Opfer von Genitalverstümmelung Kein Interesse an Sex, nur Schmerz

Ann-Marie Caulker wurde als Sechsjährige Opfer einer Genitalverstümmelung. Heute kämpft sie gegen das blutige Ritual - und die hartnäckige Ignoranz der Befürworter. Dafür wird sie nun in Berlin ausgezeichnet.

Ann-Marie Caulker (li.), Frauenrechtlerin aus Sierra Leone
Roland Berger Stiftung

Ann-Marie Caulker (li.), Frauenrechtlerin aus Sierra Leone

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Als sie sechs Jahre alt war, ging Ann-Marie Caulker gern im Garten spielen. Dort war es kühl, sie konnte Früchte essen und im nahe gelegenen Fluss baden. Als sie einmal aus dem Wasser kam, erinnert sich die 48-Jährige, warteten am Ufer zwei ihrer Stiefmütter. Sie packten sie, zogen ihre Beine auseinander und fuhrwerkten mit einem Messer an ihrem Geschlechtsteil herum.

Ann-Marie wand sich, schrie vor Schmerzen, blutete ohne Unterlass. Zwei Tage lang floss das Leben aus ihr heraus, dann befanden ihre Peinigerinnen, dass nicht genug geschnitten worden war. Sie wiederholten die Prozedur. Die Frauen füllten einen Lappen mit Kräutern und tauchten ihn in heißes Wasser. Dann pressten sie ihn auf die Scham des Mädchens und fixierten seine Beine. Am vierten Tag zückten sie erneut das Messer. Die Wunde heilte schlecht, die Frauen beschimpften und demütigten das unschuldige Kind, behaupteten, es sei selbst schuld daran.

Ann-Maries Mutter war da schon seit vier Jahren tot. Der Vater hatte viele Frauen und wenig Interesse an seinen zahlreichen Kindern. Niemand half Ann-Marie. Dennoch überlebte sie die Tortur. Sie überlebte Vergewaltigungen, Misshandlungen, sie überlebte eine mit Kräutermixturen eingeleitete Abtreibung, zog den Fötus an einem Fuß aus sich heraus. Sie überlebte eine Fehlgeburt von Zwillingen. Sie überlebte, während zahllose andere direkt nach ihrer Beschneidung oder an den Folgen starben.

"Die Schule hat mich gerettet"

"Eigentlich wäre ich lieber gestorben", sagt Caulker. "Aber die Schule hat mich gerettet." Selbst nachdem sie verstoßen worden war und auf der Straße lebte, habe sie immer im Hosenbund ein Buch versteckt gehabt. Eine Weile wohnte sie mit ihrer jüngeren Schwester in einer kirchlichen Mission, da habe sie Mitleid empfunden mit all den Kindern, denen es genauso ergangen war wie ihr selbst. Mit dem Mitleid kam der Kampfgeist.

Heute setzt sich Caulker als renommierte Frauenrechtlerin in Sierra Leone dafür ein, dass Frauen die Herrschaft über ihren Körper wiedererlangen. Für ihr Engagement wird sie in Berlin mit dem Preis für Menschenwürde der Roland-Berger-Stiftung ausgezeichnet.

Caulker gründete die Freetown School, in der Mädchen Zuflucht finden, die von ihren Familien verstoßen wurden, weil sie sich einer Beschneidung (FGM, "Female Genital Mutilation") verweigerten. Auch Waisenkinder von Müttern, die aufgrund von FGM bei der Geburt starben, werden in der Schule unterstützt. Insgesamt unterrichten Aktivsten und Helfer dort 440 Kinder. Sie klären auf über Beschneidung, Sex, Schwangerschaft, HIV und Frauenrechte. "Meine eigenen schrecklichen Erfahrungen haben mich stark gemacht", sagt Caulker. "Ich habe verstanden, wie verheerend mangelnde Bildung für eine Gesellschaft ist."

Aufklärungsunterricht an der Freetown School in Sierra Leone
Roland Berger Stiftung

Aufklärungsunterricht an der Freetown School in Sierra Leone

Geschätzt neun von zehn Frauen in dem westafrikanischen Staat werden Opfer weiblicher Genitalverstümmelung. Zwar ist laut Unicef die Zahl der Befürworter der grausigen Praxis zwischen 2005 und 2013 von 86 auf 69 Prozent gesunken. Sie ist aber immer noch hoch - selbst in bildungsnahen Schichten. Die Mantras, mit denen die gesundheitsschädliche, traumatisierende und potenziell lebensgefährliche Praxis verteidigt wird, lauten:

  • "Es ist unser kulturelles Erbe"
  • "Es ist ein Initiationsritus - Frauen werden durch den Eingriff erst Teil der Gesellschaft"
  • "Nur beschnittene Frauen sind rein und bekommen einen Mann ab"
  • "Es ist hygienischer"
  • "Es verhindert Prostitution und Seitensprünge, weil die Frauen weniger Lust haben"

"Ich habe kein Interesse an Sex, ich fühle nur Schmerz", sagen die Betroffenen. Vielen Männern sei das allerdings egal, so Caulker. "Erst wenn ein einflussreicher Mann aufsteht und laut sagt: 'Unbeschnittene Frauen haben mehr Spaß am Sex, ihr solltet sie unversehrt lassen', beginnen einige nachzudenken."

Tatsächlich beobachten die Aktivisten eine Verquickung der in Sierra Leone praktizierten Polygamie und der weiblichen Genitalverstümmelung. Demnach begründen Männer die Vielehe mit der notorischen Unlust ihrer Erstfrauen - die aber oft erst durch die Beschneidung und die Angst vor weiteren Schmerzen hervorgerufen wurde.

Bei ihren Aufklärungskampagnen setzen die Aktivistinnen auf die Zusammenarbeit mit Dorfältesten, Imamen, Müttern und den Beschneiderinnen selbst. 98 Prozent der blutigen Eingriffe werden von medizinisch nicht vorgebildeten Frauen vorgenommen, was die Gefahr von Infektionen und schweren Komplikationen in die Höhe treibt. Teure, professionell und unter sterilen Bedingungen durchgeführte Beschneidungen, wie man sie in Ägypten vermehrt beobachtet, spielen bei der armen Landbevölkerung in Sierra Leone bisher keine große Rolle.

Mehr Interesse an der Gesundheit

"Wir versuchen, den Beschneiderinnen zu anderen Verdienstmöglichkeiten zu verhelfen, etwa in der Landwirtschaft", sagt Caulker. Als vielversprechend hat sich die niedrigschwellige Aufklärung junger Männer erwiesen. "Indem man mit ihnen über ihren eigenen Körper, die Vorgänge während der Pubertät, ihre Probleme spricht, entwickeln sie Interesse für Gesundheitsfragen, auch für das, was schädlich ist."

Verstoßene und Waisen schützen: Auch Kleinkinder sind von FGM bedroht
Roland Berger Stiftung

Verstoßene und Waisen schützen: Auch Kleinkinder sind von FGM bedroht

In Sierra Leone spielen Geheimbünde, die sogenannten Bondo-Gesellschaften, eine wichtige Rolle. Wer als Frau Teil dieser Netzwerke sein will, kommt um eine Beschneidung nicht herum. So berichtet die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes von Kindersoldatinnen, die FGM durchführen lassen, um im Bondo-Kreis eine neue Familie und lebenslange Unterstützung zu finden.

In Deutschland hat FGM erst seit 2013 einen Diagnoseschlüssel. Es ist kein Phänomen, das an Grenzen haltmacht. Geschätzt 48.000 Frauen in Deutschland sind beschnitten, in den vergangenen zwei Jahren soll ihre Zahl durch Zuwanderung um fast ein Drittel gestiegen sein. 9300 Frauen gelten als gefährdet.

Wie sollen Flüchtlingshelfer und Behörden auf diese neue Herausforderung regieren? "Viele neuangekommene Frauen wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen, wenn sie akute medizinische oder psychische Probleme aufgrund von FGM haben", sagt Idah Nabateregga von Terre des Femmes. "Wir müssen verstärkt in die Unterkünfte gehen und diese Frauen auffangen." Aber auch die Ausbildung der Ärzte in Deutschland müsse an die neuen Realitäten angepasst werden.

Zwar hat Sierra Leone 2015 das "Maputo Protokol" über die Rechte der Frauen in Afrika, mehr Gleichberechtigung und ein Ende der Genitalverstümmelung ratifiziert. Das Gesetz bietet den Frauen aber kaum Schutz. FGM ist in Sierra Leone nicht verboten. Es gibt nur eine Kinderschutzregelung, wonach Mädchen unter 18 Jahren nicht an Initiationszeremonien teilnehmen sollten.

Tatsächlich soll es bereits gelungen sein unerwünschte Beschneidungen unter Berufung auf diesen Passus zu verhindern, berichtet Caulker. Es sei ein erster Schritt, den Mädchen zu ermöglichen, unversehrt zu bleiben, bis sie volljährig sind und selbst entscheiden könnten. "Aber unser wichtigstes Ziel bleibt, FGM komplett zu verbieten. Frauen sind keine Tiere, sie sind Geschöpfe Gottes."



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