Anonyme Samenspende Mutters Geheimnis

Clara Stark verliebte sich, heiratete früh, doch Nachwuchs wollte sich nicht einstellen: Ihr Mann war zeugungsunfähig. Es dauerte Jahre, bis eine Samenspende erfolgreich war. Später gebar sie ein zweites Kind. Den Mut, ihre Kinder über deren Herkunft aufzuklären, hat sie bis heute nicht.

Clara Stark: "Ins Grab möchte ich das Geheimnis nicht mitnehmen"
Tobias Lang

Clara Stark: "Ins Grab möchte ich das Geheimnis nicht mitnehmen"

Von Tobias Lang und Janina Lionello


Ihre Erinnerungen liegen in der Schublade ihres Schreibtisches, auf 25 Seiten kariertem Papier. Clara Stark* hat dokumentiert, wie sie ihren Mann kennenlernte, wie ihre Kinder ins Leben kamen. Es ist ein penibles Protokoll.

Harald und sie küssten sich in einem dunklen Kino das erste Mal. Bald heirateten die beiden, machten Flitterwochen, Clara legte jeden Monat 500 Mark zurück, für den Mutterschaftsurlaub. Sie setzte die Pille ab. Anfang 20 war Clara Stark damals und wusste schon sehr genau, was sie zu ihrem Glück braucht. Alles ist planbar, so dachte sie, und sollte lernen: Glück nicht.

Clara ist heute 46 Jahre alt, eine zierliche Frau mit braunen, schulterlangen Haaren. Ihre Kinder Marlon und Hanna sind 15 und 13 Jahre alt. Sie wissen nicht, dass ihre Mutter in ihrem Schreibtisch ein Geheimnis vor ihnen verbirgt, das ihre Welt auf den Kopf stellen würde.

Die Liebe zwischen Clara und Harald beginnt glücklich, doch ihre innigste Hoffnung will sich nicht erfüllen. Sie wird nicht schwanger. Es dauert einige Jahre, ehe Harald beiläufig erwähnt, dass das Problem bei ihm liegen könnte. Als Kind sei bei ihm ein Hodenhochstand diagnostiziert und operativ behoben worden.

Harald lässt sich untersuchen. Ergebnis: Er ist zeugungsunfähig.

Das längste Kapitel der Aufzeichnungen in Claras Schreibtisch nimmt die Spendersamenbefruchtung ein. "Noch immer nicht schwanger. Wir gehen zum Arzt", steht oben auf der karierten Heftseite. Mit 26 Jahren sitzt sie zum ersten Mal auf dem Behandlungsstuhl ihres Frauenarztes in Heidelberg und lässt die Prozedur über sich ergehen. Die Blutabnahme, das Einführen des Spendersamens, das Warten. "Die Hoffnung auf ein eigenes Kind hat mir die Kraft dafür gegeben", sagt sie. Doch die Behandlung zeigt keine Erfolge.

"Wann machen wir das Zweite?"

Bei jedem Eisprung versuchen sie es, 500 Mark investieren sie pro Monat, der Mutterschaftsurlaub ist in Claras Planung nun zweitrangig. Fünf Jahre geht das so, Clara und Harald geraten in ein Doppelleben. "Weder unsere Familien noch unsere engsten Freunde wussten davon", sagt sie. Auch miteinander reden sie nie über das Thema, blenden es komplett aus, sobald sie aus der Praxis kommen. Als verlöre ein Problem seine Existenz, wenn es nicht zur Sprache kommt.

Wie Clara in einen solchen Strudel aus Lügen geraten konnte, weiß sie selbst nicht mehr genau. Sie habe von Anfang an große Angst vor der Reaktion ihrer Familie gehabt, erzählt sie mit leiser Stimme. "Meine Mutter hätte das niemals verstanden. Immer wenn im Fernsehen oder in der Zeitung etwas zu dem Thema 'künstliche Befruchtung' kam, schüttelte sie verständnislos den Kopf."

Schließlich versuchen Clara und Harald es in einer Stuttgarter Praxis, der Arzt ist ihr unsympathisch, seine Spender bezeichnet er als "Mercedesse unter den Spendern". Nach drei Behandlungszyklen wird Clara schwanger, von wem der Samen stammt, erfährt sie nicht. Als der neugeborene Marlon auf ihrem Bauch liegt, fragt Clara ihren Mann: "Wann machen wir das Zweite?" Ein Jahr später beginnt sie die Behandlung erneut, mit demselben Spendersamen.

Die Trennung von Harald

Es ist ein frühlingshafter Tag im April, nur wenige Wochen nach Behandlungsbeginn. Clara trägt eine cremefarbene Jacke, so erinnert sie sich heute. Zu Mittag isst sie Fischstäbchen und Pommes, geht anschließend direkt zur Behandlung. Noch während der Spendersamen eingeführt wird, wird ihr speiübel, und der Fisch kommt ihr wieder hoch. Da habe sie gewusst: Es hat geklappt. Neun Monate später kommt Hanna zur Welt.

Doch das Familienglück währt nur wenige Jahre. Als Hanna fünf ist, trennt sich Harald von Clara. "Er hat sich das Familienleben anders vorgestellt, möchte frei und ungebunden sein. Unsere Familie will er nicht", sagt Clara.

So verschwand Harald aus dem Leben der Kinder. Heute hat er nur noch unregelmäßigen Kontakt zu ihnen. Marlon leidet sehr darunter, er ist labil, Clara Stark traut sich vor allem ihm nicht zu erzählen, woher er und seine Schwester stammen. Sie hat Angst, dass er sich einigeln könnte. Kann sie es ihm zumuten?

Marlon und seine Schwester haben keine Zweifel: Harald ist ihr leiblicher Vater. Einen neuen Mann an Claras Seite und somit einen "Ersatzpapa" gab es seitdem nicht.

Schätzungen zufolge leben in Deutschland etwa 100.000 Menschen, die durch eine Samenspende gezeugt wurden. Belastbare Zahlen darüber, wie viele von ihnen wissen, dass ihr sozialer Vater nicht der Erzeuger ist, gibt es nicht. "Ich bin mir sicher, dass nur ein sehr geringer Teil der heute 20-jährigen Spendersamenkinder aufgeklärt ist", sagt Familientherapeutin Petra Thorn, die zahlreiche Ratgeberbücher zu dem Thema geschrieben hat. "Tendenziell kann man sagen, dass die Aufklärungsrate in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat, da die gesellschaftliche Akzeptanz der Spendersamenbehandlung gestiegen ist." Thorn schätzt, dass etwa 80 Prozent der heute Fünf- bis Zehnjährigen über ihre Herkunft informiert sind.

"Hanna wird es gefasst aufnehmen"

Clara und Harald streiten seit Jahren über den Unterhalt für Marlon und Hanna. "Ständig trickst er, damit er in eine niedrigere Bemessungsstufe fällt", sagt Clara. Sie hat Angst, Harald könnte die Vaterschaft rechtlich anfechten. "Er könnte behaupten, die Kinder seien durch einen One-Night-Stand oder eine Affäre entstanden." Käme er damit durch, müsste er gar nichts mehr bezahlen.

Beweise dafür, dass ihre Kinder durch einen medizinischen Eingriff entstanden sind, hat Clara nicht. Alle Unterlagen über die Behandlungen in den beiden Kliniken sind vernichtet, da damals in der Regel eine Aufbewahrungsfrist von zehn Jahren für die Dokumente über künstliche Befruchtung galt. Erst seit 2007 müssen die Unterlagen 30 Jahre aufbewahrt werden. Mehrmals versuchte Clara es bei den Kliniken - vergeblich. Ihre eigenen Unterlagen bewahrte sie nicht auf, dass sie die einmal als Beweise benötigen würde vor Harald, daran habe sie nie gedacht.

Clara hat sich fest vorgenommen, Marlon und Hanna die Wahrheit über ihre Herkunft zu erzählen. Sobald ihr Sohn aus der Pubertät ist, sollen es beide erfahren. Marlon, der an Harald hängt, obwohl dieser ihn immer wieder versetzt, werde "wahrscheinlich wütend aus dem Haus rennen, Hanna wird es gefasst aufnehmen".

Sie zieht aus ihrer Tasche ein Kuvert, darin ein Brief an ihre Kinder. Er ist für den Fall, dass ihr etwas zustößt, ehe sie ihren Kindern die Wahrheit sagen konnte. "Lieber Marlon, Liebe Hanna", steht dort in sauberer Handschrift. "Leben kann man nur vorwärts, das Leben verstehen nur rückwärts." Sie erklärt den beiden, wie sie wirklich entstanden sind, und warum sie nie den Mut aufgebracht hat, ihnen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Es sind 40 Zeilen voller Mutterliebe, Verse aus Liedern kommen darin vor, aus "Wunder geschehen" von Nena und "Geboren um zu leben" von Unheilig.

"Ins Grab möchte ich das Geheimnis nicht mitnehmen", sagt Clara.

* Namen aller Personen der Familie von der Redaktion geändert



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