Projekt mit jugendlichen Amok-Drohern Schattenkinder

Tim K. hat Gisela Mayers Tochter in der Albertville-Realschule in Winnenden erschossen. Heute müssen Jugendliche, die mit einem Amoklauf drohen, sich mit der 58-Jährigen unterhalten. Frau Mayer ist ihre Strafe.

Kreidespuren nach dem Amoklauf von Winnenden
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Kreidespuren nach dem Amoklauf von Winnenden

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Wenn Gisela Mayer vor den Jugendlichen sitzt, zeigt sie ihnen meist ein Foto. Darauf zu sehen ist ihre Tochter, Nina. Eine hübsche, lachende, junge Frau. Gisela Mayer, 58, erzählt, dass Nina Referendarin war, Deutsch, Kunst und evangelische Theologie unterrichtete, es immer ihr Traum war, Lehrerin zu werden. Und dass Nina, das Mädchen auf dem Bild, am 11. März 2009 auf dem Gang der Albertville-Realschule in Winnenden dem ehemaligen Schüler Tim K. gegenüberstand, der eine Pistole vom Typ Beretta 92 auf sie richtete, und der 24-Jährigen aus einer Entfernung von fünf Metern in die Brust schoss. Dass er weitere Male auf Nina schoss, als sie schon am Boden lag. Insgesamt fünf Mal.

Gisela Mayer erzählt den Jugendlichen, dass Tim K. nicht über die Flure der Schule gerannt war, wie Ego-Shooter-Spiele es suggerieren, sondern bedächtig ging. Er hatte alle Zeit der Welt, sechs Mädchen, einen Jungen, Nina und zwei ihrer Kolleginnen in dem Schulgebäude zu töten. Zwei weitere Schülerinnen starben später auf dem Weg ins Krankenhaus. Gisela Mayer erzählt den Jugendlichen, dass Tim K. Nina nie zuvor gesehen hatte. Und dass sie am Tag ihres 25. Geburtstags beerdigt wurde.

Die Jugendlichen, denen Mayer gegenübersitzt, haben genau das geplant: einen Amoklauf. Sie haben Drohungen in Chats gepostet, auf Zettel gekritzelt, in Schulbänke geritzt. Und sie wurden dabei ertappt. Mitschüler, Lehrer, Freunde sind misstrauisch geworden. Es hat ein Verfahren vor Gericht gegeben. Frau Mayer ist ihre Strafe.

"Arme Würstchen"

Eine Stunde lang müssen sich die Jugendlichen mit ihr unterhalten. Danach schreiben beide einen Bericht für die Jugendgerichtshilfe: Die Jugendlichen, was sie gelernt haben; Gisela Mayer, für wie groß sie das Risiko hält, das von den Jugendlichen ausgeht; und ob sie verstanden haben, was Amok bedeutet.

Rund 3000 Amokdrohungen gibt es Schätzungen zufolge pro Jahr in Deutschland. Wie viele es genau sind, weiß niemand, die Zahl wird nicht zentral erfasst. Die Jugendlichen, die zum Gespräch mit Gisela Mayer verurteilt werden, haben unterschiedlich konkrete Tatpläne.

Ein Junge klaute seinem Vater, einem Sportschützen, eine seiner Waffen. Mehrere Wochen lang trug er sie mit sich herum, in der Bahn, auf der Straße. Sein Vater bemerkte nicht einmal, dass ihm eine Waffe fehlte. Bei einem anderen Jungen wurden Freunde misstrauisch, nachdem er immer wieder gesagt hatte, er wolle Menschen erschießen.

"Sie wollen einmal nicht das Opfer sein, wollen einmal Macht haben", sagt Mayer, die Philosophie und Psychologie studiert hat. Vor ihr sitzen die zu kurz Gekommenen. Jungen, deren Brüder oder Schwestern mehr geliebt wurden als sie selbst, zumindest empfinden sie es so. "Arme Würstchen", sagt Mayer. Sie meint das nicht despektierlich.

Der Zwerg wird zum Kämpfer

Den Allmachtsfantasien des Amoklaufes geht das Ohnmachtsempfinden in der Wirklichkeit voraus. Mayer setzt der Gewaltverherrlichung die Realität entgegen. Ihre Realität, die ihrer Tochter, die so viele Pläne hatte, und keinen davon mehr umsetzen kann. Dann fragt sie die Jugendlichen nach ihren Motiven. Sie erzählen ihr von Erlebnissen aus ihrem Alltag. Mobbing durch Freunde, Hänseleien durch Klassenkameraden, zu wenig Beachtung durch die Eltern.

Die Amok-Droher wollen auffallen. Wenn schon nicht positiv, dann wenigstens negativ. "Sie wollen gesehen werden", sagt Mayer. Das Projekt zeigt im Kleinen, was jugendliche Amokläufer antreibt. Psychogramme können nach den Taten kaum erstellt werden, die meisten Täter töten sich selbst. Posthum kann ihre Motivation meist nicht rekonstruiert werden. Zwar gibt es Tagebucheinträge, in manchen Fällen medizinische Gutachten. Doch vor allem die Eltern der Täter, die viel zur Aufklärung beitragen könnten, bleiben häufig Antworten schuldig. So auch im Fall Tim K.

Gisela Mayer |
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Gisela Mayer |

Mayers Gespräche erlauben einen Einblick in die Gedankenwelt potenzieller Täter. In ihre Sorgen und Nöte. In Kränkung und Hass, die oft sehr nah beieinander liegen. Die Gespräche zeigen auch: Es ist oft nur einem Zufall geschuldet, dass ein Amoklauf zwar geplant, aber nicht umgesetzt wird. Ein Junge berichtete Mayer, er habe sich verliebt und sein Vorhaben deshalb nicht umgesetzt. In einem anderen Fall waren es Freunde, die einen Jugendlichen von dem Amoklauf abhielten.

Dass so viele Taten verhindert werden können, ist Ausdruck der Labilität der jungen Männer. Sie schwanken. Es braucht manchmal wenig, bis es kippt. Und manchmal genauso wenig, damit alles wieder gut wird. So monströs und größenwahnsinnig die Idee auch ist, so banal sind manchmal die Gründe, die eine Tat verhindern.

Oft schaffen schon die Vorbereitungen und die Planung der Tat Befriedigung. Die eigene mediale Unsterblichkeit wird antizipiert, Journalisten werden zu Kollaborateuren. Das kleine Ego bläht sich auf, der Zwerg wird zum Kämpfer, Rächer, Helden seiner eigenen Welt.

Amokläufe sind narzisstische Taten: Narzissten halten sich für großartig, aber verkannt. Weil die Welt sie nicht angemessen würdigt, fühlen sie sich permanent gekränkt, entwertet, ungerecht behandelt. Durch die narzisstische Brille ist jede Kritik unberechtigt und überzogen. Narzissten sind schnell beleidigt, sie generalisieren das Gefühl der Kränkung. Es liegt wie Mehltau über allen Erlebnissen.

"Wenn jemand entschlossen ist, ist das Reden sinnlos"

Werden die Jugendlichen also wirklich gemobbt? Behandelt die Welt sie schlechter als andere Menschen - oder zahlen die kritischen Bemerkungen nur stärker auf sie ein? "Die Jugendlichen, die mit einem Amoklauf drohen, sind schon Außenseiter. Nur eines ist wichtig zu verstehen: Die Täter nehmen nicht berechtigte Rache für tatsächliches Mobbing. Die Täter sind nicht die wahren Opfer. Sie sehen sich als Opfer, aber sie sind es nicht zwingend", sagt Mayer.

Die Gleichung: Je intensiver das Mobbing, desto größer die Wahrscheinlichkeit einer Amoktat, geht nicht auf. Sie unterstellt einfachste Kausalitäten: Die Jugendlichen haben getötet, weil sie schlecht behandelt worden sind. Die Jugendlichen haben getötet, weil sie Ego-Shooter-Spiele gespielt haben. Solche Erklärungen sind simpel, eingängig und leicht politisch zu instrumentalisieren. Sie suggerieren Kontrolle, wo es doch keine gibt. Ballerspiele? Kann man verbieten. Mobbing? Kann man in Schulen gezielt gegen angehen. Ursachen kann man bekämpfen, Sinnlosigkeit nur ertragen. Die Täter und ihre Taten konfrontieren die Gesellschaft mit ihrer eigenen Verletzlichkeit.

Warum werden zahllose Schüler tagtäglich aufgezogen, ausgelacht, ausgegrenzt, aber nur einige wenige verstricken sich in Rachefantasien, und noch deutlich weniger setzen diese dann auch um? Warum sitzen Zehntausende vor dem Computer, haben aber mit realer Gewalt nichts am Hut? Der Unterschied zwischen einem Amok-Droher und einem Täter liegt in der Pathologie.

Es gibt einen Graubereich, sagt Mayer. Einen Bereich, in dem die Gespräche etwas bringen, in dem sie Jugendliche "einfangen" kann, einen hellen Bereich. Aber auch einen, in dem sie nichts mehr bewirken kann, einen ziemlich dunklen. Dann erzählt sie die Geschichte ihrer Tochter, und ihr begegnet Empathielosigkeit. Kein Mitgefühl, keine Einsicht, kein Verständnis. "Wenn jemand zur Tat entschlossen ist, dann ist das Reden sinnlos", sagt Mayer.

Die Vorbereitungszeit aber, die vielen Monate, in denen sich ein Jugendlicher mit der Idee eines Amoklaufs trägt, die begreift sie als Chance. Inzwischen arbeitet sie mit dem Projekt "Target" der Uni Gießen zusammen. Nicht nur die Jugendgerichtshilfe wendet sich an sie, auch besorgte Eltern, Lehrer und Freunde können sich melden und um Rat fragen. "Es gibt kein Naturgesetz, das darüber entscheidet, ob ein junger Mann zu einem Täter wird", sagt Mayer. Ihr Engagement trotzt dem sinnlosen Tod ihrer Tochter so etwas wie Sinn ab. "Wenn wir nur ein oder zwei Fälle verhindern, haben wir schon gewonnen."

Mayer sagt, sie empfinde keine Wut auf die Schattenkinder, wie sie die Jugendlichen nennt, eher Mitleid. "Ich sitze ihnen nicht als Richterin gegenüber, sondern als Mutter."

Gisela Mayer hat in den letzten Jahren immer wieder versucht, Kontakt zu den Eltern von Tim K. aufzunehmen. Sie haben nicht reagiert.

SPIEGEL TV Special (16.10.2010)


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