Papstanwärter Angelo Scola: Der freundliche Karrierist

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Kardinal Angelo Scola am Sonntag in Rom: "Elendige Zeiten wie diese"

Kardinal Angelo Scola halten viele für einen Papstanwärter mit guten Chancen. Der Italiener gilt als kosmopolitisch und konservativ, effizient und basisnah. Vor seiner Priesterweihe soll er verlobt gewesen sein. Doch es wird auch Kritik laut - wegen seiner Nähe zum Netzwerk von Skandalpolitiker Berlusconi.

Hamburg - Angelo Scola ist Erzbischof von Mailand und damit Herr über die größte Diözese Italiens. Doch in der lombardischen Metropole scheint der Antichrist umzugehen. Und dem hat Scola den Kampf angesagt. Erst im November verdoppelte er die Zahl der Exorzisten von sechs auf zwölf - auf Grund der großen Nachfrage, wie es hieß. Damit alle Bitten um Teufelsaustreibung an die richtige Stelle vermittelt werden können, ließ er eine Telefon-Hotline einrichten.

Wer ist dieser Kardinal Angelo Scola, der als einziger italienischer Favorit ins Konklave geht? Ein anachronistischer Hardliner? Tatsächlich gilt Scola vielen als Mann der Mitte, manche preisen ihn gar als möglichen Reformer. Angeblich kann er im Konklave auf die Unterstützung vieler Kardinäle aus Europa und einiger aus den USA zählen. Laut "Repubblica" soll er in den Vorgesprächen bereits etwa 40 der notwendigen 77 Stimmen für eine Zweidrittelmehrheit für sich gewonnen haben - ähnlich viele wie der Deutschbrasilianer Odilo Scherer.

Als Sohn eines Lastwagenfahrers und überzeugten Sozialisten wurde Scola 1941 in Malgrate, einem 4000-Seelen-Dorf am Ufer des Comer Sees geboren. Die Mutter sei eine tief religiöse Frau gewesen, er habe "den Glauben mit der Muttermilch aufgesogen", soll der spätere Erzbischof einmal gesagt haben.

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In der Schule war der rothaarige Angelo Klassenbester - ein Streber, der lauthals Latein und Griechisch übte und seine Mitschüler damit nervte. Einige erinnern sich an einen schweigsamen, mitunter launischen Jungen. Auch eine bildhübsche Verlobte soll es laut "Repubblica" gegeben haben. Nachdem Scola beschlossen hatte, Priester zu werden, trennte sich das Paar, die Frau wurde Äbtissin in einem Kloster.

Scola kann zupacken

Schon Johannes Paul II. hielt viel von Scola und brachte ihn mit der Ernennung zum Erzbischof von Venedig als potentiellen Nachfolger ins Spiel. Dies sei "nur ein weiterer Schritt in einer offenbar sorgfältig durchkomponierten Karriere", heißt es in einer WikiLeaks-Depesche der US-Botschaft im Vatikan vom 7. Januar 2002. "Scola ist kosmopolitisch, umgänglich, intelligent und hat eine warmherzige, freundliche Persönlichkeit." Er stehe fest zu den Grundsätzen des Katholizismus, "aber ohne den Nachteil, ein Demagoge zu sein - er zieht es vor, andere über den Verstand und Dialog für sich einzunehmen".

Mit 28 Purpurträgern stellen die Italiener fast ein Viertel der Wahlberechtigten im Konklave. Dennoch gilt es keineswegs als gesichert, dass einer der ihren auch gewählt wird. Vatileaks, Missbrauchsskandale und die undurchsichtigen Geschäfte der Vatikanbank IOR haben dem Ruf der römischen Kurie nachhaltig geschadet.

Kritiker hoffen daher auf einen Aufräumer aus dem Ausland, der einen Neuanfang möglich macht. Der Papst solle wieder mehr Macht bekommen, die Kurie ihm vorrangig dienen, statt selber zu regieren, fordern jene, die Benedikt XVI. vor allem als schwachen Regenten erlebt haben.

Scola hat reichlich praktische Erfahrungen in den Erzdiözesen Venedig und Mailand gesammelt und ist offenbar in der Lage zuzupacken: In Mailand wechselte er innerhalb weniger Monate sieben Vikare aus und verschlankte die Strukturen durch Zentralisierung. Sein 2004 gegründetes Projekt "Oasis" wuchs heran zu einer Dialogplattform mit der muslimischen Welt. Dies wird ihm hoch angerechnet.

Man weiß so einiges über Scola - dass er Arthritis im linken Zeigefinger und manchmal Kopfschmerzen hat. Dass er ein Fan des AC Mailand ist und ein Faible hat für Kaká von Real Madrid. Dass er betet und arbeitet, von sechs Uhr früh bis Mitternacht. Dass er kein Handy hat, aber den Medien offen gegenübersteht, auch Facebook und Twitter. Nur ob er Papst wird, weiß man nicht.

Theologe in Ratzingers Tradition

Seine langjährige Freundschaft mit dem Gründer der weltweit aktiven, in Italien einflussreichen Comunione e Liberazione bereitete Scola Probleme. Die katholische Bewegung galt in den siebziger Jahren als konservativer "außerparlamentarischer Arm der Christdemokraten" und steht heute der Partei PdL von Ex-Premier Silvio Berlusconi nahe. Sie wird im Zusammenhang mit der Vatileaks-Affäre verdächtigt, in Schmiergeldzahlungen verwickelt gewesen zu sein. Scola war einst Philosophieprofessor von Berlusconi und von dessen wegen Mafiaverbindungen verurteilten Kumpel Marcello Dell'Utri. Die enge Verbindung zu Comunione e Liberazione spielt der Kardinal heute herunter - obwohl sie ihm die Unterstützung des konservativen Flügels im Konklave sichert.

Mit Papst Benedikt XVI. verband Scola Freundschaft und Respekt. Beide arbeiteten gemeinsam in den siebziger Jahren für die Zeitschrift "Communio", von 1986 bis 1991 war Scola Berater in der Glaubenskongregation, die damals von Ratzinger geleitet wurde. 2011 installierte Benedikt Scola als Erzbischof von Mailand.

Theologisch steht Scola in der Tradition von Ratzinger, politisch ist er eher dem Ex-Staatssekretär und diplomatischen Strippenzieher Angelo Sodano zuzuordnen. Zu seinen Freunden im Konklave gehören mindestens drei weitere Papabili, also mögliche Anwärter auf den Stuhl Petri: Kardinal Péter Erdö aus Budapest, der Kanadier Marc Ouellet und der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn, der bei einem Gottesdienst am Sonntag in Rom noch einmal betonte, welch "übermenschliche Anforderungen das Petrusamt" stelle.

Scola selbst gab sich düster und sprach in der Messe von "elendigen Zeiten wie diesen", in denen Barmherzigkeit die Quelle aller Hoffnung sei.

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insgesamt 71 Beiträge
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1. Wenn...
Dengar 12.03.2013
Wenn es ein Italiener wird, mönnte es der letzte Papst sein...schaun mer mal, dann sehn mer schon.
2. Ein Bauernopfer, gutes Ablenkungsmanöver!
peter_gurt 12.03.2013
In einer Zeit wo die Kirche mit pädophilen Priestern und massenweise Kirchenaustritten zu kämpfen hat, ist der Rücktritt von Ratzinger ein guter Schachzug. Die Welt wird wieder geblendet von Prunk und Schauspiel. Wer dabei gewählt wird ist der Kirche egal. Dieses unvorstellbar reiche System wird eh nicht von einem alten Mann regiert.
3.
alpenfreund 12.03.2013
Salbungsvolle Worte, die aber in Hinblick auf die Missbrauchsskandale ein fragwürdiges Konzept darstellen, denn die Opfer brauchen Therapien und Therapien kosten Geld. Dieses Geld wird die Kirche bereitstellen müssen, auch wenn es die Barmherzigkeit Gottes vielleicht gratis gibt. Eine Predigt dieser Art ist der unbeholfene Versuch, den Schaden ganz billig zu begrenzen. Der neue Papst wird erst mal ein Konzept finden müssen, wie die Kirche Sühne leisten will, wie sie ihren Opfern wirklich helfen kann.
4.
alpenfreund 12.03.2013
Die Titelzeile fehlt, und sollte heißen: ,,Barmherzigkeit die Quelle aller Hoffnung''
5. Scola? Warum nicht?
nocreditoexperto 12.03.2013
In der Nähe von Berlusconi hat Scola sicherlich das wahre Leben gesehen. Es wird Zeit, dass die Päpste wieder rumhuren wie in der Renaissance.
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