SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

06. Juni 2011, 11:41 Uhr

AKW als Freizeitpark

Das Kernkompetenzzentrum

Von , Kalkar

Der Schnelle Brüter in Kalkar sollte das modernste Kernkraftwerk der Welt werden. Er geriet zum Milliardengrab. Dann kam ein niederländischer Bauernsohn und baute ihn zum Freizeitpark um. Leitungen, Pumpen, Turbinen wichen Karussells, Kneipen und Kartbahn.

"Wir gehen jetzt zum Reaktorkern", sagt der Mann und marschiert los: an den Plastikpflanzen vorbei, rechts Richtung Herrentoilette, links stehen ein Zigarettenautomat und eine elektronische Waage, der Teppich ist blau und tief, die Schritte sind lautlos. Der Mann zieht einen Schlüssel aus der Tasche, eine braune Brandschutztür öffnet sich. "Ich geh vor", sagt der Mann, hält inne, dreht sich um: "Seien Sie vorsichtig!"

Schummriges Licht, nackter Stahlbeton, unten, oben, links und rechts, die Wände sind so dick wie drei Arbeiter breit. "Der Reaktorkern ist geradeaus", sagt der Mann und deutet den Gang hinab. Es riecht verbrannt, irgendwo wird geschweißt.

Das Herzstück der Anlage ist eine monströse Kugel aus Stahl, Luken lassen sich ausmachen im Halbdunkel, verrostetes Metall. Hier, im Zentrum des Komplexes, der früher Schneller Brüter Kalkar hieß und einmal das modernste Atomkraftwerk der Welt werden sollte, ist nicht viel vom Glanz deutscher Spitzentechnologie geblieben. Es sieht aus wie in einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg.

"Fertig ist das Hotel"

Han Groot Obbink, 50, klein, flink, Niederländer, ruft zurück in die andere, die aktuelle Welt, die Tür öffnet und schließt sich, es ist wie eine Zeitreise in zwei Schritten. Plötzlich plätschert Musik aus den Lautsprechern, Kinder lärmen, es riecht nach Essen. "Einfach ein bisschen Farbe an die Wände, ein bisschen dekoriert", sagt Groot Obbink, "und fertig ist das Hotel."

Ganz so einfach war es natürlich nicht - und kaum jemand weiß das besser als der Manager, der seit 15 Jahren in der Anlage arbeitet, die jetzt Kernwasserwunderland heißt. Es war eine industrielle Metamorphose ohne Vorbild, eine Phantasterei eigentlich, die - da sind sich zumindest die Deutschen sicher - nur einem Holländer gelingen konnte: Man kaufe ein Atomkraftwerk und baue es um zum Freizeitpark.

Und der Schnelle Brüter in Kalkar war noch nicht einmal irgendein Kraftwerk, sondern ein zum nationalen Symbol aufgeladener Multi-Milliarden-Komplex, der zunächst von der Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie kündete, dann vom Widerstandswillen der Jungen und schließlich von der Absurdität politischer Entscheidungen: acht Milliarden Mark Baukosten und keine Minute am Netz. Am Ende, nach Tschernobyl, stand "der Brüter" - wie er in der Gegend hieß - sogar jahrelang leer. Niemand wollte die gigantische Betonburg haben.

Hennie macht

Sie hätten zusammen gesessen im Kollegenkreis, erzählt der Angestellte Karl-Heinz Rottmann, 57, als der niederländische Investor Hennie van der Most 1995 vorgefahren sei. Die Stimmung am Boden, lange Gesichter, da steigt dieser große weißhaarige Mann aus seinem schwarzen Mercedes. "Hallo, ich heiße Hennie, ich kaufe hier alles", habe der gesagt und er, Rottmann, bloß gedacht: "Jo, mach mal!"

Und Hennie macht. Der Bauernsohn und Schrotthändler aus der holländischen Provinz leiht sich ein paar Millionen Mark für das Atomkraftwerk, das als Perpetuum mobile des Industriezeitalters gedacht war. Der Uran-Kern sollte mehr Plutonium produzieren, als der Reaktor brauchte. Und das hieß: Energie auf ewig, gut, sauber und so sicher wie möglich.

Doch Hennie reißt raus: Leitungen, Pumpen, Turbinen - Technik, die Millionen gekostet hatte, landet auf dem Müll. Die Ingenieure, die sich in der Umgebung niedergelassen hatten, betrachten sein zerstörerisches Werk voller Abscheu. Und weil es in einem Atomkraftwerk alles drei- oder sogar fünfmal gibt, um im Falle des Falles mehrere Rückfallstufen zu haben, ist auch heute, 15 Jahre später, erst ein Drittel des Reaktors umgebaut - und dort vergnügt sich nun das Volk.

437 Zimmer, vier Restaurants mit insgesamt 2000 Plätzen, sieben Kneipen, Bowling-, Kart- und Achterbahn, Minigolf, Tennis, Trampolin, Karussells, Riesenrad und so viel Cola und Softeis, wie Jennifer, Jaqueline und Kevin essen können. "All inklusive" lautet die Formel der größten anzunehmenden Völlerei im Protonenbeschleuniger der Spaßgesellschaft.

Die größte Pommesbude der Welt

Man muss das nicht mögen. Manche sagen, es sei die größte Pommesbude der Welt entstanden, die "Süddeutsche Zeitung" nannte es "ein Disneyland für Arme". Dabei möchte das Kernwasserwunderland viel mehr sein: Ballermann und Rentnerparadies, Schinkenstraße und Wanderweg, Schlagerparty und Traktorpulling. "Wir wollen alle", sagt Prokurist Groot Obbink. Und bis zu 600.000 Menschen hätten sie jährlich sogar schon, dabei sei ja früher keiner reingekommen. Quasi verkehrte Welt. Er lächelt leicht schief.

Und ist nun die deutsche Atomausstiegsdebatte hier ein Thema?

"Nee, nicht so", sagt der Manager.

"Die wat?", fragt Frau Peters aus Goch zurück. "Ach so, dat die jetzt Schluss mit den Kernkraftwerken machen. Ja, ich weiß nicht." Sie geht weiter.

Ausstieg nach dem Ausstieg

Das Museum der Anlage ist menschenleer, nur Groot Obbink pocht auf eine Schautafel mit vielen roten Punkten, die Standorte europäischer Atomkraftwerke markieren. Frankreich scheint voll davon. "Sehen Sie das", sagt der Manager. "Und in Holland bauen wir jetzt auch noch eins." Also hält er den deutschen Ausstieg für übertrieben? "Mir ist das egal. Ich weiß nur: Wenn der Strom ausfällt, gibt es ein Problem. Und wenn er teuer wird, ist das auch nicht gut."

Der Energieverbrauch des früheren Brüters ist heute schon gewaltig: drei Millionen Kilowattstunden im Jahr plus 550.000 Kubikmeter Gas. Und deswegen muss in Kalkar künftig wohl doch noch Strom produziert werden. Man plane, ein Windrad zu bauen und vielleicht auch eine Biogasanlage, sagt Groot Obbink. Und damit wäre dann nicht nur der Ausstieg nach dem Ausstieg vollzogen, sondern auch die deutsche Atomkraft endgültig besiegt. Und zwar auf heimischem Platz.

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH