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Anti-Abtreibungsspot beim Super Bowl: Tebows Mutter zieht in den Kampf

Von Gunda Trepp, San Francisco

Es ist das US-Fernsehereignis des Jahres, die kreativen Spots in den Werbepausen sind legendär - doch diesmal gibt es vor dem Super Bowl Ärger. Abtreibungsgegner wollen mit der Mutter eines Football-Stars werben, die verrät, dass ihr Sohn beinahe nicht auf die Welt gekommen wäre.

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USA: Tim Tebow, Football-Gott
Selten kuscheln Amerikaner so einmütig auf der Couch wie zu Super-Bowl-Zeiten. Demokraten fläzen sich neben Republikanern, Feministinnen und Machos trinken aus derselben Flasche Bier, und Vorstandschef und Fensterputzer sind sich einig, dass es hier nur um eines geht. Um alles. Um die Meisterschaft im American Football. Politik und Polemik gehören an diesem Tag nicht ins Wohnzimmer.

Diesmal ist das anders.

Wenn am Sonntag in Miami die Indianapolis Colts zum Showdown gegen die New Orleans Saints antreten und mehr als 100 Millionen Amerikaner zuschauen, wird ein Stück Fernsehgeschichte geschrieben: Zum ersten Mal, seit der Sender CBS das Endspiel überträgt, ist ein politischer Werbespot zugelassen.

Darin wird die evangelikale Christin Pam Tebow verkünden, dass sie ihren Sohn abgetrieben hätte, wenn sie 1987 auf den Rat ihres Arztes gehört hätte. Bezahlt werden die 30 Sekunden Sendezeit von der fundamentalistischen Organisation "Focus on the Family". Das allein hätte wahrscheinlich schon gereicht, um die zahlreichen Frauengruppen auf den Plan zu rufen, die jetzt zum Angriff auf CBS blasen.

Wirklich prekär wird der Spot aber durch den Umstand, dass der Sohn, den Pam Tebow damals nicht abtrieb, heute der Shootingstar des American Football ist.

Tim Tebow, 22, gilt als das überragende Talent seiner Generation und wurde mit Ehrungen bereits überhäuft, obwohl er bislang noch gar nicht in der Profiliga spielte - unter anderem erhielt er als 20-Jähriger den renommierten Heisman-Preis, mit dem jedes Jahr ein überragender College-Footballspieler ausgezeichnet wird. Im letzten Jahr war er maßgeblich daran beteiligt, dass die Florida Gators die Saison als bestes College-Footballteam der Vereinigten Staaten abschlossen.

"Eine Frau, die abtreiben lässt, raubt der Nation einen Star-Footballspieler"

Obwohl Tebow am vergangenen Wochenende beim Senior Bowl, dem Schaulauf der besten Collegespieler, an einer Halsentzündung laborierte und deshalb schwächelte, besteht kein Zweifel, dass er von einem der großen Teams eingekauft wird. Größtes Interesse bekunden die Jacksonville Jaguars, deren stagnierende Ticket-Verkäufe Tebow ankurbeln soll.

Wird das Kraftpaket Tebow als Quarterback den American Football "revolutionieren", wie Experten glauben? Überschattet wird die Diskussion über seine sportlichen Meriten nun von der Debatte über den Anti-Abtreibungsspot.

Die Botschaft des Kurzfilms sei klar, sagt Stephanie Wolf vom Women's Media Center in New York, einem Bündnis zahlreicher Organisationen gegen den Werbespot. "Hier wird suggeriert, dass eine Frau, die abtreiben lässt, der Nation einen Star-Footballspieler raubt", sagt sie. "Das ist völlig surreal. CBS vertrat immer die Haltung, während des Super Bowls keine Beiträge zu kontroversen Themen zu zeigen. Der Sender sollte zu dieser Haltung zurückfinden", so Wolf. Der Werbespot könne im Land wie ein Spaltpilz wirken.

"Die Preise sind zwei Jahre in Folge nach unten gegangen"

CBS habe sich bereits im Laufe des letzten Jahres "umorientiert", sagt dagegen Shannon Jacobs, eine Sprecherin des Senders. "Wir haben schon während der Hauptsendezeit Beiträge von Gruppen ausgestrahlt, die eine bestimmte Agenda vertreten." Und nun werde es eben auch im Endspiel der Football-Meisterschaft gemacht. "Wir denken, der Zuschauer ist klug genug, sich eine eigene Meinung zu bilden."

Es dürfte jedoch kein Zufall sein, dass sich die Haltung von CBS gerade jetzt, in wirtschaftlich prekären Zeiten, ändert.

Unternehmen zahlen während der Super-Bowl-Übertragung zwischen 2,5 und 2,8 Millionen Dollar pro 30-Sekunden-Spot. Dafür erreichen sie während des Spiels weit über 90 Millionen Zuschauer. "Bisher hat es sich für beide Seiten gelohnt", sagt Scott Kelley, Professor für Sportmarketing an der Universität Kentucky. "Doch ich nehme an, dass in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation weniger Unternehmen angefragt haben und noch einige Plätze frei waren. Zumindest sind die Preise jetzt zwei Jahre in Folge nach unten gegangen. In dieser Situation hat sich der Sender eben für politische Spots entschieden."

Dass der Handel für die fundamentalistische Gruppe reizvoll scheint, liegt angesichts der Zuschauerzahlen auf der Hand, vor allem wegen des Kultstatus', den Werbung genießt, die in den Super-Bowl-Pausen gut beim Verbraucher ankommt.

In den letzten Jahren war vor allem die Werbung der große Spaßfaktor. "Bud-weis-errr" quakende Frösche, Wale am Steuer, die Simpsons mit verrückten Dialogen: Die Spots werden in den Spielpausen zum ersten Mal der Öffentlichkeit gezeigt, und die Menschen sind neugierig auf die neuesten Coups der Industrie. Die Brauerei Anheuser-Busch investierte von 1990 bis 2009 über 311 Millionen Dollar in die Super-Bowl-Werbung, der Reifenhersteller Bridgestone produziert für seine Spots Trailer wie für einen Kinofilm, um die Spannung zu steigern. Die ambitionierte Werbung prägt den Entertainment-Charakter des Super Bowl fast im selben Maß wie der Sport.

Werbespot für schwule Dating-Site abgelehnt

Kein Wunder also, dass nun auch Organisationen wie "Focus on the Family" dieses Riesenforum nutzen wollen. Und das Thema Abtreibung polarisiert nach wie vor, auch unter einem demokratischen Präsidenten, der vor einigen Tagen noch das Recht der Frauen auf freie Wahl betont hat. Bei geschätzten 130 Millionen Evangelikalen in den USA, von denen 70 Prozent einen Schwangerschaftsabbruch für Mord halten, finden sich stets offene Ohren. Und Mitstreiter. Sarah Palin hat sich bereits auf Pam Tebows Seite gestellt, und auch der frühere Präsident George W. Bush ist in Sachen "Lebensrecht" unterwegs.

Doch aus werbepsychologischer Sicht macht die Verbreitung der Anti-Abtreibungsbotschaft im Super-Bowl-Werbebreak kaum Sinn, sagt der Psychologe Krishna Savani, der an der Stanford Universität das Konsumverhalten von Verbrauchern erforscht. "Man kann nur Leute beeinflussen, die noch keine klare Haltung zu einer Materie haben, und das ist bei kontroversen Themen selten", sagt er. Es sei ein großer Unterschied, ob man Bier verkaufen wolle - oder eine Meinung. "Die Neugier auf eine witzige Werbung für ein Produkt, das ich liebe, überträgt sich auf das Produkt. Ich mag es dann noch mehr und kaufe mehr davon", sagt Savani. "Bei gesellschaftlich relevanten Botschaften funktioniert dieses System nicht."

Der Erfolg für "Focus on the Family" ist deshalb nicht die Ausstrahlung des Spots selbst, sondern die Diskussion darüber.

Schon haben andere Interessengruppen bei CBS angeklopft. Shannon Jacobs sagt, man werde alle Nachfragen ernsthaft prüfen. Doch die propagierte Offenheit des Senders scheint schnell an Grenzen zu stoßen.

Am Wochenende lehnte CBS den Werbespot für die Dating-Seite Mancrunch.com für Schwule ab. Darin kommen sich zwei Männer über einer Schüssel Kartoffelchips näher, während sie sich die Übertragung des Super Bowls schauen. Der Spot entspreche nicht "dem Standard für den Spielsonntag", teilte der Sender mit.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Scheinheilige USA
kamillentee 02.02.2010
---Zitat--- Am Wochenende lehnte CBS den Werbespot für die Dating-Seite Mancrunch.com für Schwule ab. Darin kommen sich zwei Männer über einer Schüssel Kartoffelchips näher, während sie sich die Übertragung des Super Bowls schauen. Der Spot entspreche nicht "dem Standard für den Spielsonntag", teilte der Sender mit. ---Zitatende--- Nicht, das ich begeistert wäre - aber ich müßte schmunzeln, wenn in den prüden und scheinheiligen USA genau so ein Spot während des Super Bowls laufen würde ;-) Die 70 Mio. radikalen (!) Evangeliken schicken ihre nichtabgetriebenen Söhne und Töchter dann lieber später in den Krieg, um sie in Irak, Somalia, Afghanistan & Co. "loszuwerden". Die Todesstrafe ist ja gerade bei Typen wie Bush und Palin auch vollkommen legitim. Was sind wir alle heilig. Andere Länder sind nicht besser, wo Kinderschänder eher aus dem Knast kommen, als Steuersünder.
2. "Sie haben Beethoven getötet"
scheinwelt 02.02.2010
Bei dieser Argumentation wäre auch unterlassener Sex die Verhinderung der Möglichkeit einen neuen National-Footballhelden zu erschaffen. Schwachsinn. Und keinem von denen fällt die löchrige Argumentation auf.
3. ekelhaft
black wolf, 02.02.2010
Ein viel blöderes Argument als "auch Ihr abgetriebener Fötus wäre ein Footballstar geworden" hätte sich kaum finden lassen können. Die Tebows sind seit mehreren Generationen nicht nur wohlhabende Evangelisten, sondern genießen über vielfältige Verflechtungen herausragende Privilegien und Einkommen. Also genau das Gegenteil der Situation einer typischen jungen Schwangeren, die ohne Bildung, Geld und Partner dasteht. Man bemerke, dass Pam Tebow als Tochter eines gutsituierten Vaters ihr erstes Kind erst bekam, nachdem sie ihren Universitätsabschluss in der Tasche hatte und fünf Jahre nach ihrer Heirat. Die gesamte Familie ist vom familieneigenen Ministry-Netzwerk voll versorgt. Dass Pam trotz medizinischer Indikation Glück hatte und das jetzt der Nation als beispielhaftes Verhalten vorhält ist blanker, typisch verheuchelter Hohn.
4. -
Mulharste, 02.02.2010
Zitat von sysopEs ist das US-Fernsehereignis des Jahres, die kreativen Spots in den Werbepausen sind legendär - doch diesmal gibt es vor dem Super Bowl Ärger. Abtreibungsgegner wollen mit der Mutter eines Football-Stars werben, die verrät, dass ihr Sohn beinahe nicht auf die Welt gekommen wäre. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,675302,00.html
freu freu freu........endlich...! Schade, dass nun, nachdem hier in DTL die Politik massiv im Fußball Einzug gehalten hat (links/rechts), nun auch der Superbowl instrumetnalisiert wird, für die Ideen und Vorstellungen militanter "Meinungsverfechter" Politik hat im Sport nichts zu suchen, ausser es stiftet Frieden.
5. Hat die Autorin keinen Plan, oder ist das beabsichtigte, journalistische Dramaturgie
Boricko, 02.02.2010
Wie kann man Tim Tebow als Shooting Star des American Football bezeichnen, resp. als Football-Gott (wie es unter der Fotostrecke steht)? Tim Tebow war ein excellenter College QB, der es sehr wahrscheinlich überhaupt nicht in die Profiliga schaffen wird, zumindest nicht als QB. Was diese Position betrifft, sind College- und Profifootball zwei paar Schuhe. Was den Spot selbst betrifft, ist es sonnenklar, dass man diesen Spieler gerade jetzt für eine solche Campagne instrumentalisiert: In einem Jahr, wird nämlich kaum noch jemand wissen, wer Tim Tebow überhaupt ist. Von daher ist die Kernaussage des Spots eigentlich ein Eigentor....
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