24-Stunden-Betreuung zu Hause Monika ist eine Gute

Karl und Betty Kurz haben ihr Leben lang für sich selbst gesorgt. Ins Pflegeheim wollen sie nicht, doch sie brauchen Hilfe. Nun wohnt Monika aus der Slowakei bei ihnen zu Hause - ein Volltreffer.

SPIEGEL ONLINE

Von Sofia Dreisbach, Burgthann


Karl Kurz tut sich schwer mit dem Altsein. Er ist ehemaliger Maschinenschlosser und hat immer zugepackt; einer, der früh erwachsen geworden ist, mit 17 Jahren, als sie ihn in den Krieg schickten, aus dem er nach Gefangenschaft 1948 wiederkehrte. Das ist länger als ein halbes Jahrhundert her. Heute ist Karl Kurz 90 Jahre alt, hat schlohweißes Haar, klare blaue Augen und Pflegestufe II - Schwerpflegebedürftigkeit. Er braucht Hilfe.

Nicht im Kopf, da ist alles sortiert: Wann die Suppe auf den Tisch kommt, wo das Hochzeitsalbum liegt und wen er morgens auf einem Foto in der Lokalzeitung entdeckt hat. Aber beim Aufstehen, wenn der schmächtige Oberkörper einen starken Arm für die Balance braucht, und beim Hinsetzen, wenn die dünnen Beine einen Moment zu früh einknicken, obwohl der Stuhl noch weit ist.

Im Alter auf Hilfe angewiesen sein

In solchen Momenten braucht Karl Kurz Hilfe. Deswegen ist er froh, dass sie "eine Gute" erwischt haben. So sagt er das. Die Gute heißt Monika und kommt aus der Slowakei, vermittelt wurde sie über die Pflegevermittlung "Herz und Hand". Monika wohnt den zweiten Monat bei Karl und Betty Kurz in Burgthann, einer Kleinstadt in der Nähe von Nürnberg.

Sie kocht gut, sie ist sofort mit dem Arm zur Stelle, wenn Karl Kurz sich aus dem Stuhl hochdrückt, sie bringt Betty Kurz zum Mittagsschlaf ins Bett und hebt sie mit geübter Bewegung aus dem Rollstuhl auf die Matratze. Die Chemie muss stimmen, sagt Karl Kurz, und das tut sie zwischen den Dreien.

Frauen wie Monika gibt es immer mehr. Frauen aus Mittel- und Osteuropa, der Slowakei, Polen, Rumänien und Ungarn, die nach Deutschland kommen, um hier als Betreuungskräfte zu arbeiten. Sie kommen die weiten Wege mit dem Bus, mit Koffern für zwei oder drei Monate, und tun das, was nur wenige Deutsche für dieses Gehalt tun.

Sie ziehen bei den alten Menschen ein, kochen, füttern, helfen im Bad, beim Anziehen und so gut wie allem, was sonst noch anfällt. Wie viel Familie Kurz Monika für diese Arbeit genau bezahlt, möchte die Slowakin nicht veröffentlicht sehen, ihr Gehalt entspricht dem Mindestlohn.

Betreuungskräfte wie Monika seien mittlerweile einfach unersetzlich, sagt Christian Bohl, Vorsitzender des Bundesverbands häusliche Seniorenbetreuung e.V. (BHSB). Eine genaue Zahl, wie viele Familien zu Hause betreut werden, gibt es nicht. Etwa 200.000 schätzt Bohl, doch 90 Prozent von ihnen würden schwarz arbeiten. "Über die wissen wir gar nichts."

Drei Wege, Betreuerinnen aus dem Ausland einzustellen

Es gibt drei Modelle, nach denen die Betreuungskräfte in Deutschland legal beschäftigt werden können. Das erste ist die Selbstständigkeit. Die zweite Möglichkeit beruht auf der Dienstleistungsfreiheit in Europa: Ein Dienstleister im europäischen Ausland schließt einen Vertrag mit der Familie und schickt die Betreuerin nach Deutschland. So machten es 90 Prozent, sagt Bohl. Der dritte Weg ist, als Familie selbst zum Arbeitgeber zu werden und eine Pflegerin einzustellen.

Monika ist eigentlich gelernte Buchhalterin, in der Slowakei hat sie dann einen Pflegekurs gemacht und Deutsch gelernt. Nach Deutschland ist sie über eine Vermittlungsagentur gekommen. Hier verdient sie den Mindestlohn, doch die Lohnnebenkosten wie Sozial- und Krankenversicherung werden in der Slowakei abgerechnet. Dadurch bleibt diese Art der Pflege in Deutschland erschwinglich.

"Grundsätzlich geht man von 40 Stunden Arbeitszeit pro Woche aus", sagt Bohl vom BHSB. Doch was zählt dazu und was nicht? "Das ist nicht richtig definiert." Es brauche eine klare gesetzliche Regelung, so Bohl. Im Schnitt verdienten die Frauen zwischen 1100 und 1500 Euro netto, je nach Aufwand der Versorgung. Laut Bohl gibt es in Deutschland zwischen 400 und 450 Vermittlungsagenturen. Es ist wichtig, sich vorab gut zu informieren. Bohl sagt: "Preise unter 2000, 2200 Euro können nicht seriös sein." Der Arbeitnehmer verdiene dann sicher nicht den Mindestlohn.

Wer diese Arbeit macht, muss flexibel sein. Doch auch für die Senioren ist diese Art der Unterstützung vor allem am Anfang oft nicht einfach. Sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht. Eine Fremde in seinem Haus zu dulden, in seiner Küche und sogar beim Gang auf die Toilette. Sich auf jemanden einzulassen, der die eigene Muttersprache nicht fließend spricht. Aber für das Ehepaar Kurz macht eine Sache all diese Schwierigkeiten wett: Dass sie noch zu Hause wohnen und nicht im Altersheim.

Keine leichte Entscheidung

Einfach war die Entscheidung trotzdem nicht. Ingrid Ebert, die Tochter von Karl und Betty Kurz, hat sie für die Eltern getroffen. Betty Kurz lag erst im Krankenhaus, kam dann in Kurzzeitpflege. Aber eines habe festgestanden, so die Tochter: "Sie wollten in ihrem eigenen Haus bleiben."

Vor allem der Vater habe lange gebraucht, um sich daran zu gewöhnen, dass noch jemand da sei, sagt Ebert eineinhalb Jahre, nachdem die erste Pflegerin in Burgthann eingezogen ist. "Sie sind halt von früher gewohnt, immer alles selbst zu machen." Karl Kurz kommentiert unaufgeregt: "Wir haben uns gesagt: Probieren wir es mal." Monika wohnt oben, das Ehepaar unten, dort sind die Zimmer und Bäder altersgerecht umgebaut.

Monika ist keine Frau der vielen Worte, aber ihre Gesten sind geschult und liebevoll. Sie kommt aus der Küche, drückt Betty Kurz' Schulter, legt ihren Kopf an den der alten Frau und sagt mit einem Blick in deren Tasse: "Trinken Sie Kaffee." Die 59 Jahre alte Slowakin mit kurzen, platinblond gefärbten Haaren und goldenen Ohrringen zeigt beim Lachen ihr ganzes Gebiss. Und sie lacht gern.

Karl Kurz möchte auch mit 90 Jahren noch Bäume ausreißen. Er macht es vor, spannt die Arme weit auseinander und zieht sie mit einem Ruck nach oben. An Elan fehlt es ihm nicht. Aber er sagt auch: "Monika ist eine sehr große Hilfe." Sie weiß, wo die Brille liegt, in welcher Küchenschublade der Tortenheber ist, und dass beim Mittagessen zwischen Suppe und Hauptgang ein wenig Zeit sein muss.

Manchmal stimmt die Chemie nicht

Das Leben von Karl und Betty Kurz ist für zwei Monate auch Monikas. Sie hat gemeinsam mit der Familie Karl Kurz' Geburtstagsfeier geschmissen, sie stellt Tag für Tag morgens den Kaffee und mittags die Suppe auf den Tisch und spielt abends "Mensch ärgere dich nicht" mit dem Ehepaar.

Da macht es nichts, wenn es einen Moment dauert, bis alle begriffen haben, dass mit Monikas Frage "Wollen Sie noch Wasser?" beim Mittagessen ein Nachschlag Brühe gemeint ist. "Immer versteht man es eben nicht", sagt Karl Kurz, aber das stört ihn bei "Guten" nicht.

"Wenn wir uns insgesamt nicht sympathisch sind, schimpfe ich oft", sagt der alte Mann. Mit der ersten Pflegeagentur haben sie sich überworfen, mit der aktuellen klappt es besser. Auch wenn selbst jetzt nicht jede Pflegerin ein Treffer ist. Im Schnitt bleiben die Betreuungskräfte für zwei Monate und fahren dann für genauso lange Zeit zurück in die Heimat. Ideal ist es, wenn sich zwei von ihnen immer wieder abwechseln.

Betty Kurz sitzt im Rollstuhl am Tisch, eine karierte Decke über den Knien, helle Kuschelsocken an den Füßen, und löffelt die tägliche Suppe. Als sie fertig ist, nimmt Monika eine Serviette in die Hand, spitzt auffordernd den Mund und wischt ihrer Schutzbefohlenen die Mundwinkel. Dann pickt sie mit den Fingern einen Krümel aus dem Kragen, sagt "gut" und beginnt abzuräumen.

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