gesandte verschiedener Hilfsorganisationen sogar der Vorsteher des heiligen Schreines von Hazarat Ali ist dabei.

Dieser Rat ist eine kluge Investition in die Existenz des Frauenhauses. Hamid Safwat hat mit ihm die bedeutendsten Bürger von Masar ins Boot genommen. Er beugt dem Misstrauen vor, mit dem man Frauenhäuser in Afghanistan betrachtet. Denn Frauen holt man hierzulande nicht aus den Familien heraus. Man behält sie drin. Hinter verschlossenen Türen. Der Rat schafft Transparenz, wo Unerhörtes vermutet wird.

Vor einigen Wochen erst war eine hohe Ermittlungskommission da, aus der Hauptstadt. Ein Brief war bei Präsident Karzai eingetroffen, in dem sinngemäß stand, es handele sich bei diesen Häusern doch sowieso nur um verdeckte Hurenhäuser.

Zuhras Vater hatte damals noch versucht, die Hochzeit mit dem Fremden zu verhindern. Aber er hatte schon das Brautgeld angenommen, zweieinhalb Lac Afghani, fast 5000 Dollar, und er hatte seiner Tochter Schmuck gekauft, wie der Brauch es vorsieht. Das Geld war weg. Die Hochzeit fand statt.

Zuhra ist 20 Jahre alt, eine kleine Person, schmal, ganz in Schwarz, eine weite Bundfaltenhose, eine lange Jacke darüber. Sie hat ein rundes Gesicht mit irritierend gleichmütigen braunen Augen. Die Fakten ihrer Ehe erheben sich aus ihrem Mund nicht zu Anklagen. Sie bleiben flach und nüchtern. Mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen. Blut aus dem Mund. Wunden auf dem Rücken. Zuhra sitzt da mit im Schoß gefalteten Händen und dem Dauerlächeln des wohlerzogenen Mädchens.

Enge Welt, voller schwarz-weißer Rollenbilder

Afghanische Mädchen ziehen nach der Hochzeit zum Ehemann ins Haus der Schwiegermutter. Zuhras einzige Freundin dort war die Frau eines Onkels. Sie war es, die Zuhra erzählt hat, dass ihr Ehemann schon als Junge nicht normal gewesen sei. Eine Vorliebe für grausame Späße habe man ihm nachgesagt. Der Verrückte, haben die Leute ihn genannt. Vielleicht hatte man ihn deshalb der Braut nicht vorgestellt, sondern einen Alibi-Bewerber geschickt.

Zuhra erzählt längst nicht alles, was sich in diesem Haushalt zugetragen hat. "Das Schlimmste verschweigt sie", sagt Endy Hagen. "Sie schämt sich." Endy Hagen, 52, ist Entwicklungshelferin. Sie kommt aus Berlin, eine kleine Frau mit weißem Haar und Temperament. Der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) hat sie vor einem Jahr zu CCA geschickt. Sie soll die Trainingsabteilung stärken.

Die ist das zweite Standbein der afghanischen Organisation. Vier Trainerinnen und ein Trainer sollen, wie es im Entwicklungshelferdeutsch heißt, "bei staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren ein Bewusstsein für Frauenrechte schaffen". Sie vermitteln außerdem Wissen darüber, wie man Konflikte gewaltfrei angeht. "Dass man eben", sagt Hagen, "Probleme in der Familie anders lösen kann, als die Frau zu verprügeln". Sie bildet auch die Sozialarbeiter und Lehrer für das Frauenhaus fort.

Die Mädchen im "Sicheren Haus" haben täglich Unterricht. Sie lernen lesen und schreiben, sie lernen nähen, sie lernen, wie das Auge schaut und das Ohr hört. Es geht darum, ihnen, die meistens Analphabeten sind, einen Begriff von der Welt zu vermitteln. Es ist aus westlicher Sicht eine enge Welt, voller schwarz-weißer Rollenbilder.

Ruqia, die Frauenhaus-Vorsteherin, eine schmale Person mit getönter Brille, selber erst 28, hat zum Gespräch in ihr Büro gebeten und sagt ernsthaft: "Männer kann man nicht ändern." Stattdessen versuchten sie nun, die Frauen zu ändern. Sie stärker zu machen für die Zeit, wenn sie in ihre Familien zurückgehen.

Denn das ist die Option, die die Leute vom "Sicheren Haus" für ihre Klientinnen auszuhandeln versuchen: zurück in die Familie. Wenn es geht, sollen die Mädchen nicht zurück zum Vergewaltiger oder Schläger; stattdessen vielleicht zum Bruder oder Onkel. Wenn es geht, wird die Rechtsanwältin des Frauenhauses eine Scheidung erwirken. Wenn es geht, findet sie einen neuen Mann für die Klientin.

Wenn es nicht geht... Einige Mädchen sind nun schon seit mehr als zwei Jahren im "Sicheren Haus".

Kein Leben außerhalb der Familie

"Für uns Westler sind diese Lösungen natürlich nicht befriedigend", sagt Hagen. "Aber für Afghanistan ist es ein revolutionäres Konzept." So sei es eben, in Afghanistan Entwicklungshilfe zu machen, sagt sie. Das Mantra der Geduldigen wider Willen.

Außerhalb der Familie gibt es in Afghanistan kein Leben für Frauen. Der Aufstand westlicher Gefühle nützt da gar nichts. Die etwas liberalere, gebildete Mittelschicht, mit der die internationalen Helfer in Berührung geraten, ist sehr dünn. Selbst manche der selbstbewussten Frauen aus dem CCA-Büro dürfen nicht alleine reisen. In den Schichten darunter liegt eine Gesellschaft, die noch so lebt wie vor Jahrhunderten, zudem zerrissen und verroht von 30 Jahren Krieg.

Die neue afghanische Gesetzgebung hat nur einen dünnen Firnis darüber gelegt. Sie sieht vor: Wer bei "Zi'na" erwischt wird, dem außerehelichen Geschlechtsverkehr, wandert für eineinhalb bis sieben Jahre ins Gefängnis. Aber die alten, religiös begründeten Strafen sind auf dem Land, vor allem dort, wo die Taliban an Boden gewonnen haben, noch weithin in Gebrauch. Dort werden die Frauen für "Zi'na" noch mit Schlägen mit der "Durra" bestraft, einer Art lederbezogenem Paddel.

Es gibt immer wieder Berichte über Steinigungen, "Sang Boron". Über den Tausch von Töchtern gegen Vieh. Oder über "Bad Dadan - fürs Schlechte geben". Nach dieser Praxis dürfen Familien, die ein Kind wegen einer anderen Familie verlieren - sei es, ein Sohn wird getötet oder eine Tochter verführt - ersatzweise ein Kind aus der "Täter"-Familie einfordern.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 04.09.2010
1. Cia
---Zitat--- Appeals by President Obama and Afghan Women Might Gain Traction ---Zitatende--- http://blog.fefe.de/?ts=b5522080
Wer ich wirklich bin, 04.09.2010
2. !
Wie stand es noch in einem CIA-Papier? Die Kriegsmüdigkeit der Deutschen lässt sich am besten mit Geschichten über arme afghanische Frauen bekämpfen.
moritzdog, 04.09.2010
3. Wenn
Zitat von sysopEr schlug sie mit Gläsern. Dem Besen. Dem*Spaten. Die Geschichte der Afghanin Zuhra erzählt davon, wie wenig sich in dem Land für Frauen verbessert hat. Zwangsehen und brutale Gewalt, kein Schutz durch den Staat - ein Besuch bei Opfern der Unterdrückung. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,715396,00.html
die Afghanen es so wollen. Uns geht das nichts an.
namachschon, 04.09.2010
4. ...und in Deutschland ?
Hallo, läßt sich ja trefflich mosern über die Situation der Frauen in AFG. Bevor man auf andere Länder zeigt, sollte man sich die Situation im eigenen Land anschauen. Laut Bundesverband / Bff klagen ca. 40 % der erwachsenen Frauen über Gewalt unterschiedlicher Art. Sind wir also besser? Rechtfertigt dies den Einmarsch fremder Truppen??? Grüße...
jenzy 04.09.2010
5. ...
Zitat von moritzdogdie Afghanen es so wollen. Uns geht das nichts an.
genau, immer schön vor der eigenen türe kehren.
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