Will-Talk zu Jugendgewalt: "Wir sind zu weich mit Tätern umgegangen"

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Sie haben einen jungen Mann einfach totgeprügelt, mitten in Berlin am Alexanderplatz. Warum eskaliert Gewalt unter Jugendlichen so schnell? Geht die Justiz mit Schlägern zu lasch um? Ja, sagt ein Richter bei Anne Will. Die beste Antwort findet jedoch die Schwester des getöteten Johnny K.

Gedenken an Prügelopfer in Berlin: Bemerkenswerter Auftritt der Schwester bei Anne Will Zur Großansicht
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Gedenken an Prügelopfer in Berlin: Bemerkenswerter Auftritt der Schwester bei Anne Will

Wenn man Menschen der älteren Generationen fragt, wie es in ihrer Jugend war mit Gewalt untereinander, dann antworten viele: "Wenn einer am Boden lag, hat man aufgehört, sich zu prügeln." Heutzutage hat es den Anschein, als fange es dann erst an. Den am Boden Liegenden mit Fußtritten malträtieren, auf den Kopf eintreten.

So starb in der Nacht zum 14. Oktober auch Johnny K. Sechs junge Männer sollen ihn vor einem Lokal am Berliner Alexanderplatz ohne ersichtlichen Grund, ohne Vorwarnung zusammengeschlagen und getreten haben. Johnny K. erlag einen Tag später seinen schweren Gehirnblutungen.

Ein Junge von 20 Jahren, der - wie sein Vater sagte - gerade erst "ein junger Mann" geworden war. Einer, der sich an seiner Religion, dem Buddhismus, orientierte und positiv durchs Leben marschierte. Der gern zur Schule und zur Arbeit ging, sich nie prügelte - und sich in seiner Heimat Berlin sicher fühlte, als er nach einer Geburtstagsfeier mit seinen Freunden durch die Stadt zog.

Er soll der letzte Mensch sein, der so sinnlos und brutal aus dem Leben geprügelt wurde. Das ist Tina K.s großer Wunsch, als sie in Anne Wills Talkrunde über die Tat spricht. Sie ist Johnnys ältere Schwester. Um 2.30 Uhr hatte die Clique sie in jener Nacht noch angerufen, um sie zu überreden, zur Party zu kommen. Um 4 Uhr weckte sie dann eine SMS: "Johnnys Herz schlägt wieder." Erst dann sah sie, dass sie im Schlaf mehr als 20 Anrufe verpasst hatte.

Tina K. eilte ins Krankenhaus. Während ihre Freunde noch hofften, nahmen ihr die Ärzte die Zuversicht: Johnny würde die Nacht nicht überleben. Tina K. hielt seine Hand, als er starb.

Ist die Justiz zu lasch?

Die Eltern und eine weitere Schwester sind fassungslos, sie ziehen Kraft aus ihrem Glauben, haben sich zurückgezogen. So ist es Tina K., die sich der Öffentlichkeit stellt, in die Mikrofone spricht, eine Trauerfeier organisiert. Sie will, dass Johnnys gewaltsamer Tod Anstoß ist für ein Umdenken in der Gesellschaft.

Ihr Auftritt bei Anne Will ist bemerkenswert. Eine große Schwester steht ihrem kleinen Bruder bei, wie sie es wohl zeit seines Lebens getan hat. "Ich will ihn unsterblich machen", sagt die 28-Jährige, ohne pathetisch zu klingen. Sie ärgert sich, wie sich die mutmaßlichen Tatbeteiligten gegenseitig die Schuld zuschieben, statt Verantwortung zu übernehmen.

Ein Tatverdächtiger sitzt in Untersuchungshaft. Zwei weitere, die sich stellten und eingeräumt haben, bei der Tat dabei gewesen zu sein, sind wieder auf freiem Fuß. Anne Will fragte am Mittwochabend: Warum nur? Was signalisiert die Freilassung der mutmaßlichen Schläger den Angehörigen des Opfers? Handelt die Justiz zu lasch?

Die Vita des mutmaßlichen Haupttäters, der sich derzeit in der Türkei aufhält, lässt diesen Schluss jedenfalls zu: Viermal soll der ehemalige Amateurboxer bereits verurteilt worden sein, zuletzt im Juni dieses Jahres zu zwei Wochen Jugendarrest und einem Anti-Gewalt-Training. Wie viele Chancen hat so ein Mensch verdient?

"Er hat keine fünfte Chance verdient", konstatierte Tina K. "Haben wir doch auch nicht. Mein Bruder kommt nicht zurück." Unterstützung und Beistand erhielt sie von Andreas Müller, Jugendrichter im brandenburgischen Bernau. Ein Mann mit Tendenz zum erhöhten Blutdruck, der Neonazis zum Döneressen schickte und Vorgeladenen das Tragen von Springerstiefeln verbot. Ein Mann, der sich schnell in Rage redet - ein Glücksfall für die Sendung.

Harte Strafen vs. "Bestrafung ohne Verstand"

"Wir sind zu weich mit Tätern umgegangen, haben zu viele zweite Chancen vergeben", sagte Müller und erinnerte an Kandidaten, die mehr als 40 Straftaten auf der Uhr hatten, aber keinen Tag im Gefängnis saßen. "Wir müssen weiterhin gegen jede Gewalttat vorgehen mit harten Strafen", sagte er und feierte die erneute Verschärfung des Jugendstrafrechts, wonach jugendliche Mörder zu 15 statt zehn Jahren Höchststrafe verurteilt werden können.

Müllers harte Linie kollidierte mit der eher seichten von Dieter Wiefelspütz, SPD-Innenpolitiker, Rechtsanwalt und ehemaliger Richter, der davor warnte, vor lauter "Bestrafung ohne Verstand" die Rehabilitation der Straftäter aus den Augen zu verlieren.

Doch damit stand er in der Gesprächsrunde allein. Es komme nicht darauf an, wie man bestraft werde, sondern dass man bestraft werde, sagte Fadi Saad. Der 33-Jährige ist in Berlin geboren, seine Eltern sind Palästinenser und kamen vor über 30 Jahren nach Deutschland. Als Mitglied einer Gang geriet er selbst in die Kriminalität, seit 2005 arbeitet er als Quartiersmanager mit Jugendlichen in den Berliner Bezirken Neukölln, Reinickendorf und Moabit.

"Einer, der anderen die Nase bricht, den kann man zur Strafe nicht zu einem Strickkurs schicken", betonte Saad. Dass man die mutmaßlichen Tatbeteiligten vom Alexanderplatz laufen ließ, komme einem Freispruch gleich. "Wie sollen sie verstehen, dass sie etwas Falsches getan haben?"

Eine Frage, die Müllers Nerv traf. Er warb für mehr Unabhängigkeit der Jugendgerichte und für eine Generalprävention im Jugendstrafrecht, also die Abschreckung anderer. Erst wenn seine Kundschaft "Zu dem Arschloch-Richter will ich nicht mehr!" krakeelt habe, habe er gewusst, dass er das Richtige getan habe: früh und schnell wegsperren, aber nicht unbedingt lange. Das könne schon helfen.

"Diese Jugendlichen zeigen keine Reue, empfinden keine Empathie"

Das bestätigte auch Jugendpsychiater Michael Winterhoff, der kritisierte, dass die Verfahren viel zu lange dauerten, so dass die Betroffenen oft gar keinen Zusammenhang mehr zwischen Tat und Strafe erkennen könnten. Was Winterhoff aus seinem Berufsalltag schilderte, klang beängstigend. Die gravierende Veränderung der Gewaltqualität nehme zu, nämlich: die willkürliche Wahl eines Opfers, das Eindreschen auf am Boden Liegende, das exzessive Prügeln und Treten wie im Rausch.

"Diese Jugendlichen zeigen keine Reue, empfinden keine Empathie", sagte Winterhoff. Viele von ihnen hätten den Reifegrad von Kleinkindern und müssten genau so behandelt werden: Sie müssten von klein auf lernen, ein Nein zu akzeptieren. Das würde heutzutage zunehmend in den Hintergrund geraten. "Ich habe Sieben-, Achtjährige, die ihre Lehrer treten - und das sind durchaus gut erzogene, gut betreute Kinder."

Anstatt ihnen Grenzen aufzuzeigen, würden diese Kinder oft pathologisiert: ADHS oder Hochbegabung könne so zu einer Art Schutzschild für Eltern werden, hinter dem sie ihre Verantwortung verstecken. Für viele Kinder sei erst Jugendarrest ein einschneidendes Erlebnis.

Tina K. sagte, eine harte Strafe für die, die den Tod ihres Bruders zu verantworten hätten, würde ihr vielleicht das Gefühl von Gerechtigkeit vermitteln. Doch eigentlich wirkte sie so, als könne sie ihr Empfinden nicht kategorisieren. Wichtig schien ihr vielmehr, dass Justiz und Staat auf ihrer Seite - der des Opfers - stehen.

Die Täter haben ihrer Ansicht nach aus Hass und Wut gehandelt - Emotionen, die Tina K. fremd sind. "Ich habe nichts davon, diese Menschen zu hassen", erklärte sie mit fester Stimme. Ihre Mutter wünsche sich gar, diese jungen Männer sollten zur Familie des Opfers nach Hause kommen, die Tat zugeben, sich entschuldigen, Reue zeigen. Tina K. teilt die Vorstellung ihrer Mutter, doch ihr geht es nicht nur um die eigene Familie. "Mir tun auch deren Eltern leid, die schämen sich bestimmt für ihre Söhne und denken, sie haben etwas falsch gemacht."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 145 Beiträge
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1. Wir sind zu weich mit Tätern umgegangen
pantapan 01.11.2012
Ach, nicht doch! Wie kommt man denn auf dieses schmale Brett. Ist das denn nicht eine "Stammtischbemerkung"?
2. wegsperren bringt gar nichts
gerritinho 01.11.2012
ich arbeite selber im Jugendvollzug. Das es zum Teil viel zu lange dauert, bis ein Jugendlicher zu einer HAftstrafe verurteilt wird ist richtig. Das größere Problem sind meiner Meinung nach aber die viel zu kurzen Haftstrafen. Bei Jugendlichen Straftätern ist gewaltig etwas schief gelaufen. Das haben vorher Eltern, Lehrer und Jugendämter verpennt. Jetzt kommt so ein Jugendlicher ins Gefängnis & wir haben den Auftrag ihn zu resozialisieren. Die durchschnitliche Hafttrafe von Jgndl beträgt ca 18 Monate, davon sind in der Regel 6 Monate U-Haft. Und in der Zeit sollen wir einen besseren Menschen aus ihm machen? Und die Rufe nach schnellerer Bestrafung & sofort in den Knast von einem Jugendrichter....vielleicht sollte er sich mal damit auseinandersetzen, dass ca. 70% der Jugendlichen zu Stammgästen bei uns werden...
3. ....
amerlogk 01.11.2012
Des Pudels Kern ist doch nicht, glauben wir.... 1. das schwere Bestrafungen andere Taten verhindern? 2. wir unser gesellschaftliches System hinterfragen müssen? Würden Strafen Verbrechen verhindern, müßte die USA ohne Verbrechen sein. Eine Gesellschaft wo die Spaltung zwischen Arm und Reich immer größer wird, darf sich nicht wundern wenn sie immer mehr brasilianische Verhältnisse kriegt.
4. Gut erzogen?
gis 01.11.2012
Ein Achtjähriger, der auf seine Lehrer losgeht ist gut betreut und erzogen? Ich habe selten einen größeren Blödsinn gelesen. Ich denke, dass die Gesellschaft friedlicher ist als zu meiner Kindheit vor 40 Jahren. Damals waren Schlägereien auf dem Schulhof und Ohrfeigen bei der Erziehung normal. Darüber ging es selten hinaus. körperliche Züchtigungen Ein Achtjähriger, der auf seine Lehrer losgeht hätte von allen Seiten Druck bekommen. Heute ist Gewalt ein Tabu. Vielleicht können wir uns auch deshalb so schwer dagegen wehren. Warum lassen wir uns eigentlich so eine Justiz gefallen? Alle Macht geht vom Volke aus und das will in seiner Mehrheit, das Gewalttäter bestraft werden.
5. im Zweifel...
andy69 01.11.2012
Zitat von sysopSie haben einen jungen Mann einfach totgeprügelt, mitten in Berlin am Alexanderplatz. Warum eskaliert Gewalt unter Jugendlichen so schnell? Geht die Justiz mit Schlägern zu lasch um? Ja, sagt ein Richter bei Anne Will. Die beste Antwort findet jedoch die Schwester des getöteten Johnny K. Anne Will: Talkshow zu Gewalttat am Alexanderplatz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/anne-will-talkshow-zu-gewalttat-am-alexanderplatz-a-864570.html)
... eben mal nicht mehr für den Angeklagten (wobei hier nicht Zweifel gemeint sind, ob er die Tat überhaupt begangen hat, sondern Zweifel, ob er tatsächlich künftig keine brutale Gewalt mehr begehen wird). Kein Mensch hat verdient, endlos immer wieder neue Chancen zu bekommen, während dies parallel zu immer neuen Opfern führt. Wer ohne jedes Gefühl (und Grund) einen anderen Menschen angreift und schwer verletzt, ist eine Gefahr - und die Gemeinschaft muss vor ihm geschützt werden. Und es interessiert ab einem bestimmten Punkt nicht mehr, ob der Täter "keine Perspektive mehr hat" oder wie das ganze milde Blablabla sonst so heisst. Kein Wunder nehmen die Problemkreise dieser Gesellschaft keinen mehr ernst, weder Polizei noch Justiz. Ich habe jedenfalls das Gefühl, daß bei solch schlimmen Vorfällen sich alles nur um den armen Täter dreht statt um die Opfer - verkehrte Welt.
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