Mobbing und Amokläufe "Ich will R A C H E!"

Die meisten Amokläufer verbindet, dass sie sich als Mobbingopfer sahen. Wie wirkt soziale Ausgrenzung auf Jugendliche? Wie sehr steigt mit ihr das Risiko, dass jemand zum Massenmörder wird?

Trauernde in Emsdetten (Januar 2007)
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Trauernde in Emsdetten (Januar 2007)

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Monatelang schreibt er. Meist ist er dabei deprimiert, manchmal wütend. Sebastian sitzt in seinem Zimmer unter dem schwarzen Dach seines Elternhauses, das sich im Sommer 2005 so aufheizt, dass es ihm vorkommt, als lebe er in der Hölle. Das passt zu seiner Stimmung. Unter dem Pseudonym "ResistantX" tippt der Realschüler in sein Internettagebuch:

"ich werde den rest meines lebens ein abgefuckter looser sein, und da mir alles egal ist, bekomme ich auch keinen abschluss. das ist die hölle, wenn einem alles egal ist. ich mein… ich lern nicht mehr, ich beteilige mich nicht mehr… ich tue eigentlich gar nichts mehr ausser vor mich hinvegetieren. es ist die hölle auf erden."

Sebastian schreibt und schreibt. Über das Freibad, in das er sich nicht mehr traut, weil es ihm "zu öffentlich" ist. Über "seelische Wunden" und all die Menschen, denen er aus dem Weg geht, "um nicht noch mehr Scheiße zu erleben". Und über seine Mitschüler, die ihn ausgegrenzt und ab der fünften Klasse auch körperlich gequält hätten, etwa mit einem glühend heißen Fahrradschlüssel.

Fast niemand antwortet ihm. Auch dann nicht, als seine Verzweiflung in Wut umschlägt und er einen Amoklauf andeutet - nur um den Plan dann doch zu verwerfen, weil er bezweifelt, "ob es das wirklich wert ist". Lediglich einen aufmunternden Kommentar erhält er daraufhin:

"hey du...versuch da raus zu kommen, ich denke, in deinem fall würde sich das wirklich lohnen (...…), klar is die welt abgefuckt, aber hey, irgendwie müssen wir darüber stehen."

Das war am 9. Juni 2005. Anderthalb Jahre später, am 20. November 2006, ist Sebastian tot. Gekleidet in einen schwarzen Ledermantel, das Gesicht hinter einer dunklen Maske versteckt und bewaffnet mit drei Rauchbomben, zwei Gewehren, einer Pistole und einem Sprengstoffgürtel war der 18-Jährige an seiner ehemaligen Schule in Emsdetten Amok gelaufen. Er hatte dabei sechs Schüler angeschossen, bevor er sich selbst tötete; 31 weitere Menschen erlitten Verletzungen. In einem Abschiedsbrief und -video hatte Sebastian von "Krieg" geredet und sich zum furchtlosen Kämpfer gegen die Ungerechtigkeit stilisiert:

"Ich will das sich mein Gesicht in eure Köpfe einbrennt! Ich will nicht länger davon laufen! Ich will meinen Teil zur Revolution der Ausgestossenen beitragen! Ich will R A C H E !"

Zumindest ein Teil dieses Plans geht auf. Die Medien machen Sebastian B., den Niemand aus Emsdetten, schlagartig berühmt. Post mortem erhält der Selbstmörder mehr als 1200 Kommentare in seinem bis dahin kaum gelesenen Tagebuch. Manche beschimpfen ihn als Feigling. Andere loben seinen vermeintlichen Mut. Dritte wiederum sehen die Schuld bei "einer Mobbing-Gesellschaft" und erkennen sich in seinem Gefühlsleben wieder. Die meisten aber sind einfach nur erschüttert:

"Auch wenn er so eine schreckliche Tat begangen hat: Hier wimmelt es doch von Hilferufen und niemand hat ihn gehört. Was ist das nur für eine Gesellschaft in der wir leben, dass es so weit kommen muss /musste?"

Knapp zehn Jahre später läuft wieder ein 18-Jähriger Amok, diesmal nicht in einer Schule in der westfälischen Provinz, sondern im Olympia-Einkaufszentrum in München. Mit neun Toten sind die Folgen deutlich gravierender. Das ist nur der augenscheinlichste von vielen Unterschieden zwischen den Taten; zudem sind die Motive des Münchner Täters David Sonboly längst nicht geklärt. Und doch drängen sich Fragen auf: Gab es auch in diesem Fall ungehörte Hilferufe? Muster in der Persönlichkeitsstruktur, die sich ähneln?

Oberflächlich gesehen ist es leicht, eine Spur von München nach Emsdetten zu ziehen: Sonboly hatte sich Tim K., den Amokläufer und 15-fachen Todesschützen von Winnenden zum Vorbild genommen. Im Internet lobte er Tim K. als "unvergessen" und gehörte einer Fangruppe des Massenmörders an; persönlich besichtigte und fotografierte er in Winnenden den einstigen Tatort. Tim K. wiederum hatte in einem Diskussionsforum zu den Amokläufen von Emsdetten und Erfurt (2002) geschrieben:

"Das witzige ist ja: selbst wenn diejenigen es ankündigen glaubt es ihnen niemand."

Und auch Sebastian B. aus Emsdetten fand seinerseits Bewunderer: Zum ersten Jahrestag seines Amoklaufs planten die Schüler Rolf B. und Robin B. ein Blutbad im Kölner Georg-Büchner-Gymnasium. Zwar hatten sie die Tat schon Wochen vor dem Jahrestag wieder verworfen; aber sie hatten sich Waffen besorgt und eine Liste mit 17 Todeskandidaten erstellt. Rolf B. beging nach einer Polizeibefragung Suizid.

David Sonboly, Tim K., Rolf B., Robin B. und Sebastian B. - sie alle galten als stille, unauffällige Einzelgänger, Außenseiter und Mobbingopfer. Aber besteht da auch wirklich ein Zusammenhang? Oder inszenierten sich die Amokläufer nur als Opfer, um ihre monströsen Taten vor sich und der Außenwelt zu rechtfertigen? Und kann ein besseres Vorgehen gegen Mobbing solche Taten verhindern? Oder ist dies nur ein naiver Wunsch von Medien und Politikern?

SPIEGEL ONLINE hat darüber mit Wissenschaftlern, Angehörigen von Opfern und Augenzeugen gesprochen und überraschend unterschiedliche, mitunter sich widersprechende Perspektiven gefunden.

Joachim Bauer etwa ist Neurobiologe und Psychiater in Freiburg. Seit Jahren erforscht er die Ursachen von Gewaltausbrüchen. Überrascht war er nicht, als bekannt wurde, dass der Amokläufer von München ein Mobbingopfer gewesen sein soll. Das gehöre "zum typischen Schema", das sich auch bei Amoktaten an Schulen "fast immer" finden lasse, sagt er im Interview. Mobbing sei dabei aber nur eine, "allerdings eine wichtige Komponente". Warum aber wird ein Mensch aus neurowissenschaftlicher Sicht zum Amokläufer?

"Alle Menschen sind süchtig nach Beachtung und Anerkennung. Wir sind soziale Tiere und neurobiologisch so gebaut. Das ist keine steile Behauptung, sondern experimentell bewiesen. Die Wohlfühlsysteme des Gehirns schütten ihre Botenstoffe nur aus, wenn wir ein Mindestmaß an sozialer Akzeptanz erfahren. Das ist der Dreh- und Angelpunkt. Wenn die Belohnungssysteme nicht 'liefern', kommt es nicht nur zu einem depressiven Zustand. Dann wird auch der neurobiologische Aggressionsapparat aktiv."

In Experimenten, sagt er, konnte nachgewiesen werden, dass bei Menschen, die einen kleinen Stromschlag bekommen, dieselben Schmerzzentren im Gehirn aktiv werden wie bei Menschen, die sozial ausgegrenzt werden. Die Folge: Wut.

Mobbing kann zu "sehr starken Aggressionen" führen

Alexander Hemker kennt dieses Gefühl. Als Jugendlicher ist er massiv gemobbt worden. Dann aber schaffte er es, auch dank eines Schulwechsels, sich aus der Rolle des Opfers zu befreien und selbst Hilfe anzubieten. Hemker gründete das Forum Schueler-gegen-Mobbing.de. Mobbing werde gesellschaftlich völlig unterschätzt, sagt der inzwischen 24-Jährige:

"Die Opfer sind nicht nur sehr verzweifelt, hilflos und verspüren ein Gefühl von Ohnmacht. Sie entwickeln auch Rachegedanken und Hass. Wer Mobbing nicht selbst hat erfahren müssen, kann kaum nachvollziehen, was das mit einem Menschen macht. Das wird von außen, auch von den Lehrern, kleingeredet als harmlose Auseinandersetzungen zwischen Kindern. Es wird oft nicht erkannt, wie intensiv dieser Psychoterror tatsächlich ist."

1800 Beratungsgespräche mit Eltern, Lehrern und Schülern hat Hemker geführt. Auf seinem Forum haben betroffene Schüler rund 30.000 Beträge verfasst. Immer wieder überrascht ihn, dass selbst Zehnjährige derart gemobbt werden, dass sie "sehr starke Aggressionen" äußern. Frustration, sagt Hemker und verweist auf Studien, könne zu Aggressionen führen. Aber auch zu einem Amoklauf, einem statistisch sehr seltenen Phänomen?

"Natürlich wissen wir noch nicht, ob der Amoklauf in München durch Mobbing bedingt war. Aber selbst wenn Mobbing nur ein Faktor von mehreren war, sollte man es auf jeden Fall sehr ernst nehmen. Und das sehe ich nach wie vor nicht. Stattdessen wird nun wieder ein Verbot von Killer-Videospielen gefordert, weil das viel einfacher ist, als nach den wahren, tiefer liegenden Gründen zu suchen. Dabei wäre genau das die Aufgabe der Politik. Schließlich geht es, wenn man so will, auch um die innere Sicherheit."

"Ohne großen Freundeskreis", "sehr introvertiert"

Das Thema Mobbing, es hat auch das Leben von Beatrix Görtner verändert. Sie war Schulleiterin am Kölner Georg-Büchner-Gymnasium, an dem Robin B. und Rolf B. 2007 ein Massaker verüben wollten, das sie aber, so belegten es später Chatprotokolle, zum Zeitpunkt der Polizeibefragung schon wieder verworfen hatten. Rolf B. nahm sich trotzdem das Leben, Robin B. gestand die ursprünglichen Pläne - und das ganze Land redete plötzlich über das Büchner-Gymnasium.

"Das war ein einschneidendes, traumatisches Erlebnis. Als ich jetzt von München erfahren habe, bin ich sofort zusammengezuckt. Vor dem geplanten Amoklauf an unserer Schule habe ich gedacht: So etwas passiert irgendwo, aber nicht bei uns. Das Klima in unserer Schule ist intakt. Heute sehe ich das so: Es kann jeden, jederzeit treffen, egal, wie gut eine Schulgemeinschaft bisher funktioniert hat. Man kann nicht jedem hinter die Stirn gucken."

Görtner hat die Beinahe-Attentäter selbst unterrichtet. Heute möchte sie nicht mehr über sie urteilen, damals aber beschrieb sie Rolf als unauffälligen Schüler "ohne großen Freundeskreis" und Robin als "sehr introvertiert". Der Vorfall habe alles auf den Kopf gestellt. Plötzlich meldeten sich Schüler, anders als zuvor, wenn sie sich ausgegrenzt fühlten. Der schulpsychologische Dienst der Stadt Köln schulte Lehrer und sprach mit Eltern. Die Lehrer seien fortan hochsensibilisiert für das Thema gewesen. Dennoch bleibt bei Görtner bis heute ein ungutes Gefühl:

"Da war dieser irrsinnige Auflauf der Medien, mit Fernsehteams selbst aus Osteuropa. Sie haben uns überrannt, als wir eigentlich den Schock verarbeiten mussten. Das Fatale war: Die Öffentlichkeit wollte sofort einen Schuldigen für das Unerklärliche. Entweder musste doch die Polizei, das Schulamt oder die Schule versagt haben! Dass so etwas Tragisches einfach so passiert, das konnten die Wenigsten akzeptieren."

Experten warnen vor zu einfachen Rezepten

Auch der Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin hält die Suche nach scheinbar naheliegenden Zusammenhängen für wenig sinnvoll. In München hätten die Medien wieder viel zu schnell Fragen in bestimmte Richtungen gestellt, darunter Mobbing. "Damit haben sie am Ende eine Realität erschaffen, die aber nur das abbildet, was wir vermuten, aber nicht das, was wirklich geschah."

Scheithauer leitet verschiedene Forschungsprogramme zur Prävention von Gewalt an Schulen und gehört zum Expertenteam des Projektverbunds Target, das in den vergangenen drei Jahren Fälle von "hochexpressiver, zielgerichteter Gewalt" untersucht hat. Dabei entstand auch eine Analyse von 126 Gewalttaten an Schulen in 13 Ländern - mit überraschendem Ergebnis.

Etwa 30 Prozent der Täter waren demnach Opfer von körperlichem Mobbing; 54 Prozent empfanden sich von Mitschülern oder dem Schulumfeld zurückgewiesen. Diese Zahlen seien damit geringer ausgefallen als von vielen Experten vermutet, sagt Scheithauer: "Die Bedeutung von Mobbing als kausaler Auslöser für einen Amoklauf wird überschätzt." Er warnt daher vor zu einfachen Rezepten:

"Amoktaten sind so selten, dass sie sich eigentlich nicht vorhersagen lassen. Dazu müssen zu viele Faktoren in einer bestimmten Abfolge zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammenkommen. Viele Täter stellen sich als Mobbingopfer dar oder fühlen sich ungerecht behandelt. Aber ist das auch objektiv so? In vielen Fällen dürfte das nur ein subjektives Empfinden sein von Menschen mit einem sehr niedrigen Selbstwertgefühl oder anderen Problemen. Anti-Mobbing-Maßnahmen würden da nicht unbedingt greifen."

Nachahmungstaten verhindern

Besser sei es dagegen mit Programmen wie "Networks Against School Shootings" (NETWASS) Lehrer dauerhaft zu schulen, auf Schüler aufmerksam zu werden, die zum Beispiel depressiv wirken, sich plötzlich anders verhalten, isoliert sind. Damit könne man das Risiko von Gewalttaten senken - wohl aber kaum das eines Amoklaufs.

Detailliert öffentlich über die Motive einzelner Amokläufer zu diskutieren, hält der Forscher auch für schädlich; deshalb nennt er die Täter sogar prinzipiell auch nicht beim Namen. Damit will er ihnen nicht die große Bühne geben, die sie sich so sehr gewünscht haben - und Nachahmungstaten verhindern.

Aber hilft das in einer Welt, in der sich jeder so schnell informieren kann? David Sonboly aus München hat sich sogar eine US-Fachstudie über Amokläufer besorgt, deren Ziel es war, eben solche Taten zu verhindern. Das Internettagebuch von Sebastian S. ist auch zehn Jahre nach seinem Amoklauf noch online. Und auf YouTube findet sich sein wütendes Abschiedsvideo, das er extra auf Englisch gehalten hat, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

Bis heute wird unter dem Video zynisch kommentiert. So schrieb nur zwei Monate vor dem Amoklauf in München ein Nutzer verächtlich:

"Einen auf dicken Macker machen und dann als Einziger sterben. Versager..."

SPIEGEL TV Special (16.10.2010)

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