Als Berlinerin im Schwarzwald: Die Strohleute von Höchenschwand

Im Schwarzwald-Ort Schollach leben 270 Menschen - und immer mal wieder auch Barbara Bollwahn. Die Berlinerin kam ohne Ahnung von Wald und Leuten ins Dorf, inzwischen hat sie beide ins Herz geschlossen. Und sie staunt, was man mit Stroh alles anstellen kann.

Eine Berlinerin im Schwarzwald: Wiedersehen macht Freunde Fotos
Tourist-Infomation Höchenschwand

Barbara Bollwahn wusste, vorsichtig gesagt, wenig über den Schwarzwald und seine Bewohner, als sie das erste Mal in den Ort Schollach kam. Das "Dorfschreiber-Stipendium" brachte die Autorin vor zweieinhalb Jahren dorthin, vergeben vom Förderverein Kreatives Eisenbach.

Bollwahn lernte kauzige Menschen kennen - und ist heute eine regelmäßige Besucherin von Schollach. Auf SPIEGEL ONLINE berichtet sie in einer Serie von ihren Kulturschocks im Schwarzwald.

Als ich nach Schollach zurückkehrte, freute ich mich, Maria Schuler wieder zu sehen, die 78-jährige ehemalige Bäuerin, Witwe seit einigen Jahren, in deren Leibgedinghaus ich schon bei meinem ersten Aufenthalt gewohnt hatte. Von ihr habe ich vor zwei Jahren unter anderem gelernt, wie man Waldhonig macht, einen Honig, für den es keine Bienen braucht.

Erfinderisch wie die Schwarzwälder sind, wissen sie, wie das geht. Im Wald werden Schössele gesammelt, das sind junge, hellgrüne Tannenspitzen. Diese werden etwa eine halbe Stunde in Wasser gekocht und dann weggeworfen. Auf einen Liter Sud kommen zwei Pfund Zucker und nach anderthalb, zwei Stunden Rühren ist der Tannenhonig fertig. Er sieht aus wie dunkler Honig und schmeckt nach süßen Tannen.

Wo 15 Kilometer eine halbe Weltreise sind

Es passiert mir noch immer, dass ich über Sätze von Maria stolpere und sie "it verstoh". Doch ich habe mich gefreut, dass ihr das Du endlich wie selbstverständlich über die Lippen kommt. "Bisch wiider do?", hieß es, als ich mal wieder in der Tür stand.

Ihre Hilfe war oft Gold wert für mich: Als einmal das Bierhäusle rief, der einzige Ort, wo man abends ein Bierchen trinken kann, drückte sie mir eine Taschenlampe in die Hand. Es regnete und nicht ein einziger Stern leuchtete am Himmel. Ich wäre den Kilometer bis zur Gaststube in absoluter Dunkelheit gelaufen, hätte ich "s Lämpli it" gehabt.

Außer mir war niemand unterwegs. Selbst tagsüber fahren nicht viele Autos durch das schöne Schollachtal. Die Geräusche meiner Schritte auf dem Asphalt und mein Atem waren das Einzige, das ich hörte. In der letzten Kurve vor dem Bierhäusle wehte mir der Wind Blasmusik entgegen. Vor dem Wirtshaus standen viele Autos. Als ich die Kneipentür öffnete, warf mich die Lautstärke fast um. An einer langen Tafel saßen etwa 50 rotgesichtige, verschwitzte und wohlgenährte Männer, die in Trompeten, Tubas und Posaunen bliesen und auf Pauken hauten.

Die einzige Person, die ich kannte, war Guscht, der Wirt. Ich winkte ihm zu und mit einem freundlichen Lächeln kam er schnurstracks auf mich zu. Das ermunterte mich, ihn zur Begrüßung zu umarmen. Etwas steif ließ der 75-jährige Junggeselle, dessen Wohnräume über der Gaststube liegen, die Berührung zu. Guscht fragte mich was, das ich als "Bist du auch mal wieder hier?" interpretierte und nickte. Ich fragte ihn, was das für eine Feier sei. "Oh", erwiderte er, "die chömme von wit her". "Ach ja, woher denn?", wollte ich wissen. "Aus Donaueschingen", erwiderte er ganz ernst.

Goldiges aus Stroh

Er merkte, dass es mich amüsierte, dass für ihn das etwa 15 Kilometer entfernte Donaueschingen weit weg ist. Wir lachten beide so laut, dass die Gäste uns neugierig beobachteten. Ein Herr mit einem besonders stattlichen Bauch und besonders vielen Ansteckern an seiner schwarzen Weste wollte wissen, warum ich "so komisch schwätze tue" und woher ich den Guscht kenne. Kaum hatte ich Auskunft gegeben, lud er mich ein mitzufeiern. Es war sein 50. Geburtstag. Außer seiner Ehefrau, die nicht verstand, dass ihr Mann im urigen Bierhäusle im kleinen Schollach feierte, waren nur Männer geladen.

Das Geburtstagskind entpuppte sich als Polizeihauptmeister aus Titisee-Neustadt, ein Teil seiner Freunde trägt im Dienst auch eine grüne Uniform. Alles, was mir die badischen Gesetzeshüter über Verbrechen im Hochschwarzwald erzählten, bestätigte mich darin, dass die Gefahr, von einem Bullen angegriffen zu werden, größer ist, als einem Verbrechen zum Opfer zu fallen.

Am nächsten Tag, es war ein Sonntag, fragte mich die Bauersfamilie, ob ich zu einem Ausflug an einen Ort mitkommen wolle, dessen Namen ich nicht verstand. Es war irgendwas mit "schwand", wo Strohskulpturen gezeigt werden sollten.

Der Sonntag ist der einzige Tag, an dem die Familie etwas zusammen unternehmen kann, aber auch erst, nachdem die etwa 50 Kühe, zwei Schweine, zwei Ziegen, zwei Dutzend Hühner und die beiden Jagdhunde versorgt sind. Ich fuhr mit den Eltern Klaus und Silvia, der 14-jährigen Ramona und dem fünfjährigen Robin am Schluchsee vorbei, dem größten See im Schwarzwald. Er ist ein Stausee, der früher mal ein Gletschersee war und heute die höchst gelegene Talsperre Deutschlands ist.

Als ich das Ortsschild las, verstand ich den Namen: Höchenschwand, gelegen zwischen Schluchsee und Waldshut. Höchenschwand rühmt sich, mit 1015 Höhenmetern Deutschlands höchst gelegener heilklimatischer Kurort zu sein und nennt sich "Dorf am Himmel", weil man bei gutem Wetter bis zu den Alpen gucken kann. Doch an diesem Wochenende war es kalt und nass und nichts mit weiter Sicht. Auf einer Wiese standen in einem großen Kreis zehn Strohskulpturen, die allesamt von Vereinen angefertigt worden waren.

Wenn man aus Stroh Gold spinnen könnte, wären die Schwarzwälder längst stinkreich. Weil das bisher aber auch hier noch nicht gelungen ist, machen sie daraus "Kunscht" und konkurrieren um den Sieg beim 6. Skulpturenwettbewerb.

Dä kunnt doch id vom Fleck!

Mitte Juni hatten die "Landfrauen Höchenschwander Berg" angefangen, einen Bauer mit Pflug, Ochs und Frau anno 1920 samt Feldhasen und einem aufgeschrecktem Huhn aus Stroh zu basteln. Ganz ohne ihre Männer hätten sie das nicht geschafft. Die hatten die Gerüste aus Baustahl und Holz gefertigt, die Frauen hatten diese mit Hasendraht in Form gebracht und mit Stroh ausgestopft.

Ausgerechnet die "Katholische Frauengemeinschaft" nahm Bezug zur Hippiezeit und hatte einen Schwarzwald-Käfer gebaut - in Originalgröße, samt Wackeldackel und strohumhäkelter Toilettenpapierrolle in der Ablage. Auf dem Dach thronte ein riesiger Bollenhut.

Die "Trachtentanzgruppe Amrigschwand-Tiefenhäusern" hatte 450 Stunden in eine Lokomotive aus Stroh gesteckt, die "Trachtenkapelle Amrigschwand-Tiefenhäusern" war mit einem Flieger mit Pilot samt Pilotenbrille dabei, die Feuerwehr war mit einem Helikopter angetreten, dessen Rotorblätter aus Stroh sich drehten.

Die "Narrenzunft Tannenzäpfle" hatte das Thema Mobilität mit einer überdimensional großen Schnecke umgesetzt, deren Augen die Besucher per Knopfdruck zum grünen Leuchten bringen konnten. Und sie hatten ein Gedicht über die "Schneck" verfasst:

"Hörsch Mobilität un siesch en Schneck, do denksch: Dä kunnt doch id vom Fleck! Hüt zutag bisch gli debi, willsch erschter, schneller, besser si. De Schneck sait: Immer mit de Rue, und luegt de Welt vo unde zue.

Ich loh des Ganze e weng schleife, 's goht ohne Motor, ohne Reife. Er bliebt bescheide, brucht id viel, un kunnt am End doch aus as Ziel."


Dieser Artikel ist der zweite Beitrag einer kleinen Serie auf SPIEGEL ONLINE, den ersten finden Sie hier:

Teil 1: "Meine Herren, ich geh anschaffen!"

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1.
spiegelreflex_zone 27.12.2011
Zitat von sysopIm Schwarzwald-Ort Schollach leben 270 Menschen - und immer mal wieder auch Barbara Bollwahn. Die Berlinerin kam ohne Ahnung von Wald und Leuten ins Dorf, inzwischen hat sie beide ins Herz geschlossen. Und sie staunt, was man mit Stroh alles anstellen kann. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,799790,00.html
Komisch, das hierfür ein Thread gemacht wird... warum nicht z.B. beim Bulli-Artikel und dem Scheitern der E-Mobile (oder viele andere Artikel, z.B.über die Anschläge auf die christlichen Kirchen), da gäbe es sicher eine Menge mehr Meinung. Aber die schrullig-lustigen Strohstkulpturen finde ich gut gelungen... witzig! Manchmal glaube ich, der Spiegel scheut manche Diskussionen, aus Abneigung gegen manche Meinungen--> schwaches Bild...
2. Schwarzwald
Layer_8 27.12.2011
Zitat von sysopIm Schwarzwald-Ort Schollach leben 270 Menschen - und immer mal wieder auch Barbara Bollwahn. Die Berlinerin kam ohne Ahnung von Wald und Leuten ins Dorf, inzwischen hat sie beide ins Herz geschlossen. Und sie staunt, was man mit Stroh alles anstellen kann. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,799790,00.html
OK. Weihnachten ist jetzt vorbei. Ich bin Badener, in Berlin beruflich weilend, im Schwarzwald mich gut auskennend. Beruflich bedingt war es mir dieses Jahr nicht möglich in meine alte Heimat zu kommen. Ich hab Ahnung von Wald und Leuten dort. Seit klein auf. Und den ersten Weihnachtstag hab ich hier in Berlin abends mit Engländern, Kanadiern und Australiern musikalisch verbringen dürfen. Ohne Gartenzwerge im Vorgarten. Die spinnen, die Schwarzwälder, besonders die Schwaben dort mit spiritistischer, ähh, pietistischer Glaubensrichtung. Aber die wohnen hinterm Hauptkamm des Schwarzwaldes und haben daher keinen Blick auf Frankreich. Und jetzt schaff ich weiter...
3.
spiegel_marvin 27.12.2011
Zitat von sysopIm Schwarzwald-Ort Schollach leben 270 Menschen - und immer mal wieder auch Barbara Bollwahn. Die Berlinerin kam ohne Ahnung von Wald und Leuten ins Dorf, inzwischen hat sie beide ins Herz geschlossen. Und sie staunt, was man mit Stroh alles anstellen kann. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,799790,00.html
Sowohl der Blog als auch der Artikel auf Spiegel Online geben das Lebensgefühl der Schwarzwälder sehr gut wieder. Als Südschwarzwälder fühle ich mich fast ein wenig ertappt, dabei sollte doch keiner erfahren wie wir eigentlich ticken ;-) Dem Charme der Autorin sei das verziehen !
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Zur Autorin
Barbara Bollwahn, 47, lebt in Berlin und arbeitet als freie Autorin. Für eine Reportage über einen ausländerfeindlichen Überfall gewann sie den "Wächterpreis der Tagespresse". Neben ihrer journalistischen Tätigkeit schreibt Bollwahn Jugendbücher.

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