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AKW Fukushima: Die "Tapferen 50" an der Strahlenfront

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Es ist ein Kampf unter Extrembedingungen, mit höchstem Risiko für Leben und Gesundheit: Im AKW Fukushima versuchen ein paar Dutzend Techniker, das Schlimmste zu verhindern. Im Internet werden sie als Helden gefeiert.

Katastrophe in Japan: Verzweiflung in Fukushima, Angst in Tokio Fotos
REUTERS/ NHK

Hamburg - Immer wieder Explosionen, weitere Brände, immer wieder Ausfälle von Kühlsystemen - die Betreiber des Atomkraftwerks Fukushima I, dieser Eindruck verfestigt sich seit Tagen, sind längst nicht mehr Herren der Lage, sondern betreiben nur noch hastiges Katastrophenmanagement.

Evakuiert wurde bisher eine Zone von 20 Kilometern um das Kraftwerk herum, im Umkreis von 30 Kilometern sollen alle Menschen auf Anordnung der Regierung in ihren Häusern bleiben. "Bitte schließen Sie die Fenster, und schließen Sie ihr Haus luftdicht ab", sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Die Strahlung habe ein "gesundheitsgefährdendes Maß" erreicht. 750 Fukushima-Mitarbeiter haben das Gelände des Kernkraftwerks mittlerweile verlassen - nur 50 Mann bleiben zurück. Auf ihnen ruht nun die Hoffnung von Millionen Japanern. Die Techniker und Ingenieure riskieren die eigene Gesundheit, um das Leben Tausender zu retten.

Die 50 Mitarbeiter in ihren weißen Strahlenschutzanzügen arbeiten den Behörden zufolge noch in Fukushima I. Sie bewegen sich nach dem Stromausfall laut "New York Times" in völliger Dunkelheit, tragen Sauerstofftanks auf dem Rücken, Masken vor dem Gesicht. Sie versuchen, den Wasserkreislauf in den Reaktoren aufrecht zu erhalten, immer wieder wird ihre Arbeit durch Feuer und Explosionen unterbrochen, am Mittwoch mussten sie zeitweise ihren Arbeitsplatz verlassen - das unmittelbare Risiko wurde als zu hoch eingestuft.

Die Gesundheit der Männer steht dabei hintan: Nach einem Bericht der größten japanischen Tageszeitung "Asahi" hat die Regierung die Obergrenze für zulässige Strahlenwerte bei den Arbeitern von 100 Millisievert auf insgesamt 250 Millisievert (mSv) angehoben, damit die Techniker und Ingenieure im AKW weiterarbeiten können. "Angesichts der Gesundheit der Arbeiter ist es ist undenkbar, die Werte noch weiter anzuheben", sagte Gesundheitsministerin Yoko Komiyama laut der "New York Times".

Fünf Arbeiter starben, 22 sind verletzt

Das Gesundheitsministerium und das Wirtschaftsministerium haben die Maßnahme demnach mit dem Nuklearfachrat abgestimmt. Doch noch ist völlig unklar, wie hoch die Gefahr ist, der die Männer ausgesetzt sind. Es gibt nur spärliche Informationen, die Angaben schwanken. Am Mittwoch sei die Strahlung bereits deutlich gesunken, bemühte sich die Regierung um Beruhigung. Allerdings hatte die Strahlung am havarierten AKW zeitweise deutlich höher gelegen - siehe Grafik:

Grafik: So gefährlich sind die Strahlen Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Grafik: So gefährlich sind die Strahlen

Seit dem Beben sind fünf Arbeiter gestorben, 22 weitere erlitten Verletzungen, zwei gelten noch immer als vermisst, schreibt die "New York Times". Von den Verletzten habe ein Mann in eine Klinik eingeliefert werden müssen, nachdem er plötzlich Schmerzen im Brustkorb hatte. Ein weiterer wurde bei einer Explosion direkt radioaktiver Strahlung ausgesetzt.

Zu den 50, die jetzt noch im AKW arbeiten, gibt die Betreiberfirma Tokyo Electric Power Company (Tepco) keine Informationen heraus - und schweigt sich auch darüber aus, wie lange jeder Einzelne noch vor Ort bleiben soll.

Michael Friedlander arbeitete 13 Jahre lang in verschiedenen Kraftwerken in den USA. Seine Erfahrungen schilderte er der "New York Times". "Man macht sich Sorgen um die Gesundheit und Sicherheit der Familie, aber man spürt auch die Verpflichtung, im Werk zu bleiben", sagte er. Demnach sei oberste Priorität, die Familie zu warnen und zur Flucht zu animieren, bevor man die Arbeit im AKW fortsetze. Und weiter: "Es gibt eine starke Loyalität und Kameradschaft unter den Kollegen, mit denen man viele Schichten und unter Umständen Jahre verbracht hat."

Im Minutentakt werden auf Twitter Beiträge zu den "Tapferen 50" veröffentlicht. "Wir denken an die 50 Arbeiter, die im AKW Fukushima ihr Leben riskieren, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. VIELEN DANK", schreibt der User Tokyodandy. "Sie sind wahre Helden", schreibt StephanieJBlock.

Auch der Anti-Atomkraft-Aktivist Philip White vom Citizens Nuclear Information Center in Tokio würdigte die Leistung der Arbeiter in Fukushima. Sie setzten sich hohen Strahlendosen aus und riskierten ihr Leben, sagte White der britischen BBC. Der Unwillen der Behörden, in der Vergangenheit auf Ratschläge bezüglich der Gefahren von Erdbeben und Tsunamis zu hören, habe zu der bedrohlichen Situation geführt.

"Aus technischer Sicht das Richtige"

Die tiefe Dankbarkeit spiegelt die Hilflosigkeit der Bevölkerung wider. Auf den Technikern ruht die Hoffnung der Menschen. Die "Tapferen 50" harren an dem radioaktiv verstrahlten Ort aus - aus dessen Gefahrenzone zunächst 200.000 Menschen in Sicherheit gebracht worden waren, am Mittwoch wurde die Umsiedlung weiterer 28.000 Bewohner angeordnet - siehe auch Liveticker.

Die Männer am AKW opfern womöglich ihr Leben, um ihre Landsleute zu retten - sie kämpfen gegen eine drohende Katastrophe, die sich im schlimmsten Fall ohnehin nicht mehr stoppen lässt.

Henrik Paulitz von der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW betont, aus der Ferne seien nur vage Einschätzungen des Geschehens möglich. "Doch aus technischer Sicht scheint dort das Richtige getan zu werden, um die Schäden zu begrenzen."

In Fukushima I versuchten die letzten AKW-Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit Einsatzkräften von Polizei und Feuerwehr, die Brennstäbe im Abklingbecken von Block 4 vom Boden aus zu kühlen. Dann wurden Hubschrauber eingesetzt, die jedoch gestoppt werden mussten, der Einsatz war zu gefährlich.

"Situationen wie in Fukushima werden bei Katastrophen-Planspielen immer wieder simuliert", sagt Ortwin Renn, Risikoforscher von der Universität Stuttgart. Ein Beispiel: Terroristen entführen ein Flugzeug und drohen, es über einer Stadt zum Absturz zu bringen. Der Pilot könnte Tausende Leben retten, indem er sich und die Passagiere opfert und die Maschine über einer unbewohnten Gegend zum Absturz bringt. Doch was ist in einer solchen Situation die richtige Entscheidung? Letztlich, so Renn, gebe es keine eindeutige Regel. "Man muss in jedem Einzelfall neu abwägen, ob es noch eine Chance gibt, die Katastrophe zu verhindern."

Mitarbeit: Yasuko Mimuro

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1. Es ist...
donniedarkow 16.03.2011
...wie so oft - wenn alles auf Messers Schneide steht kann, wenn überhaupt nur ein Mensch den Unterschied machen. Hier 50. Ich denke die tage oft an sie und wünsche ihnen das allerbeste - sie sind die letzte Linie.
2. !
Noctim 16.03.2011
Jeder, der bereit ist, sein Leben für das Wohlergehen von unzähligen anderen Menschen zu opfern, sollte ungeachtet aller Umstände als Held in Erinnerung bleiben. Demnach ist die Selbstopferung der verbleibenden 50 Angestellten hoch anzurechnen. Die wenigsten der 50 Mitarbeiter werden diesen Vorfall gesund überstehen...
3. Die glorreichen Sieben
mr_stagger_lee 16.03.2011
Zitat von sysopEs ist ein Kampf unter Extrem-Bedingungen, mit höchstem Risiko für Leben und Gesundheit: Im AKW Fukushima versuchen ein paar Dutzend*Techniker, den GAU zu verhindern. Im Internet werden sie als die "Tapferen 50" gefeiert. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,751070,00.html
Klingt wie wie im Film "Shichinin no samurai(Die Sieben Samurai), welche auch um hilfloses Volk zu schützen in den Kampf zogen. Und die meisten kamen leider um...leider viel zu real.
4. Helden
kenno 16.03.2011
Zitat von sysopEs ist ein Kampf unter Extrem-Bedingungen, mit höchstem Risiko für Leben und Gesundheit: Im AKW Fukushima versuchen ein paar Dutzend*Techniker, den GAU zu verhindern. Im Internet werden sie als die "Tapferen 50" gefeiert. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,751070,00.html
Und das völlig zurecht. Das sind Helden.
5. ...
brain_in_a_tank, 16.03.2011
Da kommt gluecklicherweise die Kamikaze-Mentalitaet der Japaner zum Ausdruck. Schade, dass es scheibar bei den Arbeitern haengen bleibt, die ihre Gesundheit, moeglicherweise ihr Leben riskieren, um eine Katastrophe unter Kontrolle zu brungen, waehrend die Verantwortlichen gut genaehrt in Sicherheit sind. Hoffentlich erhalten die Familien dieser 50 spaeter eine entsprechende Abfindung. Und vlt wird ja ein verantwortungsloser Energiebonze zum Harakiri bewegt...
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Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Corbis
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
DPA
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
DPA/ Kyodo/ Maxppp
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
DPA/ NASA
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.

Kernkraftwerke in Fukushima
Fukushima I (Daiichi)
Das Atomkraftwerk Fukushima I (Fukushima Daiichi) besteht aus sechs Blöcken mit jeweils einem Reaktor. Probleme gibt es vor allem in Block 1 und Block 3. Bei beiden Reaktoren wird zumindest eine teilweise Kernschmelze befürchtet. Die Kühlsysteme sind ausgefallen, die Betreiber haben Meerwasser in die Reaktoren gepumpt. Das Gebäude um Block 1 explodierte am Samstag - Grund soll eine Verpuffung der Gase zwischen Reaktor und Reaktorhülle gewesen sein. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von 20 Kilometern wurde evakuiert. Am Montag ereignete sich eine weitere Explosion. Nach Angaben der Regierung hat die Stahlhülle des Blocks 3 aber standgehalten. Die schlechten Nachrichten reißen allerdings nicht ab: Auch in Reaktor 2 ist die Kühlung inzwischen ausgefallen.
Fukushima II
Das Atomkraftwerk Fukushima II (Fukushima Daini) besteht aus vier Blöcken. Betreiber ist ebenfalls die Tokyo Electric Power Company (Tepco). Die Kühlsysteme der Reaktoren 1, 2 und 4 sind nach Angaben der japanischen Regierung ausgefallen. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von zehn Kilometern wird evakuiert.

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