"School Shootings" Experten analysieren Amokläufe von Jugendlichen

Was macht einen Jugendlichen zum Amokläufer? Eine Forschergruppe will diese Frage erstmals in Deutschland umfassend untersuchen. Die Experten hoffen, dadurch die Prävention zu verbessern. "Wenn der Täter mit Waffe vor der Schule steht, ist es zu spät", sagt der Projektleiter.


Berlin - Am Ende stehen der Name einer Stadt und eine Jahreszahl für das Grauen: Erfurt 2002, Emsdetten 2006, Winnenden 2009. In diesen Orten schossen Amokläufer in Schulen um sich, töteten Dutzende Menschen.

Was lässt einen jungen Menschen zum Amokläufer werden? Welche Schritte führen dazu, dass ein sogenanntes School Shooting geschieht? Das will ein neues, ehrgeiziges Forschungsprojekt untersuchen. Beteiligt sind Psychologen, Kriminologen, Forensiker, Soziologen, Polizisten und Medienverbände. Es ist den Beteiligten zufolge die erste interdisziplinäre Untersuchung zu dem Thema.

Konkret wollen die Forscher alle Fälle zielgerichteter Gewalt untersuchen, die von Einzeltätern unter 25 Jahren in Deutschland verübt wurden. Davon gab es seit 1999 je nach Definition elf bis zwölf. "Wir möchten die in Deutschland geschehenen Fälle komplett aufarbeiten", sagt Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin. Der Experte für Entwicklungs- und klinische Psychologie leitet die Forschergruppe mit dem Namen Target (Tat- und Fallanalysen hochexpressiver zielgerichteter Gewalt).

"Wenn der Täter mit Waffe vor der Schule steht, ist es zu spät, dann kann man kein School Shooting mehr verhindern", sagt Scheithauer. "Man muss früher eingreifen." Dazu muss man allerdings wissen, wann und wie das wirksam geschehen kann.

Mehr als drei Millionen Euro vom Bund

Bislang ist das Wissen über Täter, ihre Lebenswege und persönlichen Umfelder allerdings bestenfalls bruchstückhaft. Das Projekt soll helfen, diese Lücke zu schließen. "Aus Erfahrung weiß man, dass ein Amoklauf nicht spontan ist", sagt Scheithauer. "Es gibt eine Dynamik im Lauf der Zeit, der Jugendliche rutscht immer tiefer in die Krise. Irgendwann kommt der Tatentschluss."

Deshalb wollen die Forscher beispielsweise Interviews mit überlebenden Tätern und Opfern führen. Sie wollen bislang ungenutzte Akten von Gerichten, Staatsanwaltschaften und Polizei sichten, auch aus der ehemaligen DDR, "wo solche Fälle nie an die Öffentlichkeit gelangten", wie Scheithauer sagt.

Die Forscher wollen sich zudem detailliert mit verschiedenen Aspekten beschäftigen, etwa Parallelen zu von Erwachsenen verübten Tötungsdelikten und mit geplanten oder angekündigten Taten. "Nur durch den Vergleich lässt sich sagen, was für School Shootings spezifisch ist", sagt Scheithauer. Die Forschergruppe erhoffe sich "einen wissenschaftlichen Fortschritt in Hinblick auf Vorhersage, Vorbeugung und Intervention solcher Gewalttaten".

Target baut auf dem Projekt Netwass (Networks Against School Shootings) auf, einem Forschungsvorhaben zur Krisenprävention. Es sollte etwa dazu dienen, die Sensibilität für "psychosoziale Notlagen" von Schülern zu erhöhen, etwa durch Fortbildungen für Lehrer und Schulleiter. "Die Erkenntnisse dazu sind teilweise aber sehr unspezifisch", sagt Scheithauer. Target soll deshalb auch helfen, die Prävention zu verbessern.

Die Arbeit der Forschergruppe ist auf drei Jahre angelegt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert das Vorhaben mit mehr als drei Millionen Euro.

ulz

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