Als Berlinerin im Schwarzwald "Meine Herren, ich geh anschaffen!"

Von der Großstadt ins Idyll: Die Berlinerin Barbara Bollwahn wusste kaum etwas über den Schwarzwald, als sie für drei Monate in das Dorf Schollach zog. Doch dann half sie einer Kuh auf die Welt, trank ein paar Kurze im Bierhäusle - und machte den Männern ein unanständiges Angebot.

Barbara Bollwahn

Bauer Klaus begann, mich für voll zu nehmen, als ich meinen rechten Arm in eine hochträchtige Kuh steckte, ohne Handschuh. Als ich den Arm voller Glibber und Blut wieder herauszog, schenkte er mir ein anerkennendes Lächeln unter seinem Schnauzbart.

Ich half ihm beim Kühemelken und mistete den Schweinestall aus. Zur Belohnung durfte ich ihn auf die Jagd begleiten. Zum Abschied schenkte er mir das Geweih des Rehbocks, den er in meiner Anwesenheit geschossen hatte. Der Kuh, der ich auf die Welt geholfen habe, gab er meinen Namen: Barbara.

Der Schwarzwald gilt vielen als Synonym für finstere Geschichten oder Liebreiz pur. Er ist sowohl Schauplatz des Märchens "Das kalte Herz" als auch Sehnsuchtsort wie in der Operettenverfilmung "Schwarzwaldmädel". Kaum eine Region ist derart von Klischees besetzt: Kuckucksuhren, Bollenhüte, mächtige Kirschtorten.

Dabei sind viele Kuckucksuhren längst "made in China", gehören Bollenhüte in nur drei der 320 Schwarzwaldgemeinden zur Tracht, und bei der Schwarzwälder Torte ist bis heute nicht nachgewiesen, dass die Wiege der Kirschwasser-Buttercremetorte tatsächlich im Schwarzwald liegt.

Mit 270 Menschen auf einer Höhe von rund tausend Metern

Vielleicht halten sich die Klischees so hartnäckig, weil die Schwarzwälder als verschlossen gelten und nicht im Ruf stehen, ihr Herz auf der Zunge zu tragen.

Als ich mich zum ersten Mal nach Schollach aufmachte, dem kleinsten Ortsteil der Gemeinde Eisenbach im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, wusste ich außer den Klischees nichts über den Schwarzwald. Und ich ahnte nicht, dass ich eine regelmäßige Besucherin von Schollach werden sollte.

Die Gemeinde hat etwas, was einzigartig in Deutschland sein dürfte: Das "Dorfschreiber-Stipendium", vergeben vom Förderverein Kreatives Eisenbach, der von dem im Mai verstorbenen Psychologen und Ratgeber-Autor Ulrich Beer gegründet worden ist.

Mein erklärtes Ziel war es, mit den Schwarzwäldern warm zu werden, zu verstehen, wie sie ticken. Drei Monate wohnte ich auf dem Beierleshof, der aus dem Jahr 1599 stammt und auf dem drei Generationen der Familie Schuler zu Hause sind: die fast 80 Jahre alte Maria Schuler, ihr Sohn Klaus mit seiner Frau Silvia und ihre drei Kinder. Ich war in einer niedrigen Stube untergebracht mit einem wunderschönen Kachelofen samt Bank und über dem Bett ein Jesusbild. Aus allen Fenstern schaute ich hinaus auf Wiesen und Kühe und den schwarzen Wald.

270 Menschen wohnen in Schollach, sie leben auf einer Höhe von 850 bis 1143 Metern über dem Meeresspiegel. Hier stehen Höfe mit riesigen Dächern, die als Schutz gegen Schnee und Wind bis zum Boden reichen, es gibt eine Kirche mit Friedhof, ein Schlachthaus, ein Feuerwehrhaus, einen Bürgersaal, der früher Schule war und in dem jetzt der Musikverein probt, die Frauengymnastiktruppe turnt und die Gewichtheber trainieren.

Mittlerweile ist mir das Dorf sehr vertraut: Nach meiner Dorfschreiberzeit lud mich die alte Bäuerin Maria zu sich ein, im vergangenen Sommer kam ich für eine Woche wieder. Im Oktober 2010 war ich Gast des Vereins Kreatives Eisenbach, um den Jugendroman vorzustellen, den ich zum Teil in Schollach geschrieben hatte und der zur Hälfte dort spielt. Auf meinen Wunsch fand die Lesung im Bierhäusle statt, der Dorfkneipe. Der Musikverein spielte Blasmusik, es war rappelvoll, und selbst die Stammtischbrüder hatten sich wie zur eigenen Hochzeit herausgeputzt. Es war die rührendste Lesung meines Lebens.

"Meine Herren, wenn es mal nicht für die Miete reicht, gehe ich anschaffen"

Das Bierhäusle steht einen Kilometer hinter dem Ortsausgang. Hier treffen sich die Junggesellen und die Kartenspieler oder die Frauengymnastikgruppe nach dem Sport. Der Wirt Augustin Kleiser, den alle nur Guscht nennen, ist 75 Jahre alt , in seinem Leben maximal bis zum Bodensee gekommen und kann kaum glauben, dass die Menschen in den neuen Bundesländern "die gliche Briefmarke hen wie mir". Über dem Tresen thront ein ausgestopfter Auerhahn, über dem Klavier wacht der Kopf eines Wildschweins, ein Fürstenberg-Bier kostet zwei Euro.

Von Mitte September bis Mitte Oktober war ich nun auf Einladung des Vereins zum vierten Mal da, um an der Schule im benachbarten Eisenbach ein Projekt mit Viertklässlern zu machen. Längst war ich für die Dorfbewohner kein "Schnapper" mehr, ein Städter, der wegen der guten Luft kommt.

Ein anderes wunderschönes Beispiel für die alemannische Mundart ist das Wort "wunderfitzig", was neugierig heißt. Um wirklich wunderfitzig zu sein, sind die Hochschwarzwälder aber zu zurückhaltend. So hat mir bei meinem ersten Aufenthalt lange Zeit niemand wirklich persönliche Fragen gestellt. Dabei lag zumindest die Frage auf der Hand, wie ich in Berlin so lebe, allein oder in einer Beziehung, mit oder ohne Kinder, dass ich mich für ein paar Monate aus dem Staub machen kann.

Erst am vorletzten Abend im Bierhäusle fragte einer der Herren am Stammtisch, wovon ich in Berlin meinen Lebensunterhalt bestreite. "Guscht!", rief ich erfreut über den Wunderfitz, "eine Runde für alle!" Ich erzählte von meiner Arbeit als selbständige Autorin und Journalistin und stieß auf totales Unverständnis. "Noch eine Runde!", rief ich und holte weiter aus.

Nachdem auch der zweite Schnaps keine Klarheit gebracht hatte, beugte ich mich zur Mitte des Tisches vor. "Und naja, meine Herren, wenn es mal nicht für die Miete reicht, gehe ich anschaffen." Die Stille war zum Greifen, in den Köpfen arbeitete es wie in einer hochkomplizierten Schwarzwalduhr. Schließlich griff einer der Herren in die Hosentasche und fragte: "Was koscht?" "Kannscht it zahle", erwiderte ich. Wieder machte sich Stille breit.

Ich verhielt mich wie die Schwarzwälder, wartete ab und schwieg. Bis ein weiterer praktisch veranlagter Stammtischbruder die Sprache wiederfand. "Und wenn mir alle zsammelege?" "Guscht", rief ich, "die Rechnung!"


Dieser Artikel ist der erste Beitrag einer kleinen Serie auf SPIEGEL ONLINE: In vier weiteren Folgen wird Barbara Bollwahn von ihrem Kulturschock im Schwarzwald berichten - und von sympathischen Kauzen, die ihr ans Herz wuchsen.

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insgesamt 108 Beiträge
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Seite 1
Ephemeris 18.11.2011
1. ...
zählt das eigentlich als Arbeit ?
Erich91 18.11.2011
2. Toll
wie sich die Stadtmenschen son in 3 Monaten einbürgern können. Der Normalbürger braucht dafür 3 Jahre. Naja, wenn man kleine Kinder hat, oder Fußball spielt gehts etwas schneller. Aber 3 Monate, meine Bewunderung.
zickezackehoihoihoi 18.11.2011
3. Ich
Zitat von sysopVon der Großstadt ins Idyll: Die Berlinerin Barbara Bollwahn wusste kaum etwas über den Schwarzwald, als sie für drei Monate in das Dorf Schollach zog. Doch dann*half sie*einer*Kuh*auf die Welt, trank ein paar Kurze im Bierhäusle - und machte den*Männern ein unanständiges Angebot. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,795676,00.html
bemitleide wirklich alle, die nicht in Südbaden leben. Ganz ehrlich.
fanafjord 18.11.2011
4. Barbara zementiert alberne Klischees - Ist das alles?
Bin selbst in Südbaden aufgewachsen. (Lebe jetzt in Norwegen) Dieser Artikel ist einfach nur albern. Südbaden ist eine fantastische (Kultur-)landschaft. Aber dieser Artikel wird dem Schwarzwald nicht einmal annäherungsweise gerecht. Die Klischees die der Autor dieses Artikels zementiert sind eine Projektion einer Möchtegern-Frau-von Welt und offenbar für die Freunde zuhause in Berlin bestimmt: "Ach seh mal, das es sowas noch in Deutschland gibt...".
Teile1977 18.11.2011
5. Hälinge
Wunderfitzig zu sein bedeutet neugierig und mit offenen Augen herumzulaufen, wie Kinder zum Beispiel. Wer sich das nicht traut,der erkundigt sich "Hälinge" was man mit versteckt übersetzen kann. "Hälinge luaga" ist zum beispiel das heimliche beobachten durch die Gardinen hindurch. Korrekt übersetzt von meine Oma: "Wenn es der andere nicht zu wissen braucht" Ansonsten: Nach 3 Monaten als Städter von den Ureinwohnern ernst genommen zu werden ist eine reife Leistung! Wer sich nicht selber bemüht mit den Dörflern ins Gespräch zu kommen kann auch nach 3 Generationen noch "der Fremde" sein. Fremde, und erst recht Städter gelten nämlich oft als überheblich, und keiner möchte sich ja einer Blöße geben. Tipp: Treten sie in einen Verein ein, so kommt man mit den Leuten in Kontakt. Von selber trauen sie sich nämlich nicht, auch wenn sie noch so wunderfitzig sind und deshalb lieber hälinge luaged.
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