Fotoprojekt zu Hautfarben "Ein Familienporträt der Welt"

Schwarz, weiß, gelb, rot: Lassen sich Menschen so beschreiben? Unsinn, sagt die Fotografin Angélica Dass. In einem Langzeitprojekt dokumentiert sie die Hautfarben Tausender Personen - in einem faszinierenden Mosaik der Vielfalt.

Angelica Dass

Ein Interview von


Zur Person
  • Kattia Zanetta
    Angélica Dass, Jahrgang 1979, stammt aus Brasilien und lebt derzeit in Madrid. Sie hat Fotografie studiert; ihre Werke wurden in Spanien, Brasilien, Uruguay und Norwegen gezeigt. "Humanæ", eines ihrer Langzeitprojekte, zeigt die Vielfalt menschlicher Hautfarben. Für die Zeitschrift "Time" ist Dass eine von neun modernen brasilianischen Fotografen, deren Schaffen man verfolgen sollte.
Angélica Dass hat einen Traum: Sie sehnt sich nach einer Welt, in der alle Hautfarben gleich wichtig sind - oder besser gesagt: gleich unwichtig. Weil aber derzeit noch grobschlächtige Unterscheidungen wie "schwarz" und "weiß" vorherrschen, arbeitet Dass seit drei Jahren an einem ehrgeizigen Projekt. Sie nennt es Humanæ und fotografiert dafür Menschen in aller Welt.

Deren Hautfarbe gleicht sie mit dem Pantone Matching System ab, einem weltweit verbreiteten Farbschema. Jeder Farbton hat eine eindeutige Kennung. In der Hautfarbe des Fotografierten färbt Dass den Hintergrund der Aufnahme ein. Die genaue Bezeichnung des Farbtons wird unter dem Foto genannt.

Für das Projekt war Dass unter anderem in Madrid, Bergen, Rio de Janeiro, Paris und Chicago unterwegs. Entstanden ist ein globales Mosaik, eine Art Inventar menschlicher Hauttöne - und zugleich ein Dokument der Vielfalt.

SPIEGEL ONLINE: Warum betreiben Sie so einen Aufwand, um Hautfarben zu dokumentieren?

Dass: Ich will zeigen, dass die Art, wie wir über Hautfarben sprechen, der Realität nicht gerecht wird. Zum Beispiel, wenn weiß und schwarz als Gegensatz verwendet werden. Für mich hat das keinerlei Bedeutung. Als ich Humanæ 2012 begann, habe ich zuerst meine Familie porträtiert. Sie ist sehr bunt, es spielt es keine Rolle, welche Hautfarbe du hast. Aber außerhalb ist das leider nicht so. Humanæ begann als Familienporträt, inzwischen ist es sozusagen ein Familienporträt der Welt. Um Hautfarben geht es aber ohnehin nur vordergründig.

SPIEGEL ONLINE: Und worum geht es tatsächlich?

Dass: Die Leute leihen mir ihr Gesicht, um über Gleichberechtigung zu sprechen. Auf den Fotos sind Religion, Nationalität, Herkunft, Wohlstand, sexuelle Orientierung nicht zu erkennen. Ich habe Taube und Blinde fotografiert, in Rio Leute in Favelas, in Chicago Multimillionäre. Die Aufnahmen zeigen: Wir sind einzigartig, aber auch gleich.

SPIEGEL ONLINE: Apropos einzigartig: Wie viele unterschiedliche Hautfarben waren bislang dabei?

Dass: Keine Ahnung, ich habe nicht gezählt. Es ist mir auch nicht wichtig. Die Farben wiederholen sich. Ich nutze Dopplungen, um Stereotype zu durchbrechen: Zwei Fotos von Personen mit gleicher Hautfarbe, die aber unterschiedlichen Gruppen zugerechnet werden; ein Afroamerikaner beispielsweise und jemand, der aus Indien stammt. Ich versuche, die Vorstellungen einzureißen, die wir von "den anderen" haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist Ihnen diese Botschaft so wichtig?

Dass: Ich sehne mich nach einer Welt, in der eine Hautfarbe nicht wichtiger ist als eine andere. Mir geht es darum zu zeigen, dass es bei Menschen eine wunderschöne Farbvielfalt gibt. Deshalb sortiere ich die Fotos nie von hell nach dunkel oder umgekehrt. Leider passiert das manchmal, die Leute haben irgendwie das Bedürfnis, Dinge zu organisieren. Wenn das geschieht, bin ich wirklich sauer, das läuft der Idee des Projekts komplett zuwider. So eine Ordnung entspricht nicht dem Leben, da geht es durcheinander. Deshalb habe ich mich auch für das Pantone-Farbsystem entschieden.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Dass: Mir gefällt, dass man dabei anders als bei anderen Farbmodellen die Farben - und damit auch die Fotografierten - nicht nach der Ziffern-Bezeichnung sortieren kann; meine Haut hat zum Beispiel den Farbton 7522 C, es gibt aber auch Brauntöne mit 300er- oder 50er-Kennung. Pantone ist in diesem Sinn durcheinander, wie das Leben. Und die Leute verstehen es intuitiv. Das ist mir wichtig, weil sich das Projekt sofort jedem erschließt.

SPIEGEL ONLINE: Machen deshalb so viele Leute mit?

Dass: Ja. Nach drei Jahren harter Arbeit und 2500 Fotos habe ich schon eine gewisse Vielfalt im Projekt - aber zufrieden bin ich noch nicht. Ich brauche mehr Fotos, bin aber auf Freiwillige angewiesen. Ich muss nach Indien, nach China, nach Australien. Ich würde gerne nach Südafrika gehen, genauso wie nach Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Was wissen Sie über die Teilnehmer?

Dass: Im ersten Moment gar nichts. Aber ich versuche, nicht nur Fotos zu sammeln, sondern auch Geschichten. Ich frage die Leute immer, warum sie mitmachen.

SPIEGEL ONLINE: Und was bekommen Sie da zu hören?

Dass: Alles Mögliche. Es war jemand dabei, der mit adoptierten Kindern arbeitet, etwa aus Äthiopien oder Kambodscha. Der benutzte die Bilder, um über Vorstellungen von Familie zu sprechen. Manche Teilnehmer haben in der Vergangenheit Rassismus erlebt. Für die ist Humanæ ein Ort, an dem sie gleichwertig behandelt werden und vor allem willkommen sind. Sie fühlen sich emotional mit dem Projekt verbunden.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Ablauf immer identisch?

Dass: Ja. Der Hintergrund ist immer weiß, die Abstände und Beleuchtung sind immer gleich. Dann wähle ich ein Quadrat von 11 Pixeln Seitenlänge an der Nase des Fotografierten aus. Die Farbe dieser Fläche füge ich im Hintergrund ein und stelle den entsprechenden Pantone-Namen dazu.

SPIEGEL ONLINE: Warum die Nase?

Dass: Weil sie ihre Farbe verändert: Wenn wir in der Sonne sind, wenn wir Grippe haben, wenn wir betrunken sind, wenn sich die Jahreszeiten ändern, wenn wir altern. Die Botschaft ist: Wenn wir ohnehin nicht immer dieselbe Hautfarbe haben, warum reden wir dann darüber - warum ist sie so wichtig?

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
diefetteberta 18.05.2015
1. Well done
Interessante Arbeit, in diesem Zusammenhang sollte man sich auch noch mal die Doku "Die Arier" von Mo Asumang ansehen, dann wird auch dem Letzten klar, was für ein Schwachsinn die ganzen Rassenideologien sind.
r_dawkins 18.05.2015
2. Super Sache
Gefällt mir sehr gut!
mcmercy 18.05.2015
3.
Lustig, dass eigentlich nicht die Indianer die "Rothäute" sind sondern wohl mehr die Nordeuropäer :-)
an24 18.05.2015
4.
Super Projekt! Wie harmonisch die Gesichter vor dem Hintergrund ihrer "eigenen" Farbe wirken..
felisconcolor 18.05.2015
5. Wir sind
einzigartig und eben nicht alle gleich. Und das ist doch auch gut so. Die Hautfarbe ist ein Resultat eines langen evolutionären Prozesses. Wenn das alles nicht nötig wäre hätten wir wohl alle die gleich Hautfarbe. Ich finde das Projekt schon sehr interessant aber trifft immer noch nicht den Kern (für meinen Geschmack)
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