Amokläufe und ihre Ursachen "Süchtig nach Beachtung und Anerkennung"

Was macht einen jungen Menschen zu einem Amokläufer? Welche Art der Prävention ist aussichtsreich? Der Psychiater Joachim Bauer sucht seit Jahren nach Antworten. Ein Gespräch über die Entstehung von Gewalt.

Das Interview führte


Zur Person
  • Joachim Bauer, 64, ist Arzt und Psychotherapeut und seit 1992 am Uniklinikum Freiburg Professor für Psychoneuroimmunologie. Er forscht seit Jahren über die Ursachen von Gewalt; 2011 hat er dazu das Buch "Schmerzgrenze" (Heyne-Verlag) geschrieben. Für seine Arbeiten wurde er mit dem Organon-Forschungspreis der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie ausgezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Bauer, Sie wollten genau an dem Abend mit dem Zug über München in Ihre Heimat Freiburg fahren, als es im Olympia-Einkaufszentrum zu einem Amoklauf kam. Was war Ihre erste Reaktion?

Bauer: Ich war weder überrascht noch geschockt. Mein erster Gedanke war: Der Terror ist nun auch in Deutschland angekommen. Überraschend für mich war dann aber, dass es sich um einen Amoklauf eines Einzelnen handelte.

SPIEGEL ONLINE: Als Psychiater und Neurowissenschaftler beschäftigen Sie sich seit Jahren mit den Ursachen von Gewalt. Überlegt man in so einer Situation automatisch: Was ist hier passiert?

Bauer: Selbstverständlich. Solche Taten haben immer Hintergründe. Meine Einstellung zu Gewalttaten ist die eines Ingenieurs, der nach einer Explosion in einer Werkshalle vor Ort kommt und die Ursache verstehen will. Jede Gewalttat hat Ursachen, was nicht heißt, dass man die Tat damit rechtfertigt. Es geht darum zu klären, was wir tun können, um weitere Taten zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Was sind denn aus neurobiologischer Sicht die Ursachen einer so irrationalen Tat?

Bauer: Alle Menschen sind süchtig nach Beachtung und Anerkennung. Wir sind soziale Tiere und neurobiologisch so gebaut. Das ist keine steile Behauptung, sondern experimentell bewiesen. Die Wohlfühlsysteme des Gehirns schütten ihre Botenstoffe nur aus, wenn wir ein Mindestmaß an sozialer Akzeptanz erfahren. Das ist der Dreh- und Angelpunkt. Wenn die Belohnungssysteme nicht "liefern", kommt es nicht nur zu einem depressiven Zustand. Dann wird auch der neurobiologische Aggressionsapparat aktiv.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagiert das Gehirn auf die soziale Ausgrenzung?

Bauer: Es ist experimentell gezeigt worden: Versetzt man einem Probanden einen kleinen Stromschlag, als wenn man einen Viehzaun auf der Weide berühren würde, reagieren die Schmerzzentren des Gehirns. Man kann das Ganze in einer Kernspintomografieröhre stattfinden lassen, weil sich dort die Aktivierung der Schmerzzentren beobachten lässt. Die gleichen Zentren reagieren aber auch dann, wenn man einen Probanden eine soziale Ausgrenzungserfahrung machen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich das nachweisen?

Bauer: Mit einigen eleganten Tricks. Man lässt die Versuchsperson, die in der Kernspintomografieröhre liegt, an einem Bildschirm virtuell mit anderen Ball spielen. Die Mitspieler, die vorher eingeweiht wurden, spielen dem Probanden plötzlich systematisch den Ball nicht mehr zu. Bereits dieser schwache Ausgrenzungsreiz kann die Schmerzzentren aktivieren! Und Schmerz wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass jemand wütend oder aggressiv wird.

SPIEGEL ONLINE: Amokläufer sind also sozial ausgegrenzte Einzelgänger?

Bauer: Ja, sie fühlen sich jedenfalls so. Untersuchungen, wie sie etwa das FBI durchgeführt hat, zeigen: Amoktäter sind meist aus einem Bündel von Gründen auf der Verliererstraße gelandet. Sie fühlen sich isoliert oder ausgegrenzt. Sie glauben, sie könnten mit einer Gewalttat zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Einerseits, ihrem Lebensüberdruss folgend, dem eigenen Dasein ein Ende bereiten. Andererseits sich rächen und den Ruhm erzwingen, den sie vermisst haben. Jede Amoktat ist also eine pathologische Gemeinschaftsleistung von Depression und Narzissmus. Auch beim Germanwings-Absturz war das so: eine Mischung aus Verzweiflung und Hass.

SPIEGEL ONLINE: Der Münchner Amokläufer scheint so ein Einzelgänger gewesen zu sein. Auch er soll früher gemobbt worden sein.

Bauer: Das hat mich nicht überrascht. Das gehört zum typischen Schema, das sich bei den School Shootings fast immer finden lässt.

SPIEGEL ONLINE: Spielt Mobbing also eine zentrale Rolle bei einem Amoklauf? Es gibt Forscher, die das bezweifeln.

Bauer: Mobbing ist nur eine, allerdings eine wichtige Komponente. Man kann die Ursache einer Amoktat nicht allein damit erklären. Alle Täter haben ein bis in die Kindheit zurückreichendes, schlechtes Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein entsteht in einem Kind durch einen jahrelangen Prozess, an dem viele Akteure beteiligt sind: Eltern, Großeltern, Geschwister, Erzieher in Kindergärten und Lehrkräfte in Schulen. Bei dieser Entwicklung kann vieles schieflaufen.

SPIEGEL ONLINE: Nicht alle diese Kinder und Jugendlichen werden aber zu Gewalttätern.

Bauer: Nein, Kinder sind eigentlich gegenüber Frustration ziemlich tolerant. Aber irgendwann wird ein Mangel einfach zu viel. Auch dann kommt es aber noch nicht zu einer Tat. Was jetzt begünstigend hinzukommen muss, sind Gewaltmodelle: Väter im Schützenverein, Ego-Shooter-Spiele, andere Amokläufer, islamistische IS-Botschaften. Bis es zu einer Amoktat kommt, braucht es also viele Ingredienzen. Was aber auch zeigt: Man kann an vielen Stellen präventiv ansetzen.

SPIEGEL ONLINE: Bessere Maßnahmen gegen Mobbing könnten also Amoktaten verhindern?

Bauer: Ja, aber das allein ist nur eine Maßnahme unter vielen. Tatsächlich können wir das Risiko von Amoktaten deutlich senken, wenn wir in Kindergärten und Schulen darauf achten, dass ein Kind nicht über lange Zeit abseits steht, isoliert bleibt oder aktiv ausgegrenzt wird. Wenn Lehrer und Erzieher so etwas beobachten, dann muss man einerseits das Mobbing beenden, darüber hinaus aber das Gespräch mit den Eltern suchen, denn meist laufen bei solchen Kindern auch zu Hause die Dinge nicht gut. Ein weiterer Punkt: Fast alle Amoktäter lassen irgendjemanden vor der Tat etwas wissen. Diese Andeutungen muss man ernst nehmen und sofort reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihr Buch über die Ursachen der Gewalt mit "Schmerzgrenze" betitelt. Wo liegt bei einem Amokläufer die Schmerzgrenze?

Bauer: Viel zu niedrig! Bei einem Menschen, der irgendwo wundgerieben wurde, kann manchmal schon eine Berührung wehtun. Amokläufer sind Menschen, denen es schon längere Zeit vorher an vielem gefehlt hat. Den Amoktäter, von dem alle sagen: "Er war doch so ein glücklicher Mensch!" - diesen Fall habe ich noch nicht kennengelernt.

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