Alltag in der Hamburger Tafel "Natürlich gibt es Stress"

Der Chef der Hamburger Tafel kennt den Verteilungskampf unter Bedürftigen. Im Interview erklärt er die Hintergründe - und spricht über die Lösungen, die sie in der Hansestadt gefunden haben.

Lebensmittel-Ausgabe bei der Tafel (Symbolbild)
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Lebensmittel-Ausgabe bei der Tafel (Symbolbild)

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Er weiß schon was kommt. "Sie rufen wegen Essen an", sagt Christian Tack. Seit Tagen melden sich Journalisten bei dem Geschäftsführer der Hamburger Tafel. Sie wollen mit ihm aber lieber über die Stadt in Nordrhein-Westfalen sprechen als über Hamburg.

Die Kollegen der Tafel in Essen haben entschieden, nur noch Bedürftige aufzunehmen, die einen deutschen Pass haben. Der Entschluss wird hitzig diskutiert: Kritik kam von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Zuspruch von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt. Die Essener Tafel will vorerst bei der Regelung bleiben.

Im Interview erzählt Tack, dass er auch in Hamburg immer weniger Nahrungsmittel an immer mehr Menschen verteilen muss - und warum es in der Hansestadt doch ganz anders läuft als in Essen.

Zur Person
  • Hamburger Tafel
    Christian Tack, Jahrgang 1959, ist seit Februar 2017 Geschäftsführer der Hamburger Tafel. Er war Offizier bei der Bundeswehr und studierte Pädagogik. Anschließend war er 25 Jahre lang leitender Angestellter einer Versicherung.

SPIEGEL ONLINE: Herr Tack, im Oktober vergangenen Jahres haben Sie einen Spendenaufruf bei Facebook abgesetzt: "Hilfe, unser Lager ist leer". Warum?

Christian Tack: Damals war unsere Halle in Barmbek nur noch zu 60 Prozent gefüllt - und das Winternotprogramm für Obdachlose begann. Wir hatten nicht genug Ware, um da auch noch auszuhelfen. Deswegen haben wir um Spenden gebeten - und sehr viel Hilfe bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte Ihr Lager überhaupt so leer werden?

Tack: Wir haben mehr Kunden und weniger Ware. Die Schere geht auseinander.

SPIEGEL ONLINE: Schmeißen die Leute weniger weg?

Tack: In den Supermärkten landet tatsächlich weniger Essen in der Tonne. Die Märkte haben ihre Abläufe optimiert.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Tack: Im Idealfall sagt das Regal: Es fehlen vier Liter Milch. Und dann werden auch nur vier Liter Milch nachbestellt. Früher orderte man palettenweise, heute punktgenau. Außerdem haben die Märkte länger geöffnet, die Kunden also mehr Zeit, einzukaufen. Ware, die sich dem Mindesthaltbarkeitsdatum nähert, wurde früher weggeworfen. Heute liegt sie um 30 Prozent vergünstigt in Regalen neben der Kasse. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das ist eine gute Entwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Doch Ihnen macht es die Arbeit schwierig.

Tack: Zu uns kommen jedes Jahr mehr Menschen. Vor zwei Jahren haben wir noch 15.000 Leute versorgt, jetzt 20.000.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind Ihre neuen Kunden?

Tack: In Hamburg haben wir ein großes Problem mit Altersarmut. Das merken die Ausgabestellen, die wir beliefern. Dorthin kommt die Seniorin, die seit Jahrzehnten im Viertel wohnt. Da ist der Mann gestorben, die Rente reicht nicht - und sie findet keine günstige Wohnung. Also stellt sie sich bei uns in die Schlange, voller Scham und Sorge, dass sie von Nachbarn gesehen wird.

SPIEGEL ONLINE: Von der gestiegenen Zuwanderung merken Sie nichts?

Tack: Zu den Ausgabestellen kommen mehr Menschen mit ausländischen Wurzeln, klar. Aber nicht so viele mehr, dass es eskaliert.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben also mehr Kunden und weniger Ware. Das birgt Konfliktpotential.

Tack: Natürlich gibt es Stress. Im vergangenen Mai sprach mich ein älterer Herr an. Er wollte wissen, warum die Dame mit Kopftuch mehr Tüten aus dem Laden tragen darf als er. Ich habe ihm erklärt, dass sie noch drei Kinder versorgen muss.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie dem Mangel begegnen?

Tack: Wir versuchen, neue Quellen zu erschließen. Wir denken da zum Beispiel an die Kreuzfahrtschiffe.

SPIEGEL ONLINE: Und bis dahin?

Tack: Müssen wir auf unser gutes Hamburger Netzwerk bauen. Wir bekommen sogar Anrufe von Werbern, die Filme für Supermärkte drehen. Da werden in Hallen ganze Filialen nachgebaut und die Regale gefüllt. Die Ware dürfen wir nach dem Dreh manchmal abholen. Außerdem verteilen wir noch immer Rationen, die für Polizisten während G20 gedacht waren.

SPIEGEL ONLINE: Also ist es doch nicht so knapp?

Tack: Doch, in manchen Ausgabestellen gibt es sogar bereits einen Aufnahmestopp. Aber der ist unabhängig von der Herkunft, alles andere entspricht nicht unserem Selbstverständnis. Eine Regelung wie in Essen ist bei uns undenkbar. Ein Drittel unser Ehrenamtlichen hat ausländische Wurzeln, auch viele Spender. Wenn wir jetzt anfangen, zu selektieren, zeigen die uns den Vogel. Aber wie mit den Kollegen in Essen umgegangen wird, tut mir in der Seele weh. Die kriegen so in die Fresse. Dabei machen sie gute Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Kann man den Mangel denn besser verwalten, als es die Kollegen in Essen tun?

Christian Tack: Hier in Hamburg haben einige Ausgabestellen ein Losverfahren eingeführt. Schubsen und Drängeln lohnt sich da nicht - wer die Nummer 21 gezogen hat, kommt nicht als zweiter dran. Wenn der Andrang besonders groß ist, packen die Mitarbeiter die Beutel nicht ganz so voll, damit es für alle reicht.

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