Anreiz Puffbesuch "Mit Geld kann man Mitarbeiter nicht mehr belohnen"

Hunterttausende Prostituierte arbeiten in Deutschland. Doch wer geht schon in den Puff? Käuflicher Sex ist nach wie vor ein Tabu - vor allem, wenn er betrieblich organisiert ist und der Mitarbeiter-Belohnung dient. Warum eigentlich?

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Business-Incentive Sex: Edel-Orgien im Business-Bordell?
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Business-Incentive Sex: Edel-Orgien im Business-Bordell?


Fragt man beim Bundesfamilienministerium nach, wie viele Prostituierte es in Deutschland gibt, erhält man als Antwort eine erstaunlich anmutende Zahl: 400.000 Frauen sollen es sein. Die Schätzung stammt von Hydra, einer in Berlin ansässigen Selbsthilfeorganisation für Prostituierte. Zum Thema Rotlicht gibt es in Deutschland "keine zuverlässigen statistischen Angaben".

Fest steht: Jede Prostituierte muss mehrere Kunden bedienen, sonst rechnet sich die Sache nicht. Demnach kaufen Millionen Männer Sex. Auch, wenn es kaum einer zugibt.

Das Image der Prostitution hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich gewandelt, in den meisten westlichen Ländern ist sie legalisiert. Prostituierte können sich in Deutschland seit 2001 sozialversichern, sie haben ein Anrecht auf Arbeitsverträge und Altersabsicherung. Doch käuflicher Sex bleibt ein Tabu - und bei kaum einem Thema ist die Heuchelei so ausgeprägt. Diskussionen über Prostitution stehen bei aller angeblichen Normalität immer unter Bigotterieverdacht.

Sex als Belohnung, "Incentive" oder Bestechungsmittel in Businessleben oder Politik ist nicht vereinbar mit unseren Werten. Ein Frauen kaufender Manager, der im Puff Partys schmeißt, ist nicht gut gelitten. Besonders dann, wenn er Frauen aus Inventurzwecken nach Benutzung stempelt, als habe er eine Rinderhälfte im Schlachthof vor sich. Darüber, dass die Elite-Vertreter der Hamburg-Mannheimer bei ihrer Sex-Orgie in Budapest die Frauen mit Farbbändchen nach Nutzungsmöglichkeit markierten und nach "Benutzung" abstempelten, haben sich viele mehr erregt als über die Orgie selbst.

Was nicht sein darf: Barbaren in Nadelstreifen

"Bei uns", sagt ein auf Anonymität bestehender Versicherungsangestellter aus einem Konkurrenzunternehmen, "käme sowas nicht vor. Dass Leute nach Feiern mal in den Puff gehen, mag sein. Aber doch nicht vom Unternehmen organisiert oder bezahlt." Das ist sicher ein Unterschied - wenn auch kein grundsätzlicher.

"Das beste Geld", sagt ein Banker, der einst als Taxifahrer jobbte, "habe ich verdient, wenn ich Leute zum Puff gefahren habe." Denn dann konnte er sich abends nach der Schicht im Bordell satte Handgelder als Prämien abholen. Jeder Taxifahrer kenne die Adressen, mit der man die Frage beantwortet, wo man denn "hier ein bisschen Spaß haben" könne. Die Klientel: meist beruflich unterwegs.

"Der aktuelle Fall ist sicher keine Ausnahme, wenn auch in der Konsequenz der Umsetzung außergewöhnlich", meint dazu Klaus-J. Eisner von Eventmanager.de. "Dass Bordellbesuche als Belohnung eingesetzt werden, kann man auf jeder Messe beobachten."

Das bestätigt auch Mechthild Eickel von Madonna, einem Verein für kulturelle und berufliche Bildung von Prostituierten. Sex als Belohnung oder Incentive von Angestellten oder Kunden sei "weit verbreitet": "Das gibt es in allen Branchen, kann sich nur nicht jeder Betrieb leisten."

Sex erhöht die Erpressbarkeit

Klar, sagt ein Befragter: Ab einem gewissen Level könne man Mitarbeiter oder Kunden "mit Geld nicht mehr belohnen". Doch Incentives jenseits der ordinären Lohnerhöhung oder Prämienzahlung sind laut Event-Spezialist Eisner nicht ausschließlich eine Frage des Ranges in der Hierarchie. Die Wahrscheinlichkeit von Incentives steige auch mit bestimmten Funktionen: "Generell wird in den Bereichen Handel und Verwaltung eher mit Incentives gearbeitet, als in der Produktion. In Jahrzehnten persönlicher Erfahrung zum Beispiel im automobilen Sektor habe ich nie erlebt, dass die Arbeiter, Techniker oder Ingenieure bei Incentives oder Events die Begünstigten waren, stets waren es die Käufer, Verkäufer, die Presse, Händler oder Handelspartner."

Incentives sind ein ganz besonderer Kitt - und dabei spricht Eisner noch nicht einmal über sexuelle Anreize. Mechthild Eickel von Madonna macht klar, warum Sex aus Management-Sicht aber besonders interessant sein kann: "Belohnungen binden immer Interessen und sind allein deshalb oft die kleinen Verwandten der Korruption. Wird die Belohnung Prostitution angenommen, entsteht daraus leichter eine persönliche Erpressbarkeit." Desjenigen, der die Dienste in Anspruch nimmt - es kann aber auch zur Erpressbarkeit desjenigen führen, der das Ganze organisiert und zahlt.

Erst einmal aber nützt es dem Zahlenden, wenn man in einer hierarchischen Männerwelt mit starken Konkurrenzen agiert. "Für Kolleginnen", spottet Mechthild Eickel, werde so etwas aber "kein attraktives Belohnungsevent sein."

Die Orgie an sich liegt durchaus im Trend. Events wie den der Hamburg-Mannheimer in Budapest kann man buchen, es gibt Agenturen, die sich auf so etwas spezialisiert haben. Manche davon agieren wie mobile Swingerclubs, mieten "Locations" für aufwendig beworbene Events, die man privat oder als Gruppe buchen kann. Auch größere Escort- und Callgirl-Services wickeln solche Aufträge ab.

Zum Leistungsspektrum herkömmlicher Eventagenturen allerdings gehören solche Dinge nicht. "Ein entsprechend explizites Angebot ist uns in keinem Agenturprofil begegnet", sagt dazu Klaus-J. Eisner. "Ich bin aber sicher, dass bei entsprechendem Kundenwunsch viele professionelle Agenturen in der Lage wären, eine solche Veranstaltung zu organisieren."

Als Instrument der Kontaktpflege zwischen Unternehmen oder als Leistungsangebot seriöser PR- oder Eventagenturen aber ist so etwas nicht drin, sagt Uwe A. Kohrs, Präsidiumsmitglied der Gesellschaft Public Relations Agenturen GPRA und Geschäftsführer der Kommunikationsagentur impact.

Kohrs: "Generell wird die Gewährung von Vorteilsnahme heute extrem restriktiv gehandhabt. Das schließt ja schon Einladungen zum Essen fast aus. Dabei mag es natürlich auch schwarze Schafe geben - aber Sex im Unternehmenskontext? Das ist sicher kein Thema."

Mechthild Eickel sieht das anders. Sex als Incentive im Business-Leben? "Das ist üblich."

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Seite 1
sagmalwasdazu 25.05.2011
1. Neudeutssche Dekadenz !
Zitat von sysopHunterttausende Prostituierte arbeiten*in Deutschland. Doch wer geht schon in den Puff? Käuflicher Sex ist nach wie vor ein Tabu - vor allem, wenn er betrieblich organisiert ist und der Mitarbeiter-Belohnung dient. Warum eigentlich? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,763657,00.html
Tja ... irgendwo muss das Geld ja hinfließen , das den Arbeitnehmern an Löhnen schlicht unterschlagen wurde . Man kauft sich auch noch die Frauen aus der "Unterschicht" ! Weiterer Ausverkauf der Arbeiterklasse ! Schon klar , das die eigenen Partnerinnen mit solchen Schmiersäcken keinen Sex mehr erträgt .
candide08 25.05.2011
2. Na und?
Bill Clinton liess sich mit einer Praktikantin ein, Formel-1-Funktionär Max Mosley wurde in London heimlich mit Prostituierten beim Sex gefilmt, Versicherungsvertreter vergnügen sich offiziell in ungarischen Bädern mit Frauen. Und der Weltbank-Chef Strauss-Kahn soll auch einschlägig bekannt gewesen sein, bevor er dann ein Zimmermädchen leider vergewaltigte. Vielleicht ist Sexualität etwas ganz normales?
elisax 25.05.2011
3. Gründe für Puff-Besuche als Belohnung
1) Erpressbarkeit. Der Mitarbeiter teilt mit der Firma ein Geheimnis. Nichts Verbotenes zwar, aber je nach Situation kann es schon etwas peinlich werden, wenn das persönliche Umfeld davon erfährt. 2) Auswahl. Ein Mitarbeiter mit ethischen Grundsätzen, d.h einem halbwegs intakten Gewissen, wird da nicht mitmachen. Solche Mitarbeiter sind dann wohl auch eher ungeeignet um Kunden und andere Unternehmen skrupellos über's Ohr zu hauen. In manchen Branchen werden jedoch genau solche Menschen benötigt. 3) Formung der Mitarbeiter. Gerade junge, weniger gefestigte Männer werden durch doch Aktionen charakterlich geformt, oder eher verformt. "Zum Teufel mit der Moral, ich will Spass!" Diese Einstellung wird den Mitarbeitern vermittelt. Wer keine Erziehung genossen hat, die feste Grundsätze vermittelt, ist für so etwas empfänglich.
prefec2 25.05.2011
4. Alles kein Wunder
Da in der Businesswelt zumal in der Nähe des großen Geldes und somit in der Nähe von Macht, sind Moral und Ethik sowieso auf dem absteigenden Ast. Dafür wird mehr triebgesteuert gehandelt. Das passiert übrigens auch anderen Männern mit egal welche Ausbildung wenn sie in der Unternehmenshierarchie im Management/Sales/Marketing-Bereich angekommen sind. Die Orgie ist die Weiterführung des Menschelns aus anderen Bereichen. So geht man abends auf Konferenzen gerne mal auch einen Trinken. Gemeinsam versteht sich. Allerdings ist das noch eine Welt die für alle Menschen egal welcher sexuellen Ausrichtung und eigenen Rollenbild zugänglich. Wenn dies aber nicht mehr reicht und ethische Erwägungen keine Rolle mehr spielen, dann scheint es wohl so zu sein, dass Mann dann auf die Orgie zurückgreift.
klausm0762 25.05.2011
5. Puff als Incentive für Vertriebler und Führungskräfte ...?
... während es für Normalos meist nix gibt? Undenkbar, in so eine Firma würde ich sofort kündigen.
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