Alkoholverbot in Hamburger U-Bahn Bier muss leider draußen bleiben

Mit 40 Euro Bußgeld sollen künftig Fahrgäste bestraft werden, die in Hamburgs Nahverkehr Alkohol trinken. Das Verbot ist umstritten - und wird sich wohl nur schwer durchsetzen lassen. Erfahrungen aus anderen Großstädten zeigen: Es geht eher um eine symbolische Abschreckung.

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Hamburger U-Bahnhof: Bei Alkoholkonsum droht künftig 40 Euro Strafe
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Hamburger U-Bahnhof: Bei Alkoholkonsum droht künftig 40 Euro Strafe


Hamburg - Das Plakat ist groß und rot und oben steht in fetten Buchstaben geschrieben: "Alkoholfreie Zone". So macht der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) an allen Bahnhöfen auf eine Vorschrift aufmerksam, die in der Hansestadt seit Monaten diskutiert wird - und nun in Kraft treten soll: Alkohol trinken ist ab dem 1. September in allen Bussen, U- und S-Bahnen verboten. Und auf den Bahnsteigen auch.

Zunächst gilt noch eine sogenannte Verwarnphase, doch ab 1. Oktober müssen die Betroffenen mit einer Strafe von 40 Euro rechnen. "Wir wollen Fahrgäste vor Belästigungen schützen", sagt HVV-Sprecherin Gisela Becker. Mehr als 500 Sicherheitskräfte und Fahrkartenkontrolleure werden deshalb künftig darauf achten, ob Alkohol getrunken oder in geöffneten Flaschen mitgeführt wird. In diesem Fall müssen die Betroffenen ihre Getränke wohl entsorgen und die Bahn verlassen.

"Mit Augenmaß" sollten die Mitarbeiter dabei vorgehen, heißt es beim HVV, Durchsuchungen werde es nicht geben. Gleichzeitig sollten sich Kunden nicht zu sicher fühlen, nur weil sie den Schnaps zur Tarnung in eine Flasche Fanta gefüllt hätten. "Die Sicherheitskräfte werden jede Situation einzeln bewerten und dementsprechend vorgehen", so Becker.

Dennoch scheint fraglich, ob das Verbot sinnvoll durchzusetzen ist - etwa am Wochenende rund um die Amüsiermeile Reeperbahn oder vor Heimspielen des Hamburger SV. "Das wird schwierig", sagt auch Becker.

Wie wollen die Kontrolleure vorgehen, wenn die Bahnen voll sind mit Fans auf dem Weg zum Stadion? "Mit Verhältnismäßigkeit", antwortet Christoph Kreienbaum, Sprecher der Hamburger Hochbahn. "In einem Waggon voll mit Fans werden wir nicht jedem 40 Euro Strafe aufdrücken", sagt er, das gebe ein "großes Eskalationspotential". Man setze vielmehr auf die Einsicht der Fahrgäste und darauf, dass die Menschen sich langsam an das Verbot gewöhnen.

Eines ist jedoch nicht ausgeschlossen: dass Menschen draußen trinken und dann drinnen pöbeln. Denn natürlich dürfen Betrunkene in Hamburg nach wie vor U-Bahn fahren. Nur im Waggon weiterzechen - das dürfen sie nicht mehr.

"Keine Alkohol-Sheriffs"

Anfangs droht jedoch eher Verwirrung. So dürfen Kioske an den Bahnhöfen weiterhin Alkohol verkaufen, getrunken werden darf er in den Bahnhofsgebäuden jedoch nicht mehr. Am Hamburger Hauptbahnhof gilt das Verbot nur dort, wo U- und S-Bahnen halten - an den übrigen Bahnsteigen bleibt alles beim alten, Alkoholtrinken ist dort erlaubt. Ausgenommen sind auch die Nord-Ostsee-Bahn, die Nordbahn und DB Regio, weil diese Linien auch in Schleswig-Holstein fahren - und dort steht ein Alkoholverbot nicht zur Debatte.

"Wir haben die Ankündigung mit Erstaunen zur Kenntnis genommen und fragen uns, wie die Kollegen das umsetzen wollen", so Klaus Wazlak, Sprecher der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). In der Hauptstadt sei ein solches Verbot nicht durchführbar. "Hier gehört es inzwischen ja leider bereits zum guten Ton, nicht ohne Begleitung einer Flasche Bier abends herumzuziehen." Auch in Leipzig steht ein Verbot nach Angaben der Verkehrsbetriebe nicht zur Diskussion.

In München hingegen gilt ein Verbot bereits seit mehr als zwei Jahren. Kunden der Stadtwerke München (SWM/MVG) hatten sich laut einer Studie durch betrunkene Fahrgäste belästigt und vor allem verunsichert gefühlt. "Es gibt keine Alkohol-Sheriffs und nicht jeder, der eine offene Bierflasche in der Hand hält, wird automatisch des Fahrzeugs oder des Bahnhofs verwiesen", sagt Bettina Hess, Pressesprecherin SWM/MVG. Die große Mehrzahl aller Angesprochenen sei einsichtig. Ein Bußgeld gibt es in der bayerischen Landeshauptstadt nicht.

In den U-Bahnhöfen der Frankfurter Verkehrsgesellschaft (VGF) ist es ebenfalls verboten, Alkohol zu konsumieren. Nach Angaben von Sprecher Bernd Conrads handhaben es die Frankfurter wie die Kollegen in Köln, Essen, Düsseldorf oder Freiburg: Ein Bußgeld wird bei Verstoß nicht verhängt, im Ausnahmefall können Personen des Geländes verwiesen werden. Ein Handwerker, der sich zum Feierabend ein Bier in der U-Bahn gönne, habe aber nichts zu befürchten. "Das Alkoholverbot wird in Frankfurt sehr flexibel gehandhabt", sagt Conrads.

Im Grunde heißt das nichts anderes als: Die Verkehrsbetriebe setzen auf die Vernunft der Fahrgäste. Das Verbot ist in den meisten Städten eher als symbolische Abschreckung zu verstehen. Wer sich benimmt, darf auch gemütlich ein Bier trinken. Und: Die Kontrolleure müssen entscheiden, was unter ordentlichem Benehmen zu verstehen ist, sie bewegen sich auf einem schmalen Grat. Mit ihrem Bußgeldvorstoß sind die Hamburger trotz aller Beteuerungen deutlich weniger flexibel.

Das "Piccolöchen" ist nicht das Problem

Wie erfolgversprechend das Experiment ist, lässt sich schwer abschätzen. Das norddeutsche Bahn-Unternehmen Metronom hat bereits am 1. Dezember 2009 ein Alkoholverbot eingeführt. Seither sei der Müll in den Zügen um mehr als 60 Prozent zurückgegangen, so eine Sprecherin. Vandalismusschäden seien um etwa 30 Prozent gesunken, die Anzahl der Straftaten habe sich halbiert. Allerdings sind Metronom-Züge mit HVV-Bahnen kaum zu vergleichen - die durchschnittliche Reisezeit ist deutlich länger, die meisten Fahrgäste sind Pendler und keine Partygänger.

In London gilt ein Verbot seit mehr als zwei Jahren, Statistiken zum Erfolg der Verordnung gibt es nach Angaben des Betreibers "Transport for London" aber nicht. In 99 Prozent der Fälle reiche ein Hinweis, um Personen dazu zu bringen, das Verbot zu befolgen. Falls sich jemand weigere, seinen Alkohol abzugeben oder die Bahn zu verlassen, werde die British Transport Police eingeschaltet. Zwar gebe es keinen Strafenkatalog für das Trinken in der Bahn, aber teilweise erhebliche Strafen für Störungen der öffentlichen Ordnung. Das Verbot werde auch deswegen weitgehend eingehalten, weil Züge und Bahnhöfe mit Kameras überwacht werden.

In Hamburg setzen die Verantwortlichen auch auf die Kooperation der Fahrgäste. Eine scharfe Verfolgung der Alkoholsünder - etwa unter Nutzung der Videoüberwachung - wird es nicht geben. "Wir haben Wichtigeres zu tun", sagt Hochbahnsprecher Kreienbaum. Die Kameras sollten zur Prävention und Aufklärung von Gewaltbrechen beitragen. "Es geht nicht darum zu beweisen, ob jemand ein Piccolöchen getrunken hat."

In einer früheren Version dieses Textes wurde Frau Becker mit einer unglücklichen Formulierung zitiert: "Unsere Männer sollen nicht tief in der Tasche eines Kunden nach dem kleinsten Tropfen Alkohol suchen." Diese Formulierung ist missverständlich, denn es werden nicht nur Männer zu Kontrollen eingesetzt, zudem ist das Sicherheitspersonal nicht befugt, Taschen zu durchsuchen.

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insgesamt 278 Beiträge
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BeitragszahlerwiderWillen, 31.08.2011
1. .
Nach dem Alkohol auf dem Fahrrad verboten ist nun auch bei der Bahn. Sollen Betrunkene in Zukunft mit dem Auto fahren? Armes Deutschland. Eine sinnlose Vorschrift nach der anderen...
dregflow 31.08.2011
2. Kein Hype für die Gesellschaft
Schon traurig, dass das Interesse an diesem Artikel mit seinem aktuellen Inhalt total fehlt. Ich würde noch einen Schritt weitergehen. Ein totales Alkoholverbot in der Öffentlichkeit zum Schutz unserer Kinder und Jugendlichen. Da es sich um öffentliche Verkehrsmittel hanselt, wäre da auch automatisch Einhalt geboten. Wenn in der Richtung nichts passiert, werden wir in absehbarer Zeit Zustände haben wie in Russland unter dem Motto: nur im Suff ist das Leben zu ertragen!
sir.viver 31.08.2011
3. ok
habe ich kein Problem mit. Wer muss denn schon in der Bahn saufen? Aehnliches fand ich schon in Berlin sehr befremdlich, dass Leute sich in der U-Bahn/Strassenbahn immer einen geben mussten.
archie, 31.08.2011
4. 2 Gründe
So, ab jetzt werden nicht nur die Leute totgetreten, die uneinsichtige Fahrgäste auf das Rauchverbot hinweisen, sondern auch die Fahrgäste, die den Verkehrsbetrieben bei der Durchsetzung des Alkoholverbots helfen wollen.
muffpotter 31.08.2011
5. Regiert von gewählten Vollidioten!
Zitat von sysopMit 40 Euro Bußgeld sollen künftig Fahrgäste bestraft werden, die in Hamburgs Nahverkehr Alkohol trinken. Das Verbot ist umstritten - und wird sich wohl nur schwer durchsetzen lassen.*Erfahrungen aus anderen Großstädten zeigen: Es geht eher um eine symbolische Abschreckung. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,783272,00.html
Es geht hier nicht darum, Gewalttäter abzuschrecken, sondern darum, bei Leuten, die sich nichts zu Schulden kommen lassen und sich auch nach Alkoholgenuss unter Kontrolle haben abkassieren zu können. ...oder hat das Messerverbot dazu geführt, dass sog. "Südländer" nun keine Menschen mehr niederstechen, weil diese so geguckt haben?
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