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Alkohol am Steuer: EKD-Chefin Käßmann tritt von allen Ämtern zurück

Margot Käßmann zieht die Konsequenz aus ihrer 1,54-Promille-Fahrt. Die 51-Jährige hat öffentlich ihren Rücktritt als Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche und als hannoversche Bischöfin erklärt. Nachfolger als EKD-Chef könnte ihr bisheriger Stellvertreter Nikolaus Schneider werden.

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Margot Käßmann: Eine Frau steht für ihren Fehler ein
Hannover - Keine sechs Minuten dauerte die Pressekonferenz, auf der Margot Käßmann in Hannover persönlich bekanntgab, dass sie vom Amt als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und als hannoversche Bischöfin zurücktritt.

Sie habe am vergangenen Samstagabend "einen schweren Fehler gemacht, den ich zutiefst bereue. Aber auch wenn ich ihn bereue, und mir alle Vorwürfe, die in dieser Situation berechtigterweise zu machen sind, immer wieder selbst gemacht habe", könne sie "nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben", begründete Käßmann ihren Schritt. Es gehe ihr auch um die Achtung vor sich selbst und ihre eigene Geradlinigkeit. Es tue ihr leid, dass sie viele enttäusche, die sie dringend gebeten hätten, ihr Amt zu behalten.

"Ich danke allen Menschen, die mich so wunderbar getragen haben", sagte Käßmann. Ausdrücklich bedankte sie sich bei ihren Mitarbeitern, die schon "so manchen Sturm" mit ihr überstanden hätten - aber vor allem bei ihren Kindern: "Ich danke meinen vier Töchtern, die diese Entscheidung klar und deutlich mittragen und auch heute hier anwesend sind, was nicht selbstverständlich ist."

Aus der Vergangenheit und anderen Schicksalsschlägen wisse sie: "Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar." Nach eigenen Worten will sie weiter als Pastorin tätig sein (klicken Sie für den Wortlaut der Rücktrittserklärung hier).

Reaktionen auf den Käßmann-Rücktritt

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Käßmann war am Samstagabend mit 1,54 Promille am Steuer ihres Dienstwagens in Hannover von der Polizei gestoppt worden. Sie hatte zuvor in der Nähe ihrer Wohnung eine rote Ampel missachtet. "Ich bin über mich selbst erschrocken, dass ich einen so schlimmen Fehler gemacht habe", hatte Käßmann bereits am Dienstag eingestanden. "Mir ist bewusst, wie gefährlich und unverantwortlich Alkohol am Steuer ist."

Der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer hat den Rücktritt Käßmanns ausdrücklich bedauert. "Für sie persönlich ist der Schritt richtig. Für uns alle, für den Protestantismus ist die Entscheidung schlecht", sagte Schorlemmer der "Leipziger Volkszeitung". Der Amtsverzicht der Bischöfin sei "ein sehr herber Verlust für die Christen in Deutschland", fügte Schorlemmer hinzu.

Gleichwohl könne er die persönlichen Gründe Käßmanns für ihren Rücktritt verstehen. "Sie gewinnt damit ihre Freiheit zurück, die sie sonst nicht wiederbekommen hätte. Dieses Vergehen würde sie täglich verfolgen, egal wo sie auftritt und wozu sie sich auch äußert." Schorlemmer kritisierte in dem Zusammenhang eine Scheinmoral in Deutschland. "Diejenigen, die jetzt so tun, als könne Ihnen gar nichts passieren, gefallen sich in einer moralischen Pose der Überlegenheit gegenüber denen, die sich falsch verhalten. Ich wäre da sehr vorsichtig, Fehlverhalten kann ganz leicht jedem passieren."

"Margot Käßmann ist erst einmal unersetzbar"

Käßmann erspare sich mit ihrem Rücktritt jetzt auch sicherlich weitere Häme. "Wenn man Sätze liest, wie: Wasser predigen, Wein trinken, Gas geben und dann ein sensibler Mensch ist, dann ist die Schmerzgrenze erreicht. Das hält man nicht aus. Die Mehrheit der Menschen will dort oben eine Heilige und keinen Menschen." Für die Zukunft an der EKD-Ratsspitze erwartet Schorlemmer eine schwierige Phase des Übergangs. "Es wird sich eine Persönlichkeit finden. Aber Margot Käßmann ist erst einmal unersetzbar", sagte er.

Auch Grünen-Chefin Claudia Roth bedauert den Rücktritt. "Die Entscheidung von Bischöfin Käßmann verdient Respekt", sagte Roth. "Sie beweist ihre große persönliche Integrität." Gleichwohl bedauere sie den Schritt aus tiefstem Herzen. Die Gesellschaft brauche mehr streitbare Menschen wie Käßmann. "Ich wünsche mir sehr, dass ihre Stimme auch in Zukunft weithin hörbar ist."

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, hat den Rücktritt der EKD- Ratsvorsitzenden ebenfalls bedauert. "Ich kenne Frau Käßmann seit langem als einen Menschen, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, respektiere gerade deshalb ihre Entscheidung und kann diesen Schritt verstehen", schrieb der Freiburger Erzbischof am Mittwoch in seiner kurzen Erklärung, die mit den Worten schließt: "Ich wünsche ihr in dieser schwierigen Stunde Gottes Segen."

Nachfolger könnte Käßmanns Stellvertreter Nikolaus Schneider werden

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hatte seiner Vorsitzenden nach einer nächtlichen Krisenberatung noch am Mittwochmorgen das Vertrauen ausgesprochen. Die EKD überließ Käßmann aber selbst die Entscheidung über ihre Zukunft. "In ungeteiltem Vertrauen überlässt der Rat seiner Vorsitzenden die Entscheidung über den Weg, der dann gemeinsam eingeschlagen werden soll", hieß es in einer Mitteilung.

Bei der in der EKD-Geschichte einmaligen Telefonkonferenz, an der auch Käßmann selbst teilnahm, hatten sämtliche 14 Ratsmitglieder der hannoverschen Landesbischöfin das Vertrauen ausgesprochen. Käßmann war im Oktober 2009 zur EKD-Ratsvorsitzenden und damit zur höchsten Repräsentantin von 25 Millionen evangelischen Christen gewählt worden. Sie war die erste Frau in diesem Amt.

Jetzt rückt ihr Stellvertreter, Nikolaus Schneider, seit 2003 Präses der evangelischen Kirche im Rheinland, in den Blick. Er dürfte zunächst den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland leiten. Schneider ist bekannt für sein soziales wie politisches Engagement.

Unterdessen rechnet die Staatsanwaltschaft in Hannover mit einem zügigen Abschluss des strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens gegen Käßmann, sagte Staatsanwalt Jürgen Lendeckel. Da nicht davon auszugehen sei, dass die EKD-Ratsvorsitzende bei ihrer Fahrt andere konkret gefährdet habe, sei alleine der ermittelte Wert von 1,54 Promille relevant für die Höhe des Strafbefehls.

Beifahrer spielt nur eine Rolle, "wenn der Fahrer völlig kontrollunfähig" ist

Die Bischöfin hatte auch einen Beifahrer im Auto. Dessen Personalien seien aber nicht aufgenommen worden, sagte der Sprecher des Innenministeriums in Hannover, Klaus Engemann. Ein Beifahrer spiele nur dann als Zeuge eine Rolle, "wenn der Fahrer völlig kontrollunfähig" sei. Dies sei offensichtlich nicht der Fall gewesen.

Die Präses der EKD-Synode und Grünen-Politikerin Katrin Göring- Eckardt hatte am Dienstagabend in der ARD-"Tagesschau" gesagt: "Das ist nicht akzeptabel, dass man mit 1,5 Promille Auto fährt." Göring- Eckardts Stellvertreter, Bayerns Ex-Ministerpräsident, Günther Beckstein (CSU), wies Rücktrittsforderungen unterdessen zurück. "Bischöfin Käßmann hat sicher einen Fehler begangen, sie hätte einen Chauffeur oder ein Taxi nehmen sollen", sagte Beckstein den "Nürnberger Nachrichten". Aber dieser Fehler werde nicht dazu führen, dass sie von ihrem Amt als EKD-Chefin zurücktreten müsse. "Auch eine Bischöfin ist keine Heilige, sondern nur ein Mensch, der fehlbar ist."

"Natürlich ist es richtig Mist, was Frau Käßmann gemacht hat. Es ist richtig schlecht. Sie ist ja ein Vorbild, sie sollte auch Vorbildcharakter haben", meinte Grünen-Chefin Claudia Roth.

jjc/dpa

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Forum - Käßmanns Rücktritt - richtige Entscheidung?
insgesamt 1585 Beiträge
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1.
Klo, 24.02.2010
Zitat von sysopMargot Käßmann hat eine Erklärung angekündigt - nun sickert bereits vorab durch, was die Bischöfin wohl sagen wird: Sie werde als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche zurücktreten, melden "Bild" und die Nachrichtenagentur DAPD. Ihr Rücktritt, eine richtige Entscheidung?
Ich halte einen Rücktritt für ziemlich unsinnig, da die Frau erstens ein rein privates Verkehrsdelikt begangen hat, für das sie ganz normal abgeurteilt wird und zweitens kein politisches Amt bekleidet, in dem sie dieses Delikt begangen haben könnte. Mit einem Rücktritt würde sie die Hürden für alle zukünftigen derartigen Vorfälle - gerade auch von besoffenen Provinzpolitikern - sehr niedrig hängen. Heute ist selbst ein Wiesheu, der im Suff bereits Menschen zutode gefahren hat, noch voll in Amt und Würden und fett versorgt bis ans Lebensende, im Gegensatz zu seinen Opfern. Wenn also solche Vorfälle zukünftig das Amt kosten, dann dürfen wir uns auf eine rasche Leerung der Parlamente freuen.
2.
baloo64 24.02.2010
Jemand wie sie hat eine Vorbildsfunktion. Sie hat eine Dummheit begangen und zieht nun die Konsequenzen daraus. Ich hoffe Sie tut es aus eigenen Willen und nicht auf Druck der Kirche und der Medien. Wenn es Ihre eigene Entscheidung ist, dann Hut ab! Soviel Schneid haben nicht viele und so mancher unserer sogenannten Politiker können sich daran ein Beispiel nehmen!
3. Sieg
harrold, 24.02.2010
Zitat von sysopMargot Käßmann hat eine Erklärung angekündigt - nun sickert bereits vorab durch, was die Bischöfin wohl sagen wird: Sie werde als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche zurücktreten, melden "Bild" und die Nachrichtenagentur DAPD. Ihr Rücktritt, eine richtige Entscheidung?
""Das ist nicht akzeptabel, dass man mit 1,5 Promille Auto fährt", sagte die Präses der EKD-Synode und Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt in der "Tagesschau"." Das war wohl die Rache der Kriegshetzerin Grünen-Politikern an der Bischöfin, die es gewagt hat, Mord und Totschlag im Krieg moralisch in Zweifel zu ziehen - IN EINER PREDIGT. Die dumme Göring-Eckardt sollte kapieren, dass eine Predigt etwas anderes ist als eine politische Stellungnahme. Aber so scheint es zu sein: Der Abschaum siegt.
4.
Gabri, 24.02.2010
Eine folgerichtige Entscheidung, aber auffallend, dass sie meist nur von Frauen getroffen wird, während Männer oft bis zum Gehtnichtmehr auf ihrem Stuhl kleben. Für die Kirche sehr schade. Käßmann ist trotzdem eine tolle Frau!
5.
Mischa Dreesbach, 24.02.2010
Respekt, Frau Käßmann, diese konsequente Haltung würde ich mir auch von Politikern wünschen...
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Zur Person
AP
Margot Käßmann, 51, war seit Oktober 2009 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und damit die erste Frau in diesem Amt. Seit 1999 stand die Theologin zudem als Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover vor. Bei einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss am 20. Februar 2010 fuhr Käßmann in Hannover über eine rote Ampel. Nach diesem Vorfall sei ihre "Autorität beschädigt" - Käßmann trat von ihren Spitzenämtern zurück, arbeitet aber weiter als Pastorin. Die Mutter von vier Kindern ist geschieden. Mehr auf der Themenseite...
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Käßmanns Entscheidung

Margot Käßmann tritt von ihren Spitzenämtern zurück, weil sie ihre Autorität nach der Fahrt unter Alkoholeinfluss für beschädigt hält. Ein richtiger Schritt?




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