Beerdigung von Amad A. Ein Opfer schlechter Polizeiarbeit

Amad A. verbrannte in einer Zelle. Noch immer ist die Ursache des Feuers unklar. Bei der Beerdigung stellen die Anwesenden Forderungen an die Politik - und zeigen sich zugleich dankbar.

Beerdigung Amad A., Bonner Nordfriedhof
Axel Vogel

Beerdigung Amad A., Bonner Nordfriedhof

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In der äußersten Ecke des Bonner Nordfriedhofs, da wo er an Felder und ein Gewerbegebiet grenzt, unter den Dächern herbstgelber Bäume, drängt sich eine Trauergemeinschaft an einem offenen Grab. Langsam wird ein Sarg hinabgelassen, ein junger Mann im blauen T-Shirt schluchzt, dreht sich weg. Kurdische Fahnen wehen im Wind. Die Trauernden greifen sich Spaten und lassen Erde auf den Sarg prasseln, den Sarg von Amad A., geboren am 01.01.1992, gestorben am 29.09.2018 in einer Zelle der Strafanstalt Kleve, Todesursache: verbrennen. Wie es zu dem Brand kam, ist ungeklärt. Was geklärt ist: A. hätte gar nicht in der Zelle sein dürfen. Er ist Opfer schlechter Polizeiarbeit geworden.

2016 war Amad A. in Deutschland angekommen. In seinem Asylverfahren gab er an, er sei 2013 aus Angst vor dem Krieg aus seiner syrischen Heimatstadt Aleppo geflohen. Vertrauten aber erzählte er: Drei Islamisten hätten seine Verlobte vergewaltigt, sie sei danach gestorben. Erschüttert, weil er ihr nicht habe helfen können, sei er nach Deutschland geflohen, wo schon seit einiger Zeit sein Vater lebte. Freundlich und hilfsbereit soll er gewesen sein, aber auch schwer traumatisiert.

Niemand hörte auf ihn

Nach Angaben der Polizei geriet er in der niederrheinischen Stadt Geldern am 6. Juli 2018 in einen Streit, weshalb er verhaftet wurde. Die Polizisten überprüften seine Personalien und stellten fest, dass die Staatsanwaltschaft Hamburg einen Mann namens Amad A. suchte. Die Namen der beiden waren unterschiedlich, doch nicht nur. Der Gesuchte stammt darüber hinaus aus Mali, hat eine dunklere Hautfarbe und ein anderes Geburtsdatum. Doch die Polizisten prüften all das nicht und schickten A. ins Gefängnis. Dort sagte er mehrfach, dass er nicht der Gesuchte sei. Doch niemand hörte auf ihn.

Auf dem Friedhof, bevor der Sarg ins Grab gleitet, stehen sich die Anwesenden in zwei Reihen frontal gegenüber. Auf der einen Seite steht der Vater von A. sowie Vertreter einiger kurdischer Organisationen.

Auf der anderen Seite stehen der nordrheinwestfälische Innenminister Herbert Reul (CDU), Justizminister Peter Biesenbach (CDU) sowie die Landtagsmitglieder Sven Wolf (SPD) und die Grünen Mona Neubaur und Stefan Engstfeld. Sie sind gekommen, um ihre Anteilnahme auszudrücken. Die Anwesenden wissen das zu schätzen. Doch es gibt auch Kritik.

Vorwürfe an die deutsche Polizei

Ayda Kilic vom kurdischen Dachverband KCDK-E liest einen Text vor. Die Verwechslung von A. sei ein Skandal, der die Ausländerfeindlichkeit der deutschen Polizei deutlich mache, es sei ein Skandal, dass der Vater vom Tod seines Sohnes im Internet erfahren musste und dass der Besuch der Minister nicht ausreiche, dass eine Untersuchungskommission eingesetzt werden soll.

Innenminister Reul hört zu. Mehrfach verzieht er das Gesicht, verschränkt zum Ende hin die Arme. Dann wird er gebeten, etwas zu sagen. Er wählt seine Worte, trifft den Ton und sagt: "Ja, es sind Fehler passiert. Das ist aber kein Thema für heute. Das ist für morgen. Heute ist der Tag des Denkens und Gedenkens."

Einige nicken zustimmend. Viele haben das Gefühl, dass die Politik den Fall ernstnimmt. Anders als im Fall von Oury Jalloh, der in seiner Zelle in Dessau verbrannte.

"In Deutschland werden die Menschenrechte respektiert", sagt einer der Trauernden an die Minister gewandt. "Und wir merken, dass die Türen der Landesregierung für uns offen sind."

Tatsächlich organisierte die Landesregierung Visa für A.s Familienmitglieder in der Türkei, damit sie zur Beerdigung kommen konnten, auch für seine Mutter. Sie hätten am Vortag um 22.30 Uhr landen sollen. Doch die türkische Regierung verweigerte die Ausreise.

Nachdem der Sarg im Boden versunken und mit Erde bedeckt ist, stecken die Trauernden Blumen in die frische Erde und bekunden A.s Vater ihr Beileid. Auch die Politiker gehen zu ihm und schütteln seine Hand. Jetzt, da der politische Teil beendet ist, stehen sie für einen kurzen Augenblick zusammen als Gruppe.



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