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Anschlag auf Premier: Italien entdeckt sein Herz für Berlusconi

Aufgewühlt diskutiert Italien das blutige Attentat auf Silvio Berlusconi. Der 73-jährige Premier, der bei dem Angriff einen Nasenbeinbruch erlitten hat, bleibt länger im Krankenhaus als zunächst angekündigt - nun sind die Sympathien auf seiner Seite.

Silvio Berlusconi: Cavaliere als Phantom Fotos
REUTERS

Mailand/Hamburg - Man kennt ihn feixend, strotzend vor Selbstbewusstsein, angriffslustig und auch wütend. Aber so wie am Sonntagabend haben die Italiener ihren Premierminister noch nie gesehen.

Der mächtigste Mann des Landes blutend, verwirrt, verletzt und zutiefst verletzlich - nach der Attacke eines offenbar verwirrten 42-Jährigen, der eine Statuette des Mailänder Doms nach Berlusconi warf und ihn schwer im Gesicht verletzte, liegt der 73-Jährige nun mit einem Nasenbeinbruch im Krankenhaus San Raffaele. Hieß es zunächst noch, Berlusconi könne die Klinik schon am Montag wieder verlassen, teilten die Ärzte nun mit, man wolle den Patienten noch bis Dienstag beobachten.

Der Regierungschef nehme Antibiotika und habe "anhaltende" Schmerzen. Eine Operation sei jedoch nicht nötig, sagte der leitende Arzt Alberto Zangrillo. Berlusconi habe außerdem wegen Verletzungen an der Lippe Probleme beim Essen. Nach Angaben der Ärzte dürfte es bis zur vollständigen Genesung knapp drei Wochen dauern.

Am Montagmorgen habe sich der berühmte Patient Zeitungen bringen lassen und erste Besucher empfangen. "Er würde sich gerne wieder in seine rasende Aktivität stürzen, aber die Ärzte mahnen zur Vorsicht", sagte sein Sprecher Paolo Bonaiuti.

"Berlusconi ist bis auf weiteres unersetzlich"

Was Berlusconi, dessen angebliche Verbindungen zur Mafia zuletzt die Schlagzeilen beherrscht hatten, am Morgen in den Zeitungen las, dürfte sich wie ein Balsam auf seine Seele gelegt haben. Alle Zeitungen veröffentlichten flammende Appelle gegen die Gewalt in Politik und Gesellschaft. Das politische Klima in Italien ist vergiftet, wozu auch Berlusconis teils geschmacklose Angriffe auf den politischen Gegner beitrugen - doch an diesem Montag schreibt selbst "La Repubblica", die Speerspitze im Kampf gegen Berlusconi: "Diese Ladung der Gewalt, die aus den Bildern spricht, erreicht uns alle." "Freunde und Feinde" müssten "Solidarität" mit dem Ministerpräsidenten zeigen, da "nichts weniger als die Freiheit" auf dem Spiel stehe.

Anhänger Berlusconis hängten an den Wänden des Krankenhauses eine italienische Fahne und ein Spruchband auf, auf dem zu lesen wahr: "Echte Italiener sind immer bei Dir". Das Attentat dürfte Berlusconi eine Welle der Anerkennung und des Mitleids bescheren: "Man kann damit rechnen, dass seine Sympathiewerte steigen werden", schrieb der "Corriere della sera". "Fast jeder im Land ist der Meinung, dass der Anschlag sowohl für Berlusconi persönlich schlimm als auch für Italiens Image schädlich war. Außerdem wird es in der Rechten auf längere Zeit unmöglich, Berlusconi die Führungsrolle streitig zu machen. Er ist bis auf weiteres unersetzlich."

Der Politikwissenschaftler James Walston von der Amerikanischen Universität in Rom sagte, es bleibe abzuwarten, ob Berlusconi diese steigenden Sympathiewerte künftig bei der Umsetzung seines wichtigsten Ziels werde einsetzen können - bei der geplanten Verfassungsänderung, die ihm Immunität vor strafrechtlicher Verfolgung und der Exekutive im Staat eine nie dagewesene Machtfülle bescheren soll.

"Berlusconi hat ein Klima des Hasses geschaffen"

"Berlusconis Stern wird nun wieder steigen", sagt Emilio Iodice, Direktor des John Felice Rome Center. Der Anschlag auf den Premier könne eine kathartische Wirkung haben - nach einer langen Phase des lähmenden Stillstands zwischen den verfeindeten politischen Lagern könne nun eine konstruktive "Befriedungsphase" eintreten.

Nicht alle wollten in den Versöhnungschor einstimmen. "Ich bedauere die Gewalt, aber Berlusconi hat ein Klima des Hasses geschaffen", sagte Antonio Di Pietro von der Anti-Korruptions-Partei IDV (Italien der Werte) über den konservativen Regierungschef, der sich dieser Tage erneut vor Gerichten wegen Bestechung zu verantworten hat.

"Er kann sich jetzt aber nicht als Opfer fühlen", sagte Rosy Bindi von der größten Oppositionspartei PD (Demokratische Partei). "Wir sind mit dem Premier zwar solidarisch, aber unter denen, die dieses Klima aufgebaut haben, ist auch Berlusconi."

Als erste Folge des Attentats sollen nun die Sicherheitsvorkehrungen für Berlusconi verschärft werden. Das kündigte der Staatssekretär im Innenministerium an, Alfred Mantova. Der Vizevorsitzende des Kontrollausschusses für die Geheimdienste, Carmelo Briguglio, hatte zuvor "besorgniserregende Sicherheitslücken" bei der Überwachung des Premiers bemängelt.

pad/AFP/AP/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
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1. So schnell wird man wieder populär
majik 14.12.2009
Ob Berlusconi den Schläger wohl eigens bestellt hat? Anscheinend haben die Italiener eben doch genau den Premier, den sie verdienen ...
2.
Poisen82, 14.12.2009
Der Silvio soll sich freuen das ihm ein Souvenir und nicht eine Granate oder Pistolenkugel vor den Kopf geflogen ist. Man kann wenig dazu schreiben, Angriffe von Verwirrten Einzelgängern kann auch der dichteste Sicherheitstrupp nicht verhindern, das ist die Gefahr die von verwirrten Einzelgängern ausgeht, es steht keine Gruppe dahinter, kein Konzept. Das Risiko das von ihnen ausgeht ist also nicht Kalkulierbar.
3. Herz für Berlusconi
freeword 14.12.2009
Wie war das noch mit der "klammheimlichen Freude"? Kann mich von einem derartigen Gefühl nicht ganz freisprechen.
4. Volltreffer !!
pietro-del-cesare 14.12.2009
Zitat von sysopAufgewühlt diskutiert Italien das blutige Attentat auf Silvio Berlusconi. Der 73-jährige Premier, der bei dem Angriff einen Nasenbeinbruch erlitten hat, bleibt länger im Krankenhaus als zunächst angekündigt - nun sind die Sympathien auf seiner Seite. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,667049,00.html
Schade um jeden Wurf, der vorbei geht.
5. Sympatien für einen Verbrecher
K. S. 14.12.2009
Zitat von sysopAufgewühlt diskutiert Italien das blutige Attentat auf Silvio Berlusconi. Der 73-jährige Premier, der bei dem Angriff einen Nasenbeinbruch erlitten hat, bleibt länger im Krankenhaus als zunächst angekündigt - nun sind die Sympathien auf seiner Seite. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,667049,00.html
Auch wenn ich den Angriff als solchen nicht gut finde, kann ich nicht nachvollziehen, wieso die Italiener jetzt Sympatien für diesen Verbrecher empfinden..
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Immunitätsgesetze in Italien
"Lex Berlusconi"
Der italienische Regierungschef, der Staatschef und die Präsidenten der beiden Parlamentskammern sollten während ihrer Amtszeit Immunität genießen und nicht strafrechtlich verfolgt werden können – das besagten zwei praktisch identische Immunitätsgesetze, die unter Ministerpräsident Silvio Berlusconi 2003 bzw. 2008 verabschiedet worden waren.
Doch das italienische Verfassungsgericht erklärte das erste der Gesetze, den "Lodo Schifani", 2004 für verfassungswidrig und damit unwirksam. 2009 folgte die danach erlassene Regelung, der "Lodo Alfano".
Die Immunitätsgesetzgebung ist höchst umstritten: Die Opposition hatte gegen die Regelung protestiert und sie als "Lex Berlusconi" verurteilt. Zwar gibt es auch in anderen Ländern wie Frankreich, Portugal und Griechenland ähnliche Gesetze. Die Immunitätsgesetze in Italien wurden jedoch auf Drängen von Regierungschef Berlusconi erlassen und führten dazu, dass gegen ihn laufende Verfahren wegen Bestechung und Steuerhinterziehung für die Dauer seiner Amtszeit ausgesetzt wurden und damit zum Teil zu verjähren drohen.
"Lodo Schifani"
Der "Lodo Schifani" oder "Lodo Maccanico-Schifani" wurde im Juni 2003 unter Protesten der Opposition verabschiedet. Im Januar 2004 erklärte ihn das Verfassungsgericht für verfassungswidrig, weil er unter anderem den Gleichheitsgrundsatz in der Verfassung verletze. Er gewährte den vier ranghöchsten Politikern Italiens Immunität und begünstigte damit den amtierenden Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi , indem alle gegen ihn laufenden Gerichtsverfahren für die Dauer seiner Amtszeit eingestellt wurden.
Das Gesetz heißt nach dem Berlusconi-Anhänger, Juristen und Politiker Renato Schifani , der das Gesetz zusammen mit Antonio Maccanico ausarbeitete.
"Lodo Alfano"
Der "Lodo Alfano" ist fast identisch mit dem gescheiterten "Lodo Schifani" und wurde - ebenfalls auf Drängen von Ministerpräsident Silvio Berlusconi - 2008 nur zwei Monate nach dessen dritter Wiederwahl als Regierungschef verabschiedet. Im Oktober 2009 setzte das Verfassungsgericht auch dieses Gesetz außer Kraft, weil es gegen den Gleichheitsgrundsatz verstoße. Damit verliert der Regierungschef seine Immunität , und mehrere der eingestellten Verfahren gegen ihn könnten wiedereröffnet werden.
Das Immunitätsgesetz heißt nach Berlusconis Justizminister Angelino Alfano .


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