Alkohol im Gaza-Streifen: Ein Schluck Freiheit
Seit die Hamas im Gaza-Streifen Alkohol verboten hat, sitzen Feierabendtrinker auf dem Trockenen. Unter größter Gefahr keltern einige Wagemutige trotzdem heimlich Wein. Der Tropfen ist genießbar - und "schmeckt nach Freiheit", sagt Hobby-Winzer Mohammed.
Die Flüssigkeit in der alten Cola-Flasche sieht nicht sehr appetitlich aus: wie Benzin. Oder abgestandener Kräutertee. Auch der Geruch ist nicht sehr verlockend. Ein Hauch von verbranntem Gummi gemischt mit alterndem Obst. Der Geschmack jedoch ist besser als erwartet: süß, kräftig, wie alkoholhaltiger Traubensaft eben. "Und im Abgang schmeckt er nach Freiheit", sagt Mohammed, der den Wein in seiner Küche in Gaza-Stadt selbst gekeltert hat.
"Chateau Zeer Salem" nennt Mohammed den Tropfen, den er den Gästen zum Verkosten anbietet: Geboren im fünften Jahrhundert war Salem nicht nur als Dichter und Krieger berühmt, er machte sich auch einen Namen als großer Liebhaber von Frauen und Wein - eine Art früher arabischer Casanova. "Ein Vorbild", grinst Mohammed, der seinen Nachnamen nicht veröffentlicht sehen möchte. Bekäme die über den Gaza-Streifen herrschende Hamas von seinem Treiben Wind, drohte ihm Übles.
"Alkohol gilt im Gaza-Streifen als schlimm, schlimmer sogar noch als Haschisch oder Ecstasy", sagt Mohammed. Würde er beim Trinken erwischt, würde er erst zusammengeschlagen und landete dann mehrere Monate im Gefängnis. Da ist sich der Vater vierer Kinder sicher. Die Hamas setzt die Prohibition, die sie nach ihrer Machtübernahme im Sommer 2007 über den Gaza-Streifen verhängt hat, mit drakonischen Strafen durch.
Bier, Whisky, Gin
Nun ist es nicht so, als sei strikter Antialkoholismus eine palästinensische Tradition. Im Westjordanland genießen nicht nur die dort ansässigen Christen gern mal ein - dort ganz legales - Glas Wein. Im unweit von Ramallah gelegenen Städtchen Taybeh füllt ein palästinensischer Brauer seit 1994 ein durchaus genießbares Bier in Flaschen ab. In Ramallah selbst schenkt es eine Handvoll Kneipen aus, ebenso Whisky, Gin und andere Standardgetränke.
Auch im Gaza-Streifen ging es bis vor kurzem noch entspannter zu. Im von der Uno seit 1950 betriebenen "Beach Club" kamen bis vor gut vier Jahren Mitarbeiter der Vereinten Nationen und deren palästinensische Gäste abends auf ein Kaltgetränk zusammen. Dann rückten in der Sylvesternacht 2006 Maskierte an und jagten das Gebäude in Luft - der öffentliche Alkoholkonsum war der Hamas ein Dorn im Auge.
Wer sich als Einwohner des Gaza-Streifens ab und an mal einen genehmigen wollte, war fortan auf die Gastgeschenke westlicher Besucher angewiesen. Doch auch diesen Hahn drehte die Hamas schließlich zu. Seit Jahresbeginn warnen am Hamas-Checkpoint Schilder die Gaza Einreisenden, bloß keinen Alkohol über die Grenze zu schmuggeln. "Jeder gefundenen Alkohol wird vor den Augen seiner Besitzer ausgegossen und zerstört", heißt es da - nicht, dass der Verdacht aufkommt, die Grenzer nähmen den konfiszierten Sprit heimlich mit nach Hause.
"Abendliches Glas Wein"
Mohammeds Karriere als Hobby-Önologe begann schon 2007, gleich nach der Machtübernahme der Hamas. Er beschloss, sich seine Lebensqualität nicht von den Islamisten einschränken zu lassen. "Ein abendliches Glas Wein gehört dazu."
Statt fortan auf dem Schwarzmarkt Unsummen für Schmuggelware auszugeben, ließ er sich das Weinmachen beibringen. "Ein Freund von mir hat in Griechenland studiert und dort das Keltern gelernt." Mit Hilfe des Internets stopfte Mohammed seine Wissenslücken und setzte die ersten Liter zur Gärung an. Im Spätherbst 2007 nahm er den ersten Schluck seines eigenen Weins. "Ich konnte nicht aufhören, zu grinsen", sagt der 40-Jährige. "Es war großartig. Mit Freunden zusammen habe ich bis tief in die Nacht getrunken und gefeiert."
Oberstes Gebot der Weinproduzenten im Gaza-Streifen ist die absolute Geheimhaltung. Selbst Mohammed kann nicht sagen, bei wie vielen Familien zu Hause in dunklen Ecken heimlich Traubensaft gärt. Er weiß nur von einem Cousin, der ebenfalls keltert: "Davon erzählt man besser nicht mal seinen guten Freunden."
Ein paar Kilo Trauben
In diesen Herbstwochen verbringt Mohammed einen Gutteil seiner Freizeit damit, bei Dutzenden Obsthändlern in Gaza-Stadt vorbeizufahren. Bei jedem kauft er nur ein paar Kilo Trauben, als Tarnung meist zusätzlich noch etwas Gemüse. "Sicherheitshalber gehe ich nie zweimal zum selben Stand." Hat er etwa 100 Kilo Trauben zusammen, gilt es, diese unbeobachtet in seine Wohnung zu bringen, "am besten abends und zusammen mit einem Großeinkauf harmloser Lebensmittel".
Sind die Trauben sicher nach oben geschafft, zieht Mohammed saubere Strümpfe an und stampft die Fürchte in einer großen Plastikschüssel zu Brei. Erst lässt er den Saft mit Schalen und Kernen eine Weile ziehen, dann filtert er ihn. Auf zehn Liter Saft fügt Mohammed ein Kilo Zucker und eine halbe Tablette Brauerei-Hefe hinzu. "Die kriegt man hier in Gaza, weil sie auch zum Käse machen benutzt wird."
Die fertige Mixtur füllt er in Kanister oder alte Plastikflaschen ab. Die Kanister haben Ventile, die bei der Gärung entstehenden Gase entweichen lassen. Bei den Flaschen behilft sich Mohammed mit Luftballons, die er über die Öffnung stülpt. "Das Gas steigt in den Ballon, und trotzdem kommt keine Luft an den Wein." Seine Methode nennt Mohammed "primitiv, aber effektiv".
40 Tage dauert es, dann ist der neue Jahrgang des Chateau Zeer Salem trinkfertig. 50 Liter produziert Mohammed pro Saison, das reicht bis zum nächsten Jahr. "Wir trinken ja nicht, um uns zu betrinken", sagt der Computertechniker von seinem recht bescheidenen Kellerinhalt. "Wir trinken, weil ein Schluck von unserem Wein wie ein Schluck Freiheit ist."
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