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Amoklauf von Winnenden: Was machen Ihre Kinder eigentlich gerade?

Ein Kommentar von Claus Christian Malzahn

Nach dem Amoklauf von Winnenden werden in der Politik die üblichen Debatten geführt: Computerspielverbot, Waffengesetzverschärfung, Schützenvereinskritik. Doch die Politik ist in Wahrheit hilflos. Jetzt sind die Eltern gefragt.

Die Amokläufer von Erfurt, Emsdetten und Winnenden stammen aus unserer gemütlichen deutschen Mitte. Das macht den Abgrund, in den die Republik gerade schaut, noch unheimlicher. Aber genau deswegen sind die Konsequenzen, die man nach den ungeheuren Taten ziehen sollte, nicht bei neuen oder verschärften Gesetzen, Verboten oder Einschränkungen zu suchen - sondern bei uns selbst.

Computerspiel "Counterstrike": "Wer sich nicht um seine Kinder kümmert, macht sich schuldig"
DDP

Computerspiel "Counterstrike": "Wer sich nicht um seine Kinder kümmert, macht sich schuldig"

In Berlin ist die Politik mit ihrem Latein am Ende. Viele Protagonisten geben das offen zu. Wer jetzt behauptet, er wüsste, wie man das Problem von oben regeln könne, lügt. Natürlich werden neue und vor allem alte Forderungen erhoben - die SPD nimmt die Schützenvereine (Achtung: Unionswähler!) ins Visier, die Union fordert das Verbot brutaler PC-Spiele (Vorsicht: CDU-ferne Computer-Nerds!). Und weil Politiker und Ermittler unter immensem Druck stehen, werden auch Ermittlungsergebnisse präsentiert, die später zurückgezogen werden müssen.

Es ist schon absurd: In ruhigen Zeiten verdächtigt der Durchschnittsbürger die Bundesrepublik ganz gern, ein Überwachungsstaat zu sein. Nach Erfurt, Emsdetten und Winnenden konnte die Politik dagegen gar nicht allmächtig genug werden.

Die politische Diskussion entwickelte sich nach den Amokläufen von Erfurt 2002 und Emsdetten 2006 genauso wie heute. Zweimal wurden die deutschen Waffengesetze seitdem verschärft - und die dritte Wahnsinnstat wurde dadurch auch nicht verhindert. Selbst die Fragen, die Politiker oder Experten beantworten sollen, gleichen sich: Hätte man die Tat verhindern können? Warum kann die Polizei Chat-Rooms nicht überwachen? Muss der Gesetzgeber Konsequenzen ziehen?

Wer nicht weiß, was seine Kinder umtreibt, macht sich schuldig

Die Frage nach persönlicher Verantwortung wird in Deutschland selten gestellt. Doch genau darum geht es jetzt. Wer, wenn nicht die Eltern, ist denn für das Handeln seiner Kinder verantwortlich? Wer sich nicht um seine Kinder kümmert, wer nicht weiß, was sie umtreibt, welcher Kummer sie plagt, welche Filme sie gerade im Kino gesehen und welche Seiten sie gestern Nacht im Internet besucht haben, der macht sich schuldig - zunächst mal an seinem Kind. Und im Fall von Winnenden an einer ganzen Stadt, einem ganzen Land.

Der Vater des Attentäters hat mehr als ein Dutzend Waffen zu Hause gehortet - sein Sohn richtet mit einer davon das Blutbad an. Aber bevor wir über eine Familie herfallen, die wir nicht kennen: Wie heißt eigentlich der Klassennachbar Ihres Kindes? Welches Buch liest es gerade? Liest es überhaupt? Wie lange hat sich Ihr Kind gestern bei SchülerVZ herumgetrieben - und mit wem? Über welchen Lehrer hat es sich zuletzt geärgert? Und was haben Sohn oder Tochter am kommenden Wochenende vor? Wann haben Sie ihrem Sohn oder Ihrer Tochter zuletzt etwas erklärt, womit die Kinder wirklich etwas anfangen konnten?

Natürlich ist das uncool: Aber wenn Sohnemann nachts noch im Computerschützengraben liegt - und nicht im Bett - dann sollte man den Stecker ziehen. Erziehung findet nicht immer im Konsensprinzip mit den Kindern statt. Und PCs sind keine Babysitter, auch wenn es beim Nachwuchs immer so schön ruhig wird, wenn die Geräte flimmern. Wer glaubt, das sei ein Problem von Hartz-IV-Familien, der hat keine Ahnung. In vermeintlich besseren Kreisen wird Sprachlosigkeit nur anders bemäntelt. Es geht nicht um eine neue Diktatur im Kinderzimmer, sondern um lebendiges Interesse. Reden. Spaß haben. Sich ernst nehmen. Füreinander da sein. Man nennt das auch Familie.

Ob im traditionellen Verbund, in der Patchworkfamilie oder bei Alleinerziehenden: Wir müssen uns mehr um unsere Kinder kümmern. Natürlich fehlt Eltern dazu manchmal die Kraft und auch die Fantasie. Manchmal hilft es schon, sich an die eigene Kindheit zu erinnern - um dann entweder etwas zu addieren oder abzuziehen. Denn im Grunde wissen wir doch, was damals gut für uns war - und was nicht. Ein Militärdepot im Wohnzimmer gehörte sicher nicht dazu. Doch über Waffengesetze und Computerspielverbote haben wir jetzt jedenfalls lange genug geredet. Die sind das geringste Problem.

Das größte Problem sind Eltern, die ihren Job nicht machen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 257 Beiträge
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1. Bravo
VitoD, 13.03.2009
BRAVO zu diesem absolut richtigen Artikel. Hier gibt es einfach nichts hinzuzufügen!!!
2. Genau
Robowski 13.03.2009
dankeschoen fuer diesen Artikel. Das war schoen zu lesen und ich bin gespannt auf die Diskussion.
3. Schwachsinn
Polarwölfin, 13.03.2009
Ich habe selten so einen unsinnigen, polemischen und oberflächlichen Kommentar gelesen. Wirklich der reine Schwachsinn. Dieser Autor hat bestimmt keine eigenen Kinder und war selber niemals jung, hatte niemals Geheimnisse bzw. tat nie etwas "verbotenes". Natürlich müssen Eltern einen guten Job leisten. Aber in einer Zeit, in der sich wenige Eltern einem wachsenden Zahl Kinderloser gegenübersehen, die alles besser könnten, besser machten, besser wüssten, wird das Leben echt zur Tortur. Jeder, der Kinder hat, weiß, dass sie sich in der Pubertät völlig anders verhalten, dass Rückzug und Geheimnisse vor den Eltern etwas völlig normales sind. Außerdem wissen wir gar nichts über die Familie. Die ist nämlich - verständlicherweise erst einmal von der Bildfläche verschwunden. Was bleibt sind Medienspekulationen und Medienspektakel, dass gepflegte Kloppen um Klick- und Einschaltquoten sowie Printauflagen, damit die Katastrophe sich in klingender Münze für die Medien bemerkbar macht. Dass der Vater im Schützenverein ist, heißt erst mal nichts. In unserem früheren Wohnort gab es außer dem Schützenverein keinerlei "Vergnügungsmöglichkeiten" weshalb irgendwann fast der ganze Ort dem Verein angehörte. Alles potenzielle Amokläufer nun? Waffenanhänger gibt es viele. Angefangen von Schusswaffen bis zu Messern. Dafür gibt es vergleichsweise wenig Amokläufer darunter. Wer solche Tragödien auf so platte Nenner bringt, hat vom Leben und von den tatsächlichen Spannungsverhältnissen in unserer Gesellschaft absolut nichts verstanden. Die Gesellschaft ist nicht schuld, aber ihr Zustand ist so, dass solche Dinge passieren müssen und auch weiter passieren werden. Dieses Geschehen ist furchtbar und mein Mitgefühl gilt allen Opfern, aber diese Geschichte nun auf ein einziges Schuldmoment zu reduzieren ist nicht nur oberflächlich und falsch, sondern führt auch im weiteren nicht dazu, solche Unglücke in Zukunft zu verhindern.
4. zustimmung
Moewi 13.03.2009
Zitat von sysopNach dem Amoklauf von Winnenden werden in der Politik die üblichen Debatten geführt: Computerspielverbot, Waffengesetzverschärfung, Schützenvereinskritik. Doch die Politik ist in Wahrheit hilflos. Jetzt sind die Eltern gefragt. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,613181,00.html
Dass ich Malzahn einmal 100%ig zustimmen kann....unglaublich!
5. Wie sieht eigentlich Interesse aus?
Ruth Ellis 13.03.2009
Super Artikel! Aber leider: Jetzt sehe ich sie schon vor mir, die Eltern, die drei Wochen lang ihre Kinder ins Kreuzverhör nehmen, dann etwas weniger und dann wieder gar nicht. Wie sieht eigentlich echtes Interesse an einem anderen Menschen aus? Wissen wir das überhaupt noch?
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