Anti-Raucher-Kampagne: Qual kommt von Qualmen

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Warnungen auf Zigarettenpackungen sind weltweit Standard, doch Raucher nehmen die uniformen Aufdrucke kaum noch wahr. Das dürfte sich bald ändern, denn der Trend geht zu Warnbildern von erschreckender Deutlichkeit.

Gegen das Rauchen: Krasse Kampagnen Fotos
Ministério da Saúde

Hamburg - Der 21. Juni markiert seit Menschengedenken einen Wendepunkt. Die Sommersonnenwende beendet die erste Jahreshälfte, danach werden die Tage kürzer, es geht wieder abwärts mit der Höhe der Kreisbahn der Sonne am Himmel. Und nicht nur mit der: Nach der neuen Vorlage der verbindlichen Warnhinweise für Zigarettenpackungen durch die U.S. Food and Drug Administration FDA dürfte sich auch das Image der Raucher in den USA in einen noch steileren Sinkflug begeben.

Wer sich dann ab Herbst nächsten Jahres - so viel Galgenfrist hat die US-Tabak-Lobby rausholen können - eine Packung Glimmstängel kauft, dokumentiert mit äußerster Deutlichkeit, dass er zur Gruppe der suizidalen Parias gehört, die nicht nur sich, sondern auch ihr Umfeld schädigen.

Gut vorstellbar, dass Restaurantgäste künftig bitten werden, doch das Zichtenpäckchen vom Tisch zu nehmen, weil es ihnen den Appetit verdirbt. Denn die Grafiken und Fotos, die die bisherigen eher unauffälligen Aufdrucke der Marke "Rauchen schadet Ihrer Gesundheit" ersetzen werden, sind mehr als eindeutig: Von Krebsgeschwüren zerfressene Münder sieht man da, eine wie in Teer getauchte Lunge, einen Toten auf der Bahre.

Es ist die Steigerung einer seit Jahrzehnten um Abschreckung bemühten Aufklärungskampagne: Die USA pappten schon 1966 erste Warnhinweise auf Zigarettenpackungen, wurden damit zu Vorreitern - allerdings sowohl bei den Warnungen als auch beim Verkauf von Zigaretten. In den letzten 30 Jahren verbannten immer mehr US-Bundesstaaten das Rauchen weitgehend aus dem öffentlichen Leben.

Bis Mitte der neunziger Jahre gelang es so, die Raucherquote in den USA zu senken. Seitdem aber stagniert sie: Rund 21 Prozent der dortigen Bevölkerung, sagt die Weltgesundheitsorganisation WHO, rauchen nach wie vor, mit Appellen an die Vernunft ist ihnen nicht zu helfen. Bei uns qualmt noch immer rund ein Drittel der Bevölkerung.

Abschreckung und Einheitspäckchen: Ein internationaler Trend

Jetzt soll verschärfte Abschreckung Raucher wachrütteln, sie zumindest aber noch tiefer in die Paria-Ecke drücken. Die amerikanische Regelung folgt Beispielen in Australien, Belgien, Brasilien, Großbritannien, Kanada, Lettland, der Schweiz, Thailand, Venezuela und anderen Ländern, wo die Warnungen teils noch erheblich deutlicher ausfallen.

Auf der Vorderseite einer Zigarettenpackung in Neuseeland und Venezuela gibt es eine relativ kleine Warnung mit Text und Bild, die Rückseite wird zu 60 Prozent vom Bild eingenommen, zu 40 Prozent von der textlichen Warnung. Da sieht man dann auch schon einmal abgefaulte, schwarze Zehenstummel in Großaufnahme, blutende Gehirne oder blau angelaufene Föten, die nach einer Fehlgeburt in der Handfläche des Arztes liegen.

So weit geht man in den USA nicht, aber das kann noch kommen. Denn der Trend zu immer deutlicheren Abschreckungsdesigns ist unverkennbar und international. So werden voraussichtlich ab dem 1. Januar 2012 in Australien nur noch Zigarettenpackungen in den Verkauf gehen, auf denen man den Markennamen wird suchen müssen.

Die Hersteller sollen per Gesetz zu einem einheitlichen, "neutralen" Design verpflichtet werden, das ihnen nur noch den Aufdruck des Markennamens in nüchterner Typographie auf den Schmalseiten der Packungen erlaubt. Noch hält die Tabak-Lobby mit PR-Kampagnen dagegen, hat der im April vorgestellte Gesetzesentwurf die parlamentarischen Hürden nicht genommen. Das aber gilt als ausgemachte Sache, seit am 31. Mai die Liberalen, Australiens wichtigste Oppositionspartei, ihre Unterstützung zugesagt haben.

Die europäische Einheitspackung dürfte via Brüssel verordnet werden

Natürlich hat auch in der Europäischen Union die Diskussion um verschärfte Warnhinweise längst begonnen. Wenig überraschend orientieren sich die Brüsseler Verbraucherschützer eher am Modell Australien, als an den USA. Wenn es nach der EU-Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher geht, werden Zigarettenpackungen in der EU nur noch Warnhinweise zeigen - den Markennamen dürfen die Hersteller dann noch auf die schmalen Kanten des Päckchens drucken, wie in Australien in nüchterner Schrift ohne Logos, Markenfarben und Schnörkel.

Im September 2010 legte die Generaldirektion eine 345 Seiten starke Studie der Rand Corporation zu Möglichkeiten einer Revision der sogenannten EU-Richtlinie 2001/37/EC vor, die Herstellung, Aufmachung und den Verkauf von Tabakprodukten in der EU regelt. Darauf basierend begann die EU-Kommission im Oktober 2010 ein "Öffentliches Konsultationsverfahren bezüglich der möglichen Überarbeitung der Tabakproduktrichtlinie 2001/37/EG", das im Dezember 2010 abgeschlossen wurde.

Was dabei herauskam und wie genau die Überarbeitung der Richtlinie aussehen wird, sollen wir EU-Bürger in Kürze erfahren.
Denn der Zeitplan steht längst fest:

  • Zweite Jahreshälfte 2011: Vorstellung der überarbeiteten Richtlinie
  • 2012: Verabschiedung
  • bis 2014: Umsetzung in nationales Recht.

So einfach ist das - nur nicht für die Tabakindustrie.

Die ist schon jetzt in heller Panik, die Lobby wirbt und buhlt - ohne in der Öffentlichkeit groß punkten zu können. Dass im Mai die Europäischen Tabakfachhändler in Brüssel tagten, erfuhr die Welt nicht etwa aus Medienberichten. Verbreitet wurde die Information dank OTS und einigen anderen Diensten: Das sind Agenturen, die im Auftrag von Unternehmen versuchen, "Originaltexte" in die Öffentlichkeit zu bringen.

Die Branchenlobbyisten warnten nicht nur vor Betriebsschließungen und "größten Einbrüchen bei den Steuereinnahmen", sondern auch vor einer "hohen Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung". Und zwar nicht durch Tabak, sondern durch die Warnungen davor. Die könnten schließlich dazu führen, dass die Kunden dann vermehrt "gefälschte und geschmuggelte Waren" konsumierten. So sieht das aus, wenn einer Lobby die Argumente ausgehen.

WTO-Beschwerde: Ein Eigentor?

Die Hersteller fürchten die "Gleichmacherei" durch eine erzwungene Vereinheitlichung des Produktdesigns mehr als abschreckende Wirkungen durch die Fotowarnungen. Der Verband der Deutschen Rauchtabakindustrie vertritt offiziell den Standpunkt, dass auch die Horrorbilder zur Abschreckung von Rauchern unwirksam seien. Zu befürchten seien vielmehr Wettbewerbsverzerrungen zu Lasten kleinerer, weniger bekannter Marken.

Genau über solche Bedenken beriet am 7. Juni auch die Welthandelsorganisation WTO in ihren Trips-Konsultationen, bei denen es um handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen Eigentum geht. Gefragt wurde, ob man Tabakfirmen und ihre imagetragenden Marken zum Einheitsdesign zwingen darf. Vorgebracht wurde eine entsprechende Beschwerde der Dominikanischen Republik, die jedoch wenig Unterstützung fand: Nur Ecuador, Honduras, Kuba, Nicaragua, Mexiko, die Philippinen, Sambia und die Ukraine unterstützten den Standpunkt.

Fast alle sind tabakproduzierende Länder. Nur die Unterstützung der Ukraine, die als Europas Raucherhochburg gilt, kam überraschend: Der Staat hat erst Ende März selbst einen Zwang zu Warnbildern auf Zigarettenpackungen eingeführt. Ansonsten stießen Australiens Pläne in der Trips-Runde auf Zustimmung oder Verständnis. Die Diskussion um solche Kampagnen dürfte das eher belebt haben.

Die Europäische Union kombiniert die Strategie der Abschreckung mit einer Motivationskampagne, die das Nichtrauchertum als cooles Ziel propagiert: Am 16. Juni gab die Kommission den Startschuss zur Aktion "Ex-Raucher sind nicht aufzuhalten". Die Imagekampagne mit Werbeschaltungen, einer Web-Seite zum Thema, einer Facebook-Profilseite und dem "iCoach"-Trainer, der bei der Entwöhnung helfen soll, will beim Rauchernachwuchs ansetzen.

Beides zielt letztlich darauf, die Images zu ändern. Rauchen soll nicht mehr für Freiheit und Abenteuer und Coolness stehen, sondern für Krankheit, Sucht und Tod. Den Rest soll dann der wachsende öffentliche und soziale Druck bringen: Nach dem Rauchverbot an öffentlichen Orten wird auf EU-Ebene nun das Rauchverbot im Auto diskutiert.

Auch im Kleinen rücken Raucher immer weiter in die Außenseiterecke. In Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) haben die Grünen Mitte Juni einen Antrag in die Bürgerschaft eingebracht, das Rauchen am Ostseestrand zu verbieten. Der Vorschlag fand bei der SPD sowohl im nahen Rostock als auch auf Landesregierungsebene begeisterte Zustimmung. Die dortige Gesundheitsministerin und stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Manuela Schwesig ließ die "Ostsee-Zeitung" wissen: "Wir sind Gesundheitsland. Jede Initiative gegen das Rauchen können wir nur begrüßen."

Es wäre das erste Rauchverbot im Freien an einem öffentlich zugänglichen Ort - Bahnsteige sind Privatgelände. Die Luft wird dünner, aber daran sind Raucher ja gewöhnt.

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insgesamt 879 Beiträge
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1. .
kufiya1970 22.06.2011
also langsam reichts wirklich... Ja ich weiß rauchen ist ungesund, ja es ist ekilg für Nichtraucher daneben zu sitzen usw... Aber ich bin erwachsen und im fortgeschrittenen Alter,habe eine Wahlberechtigung Kanzler/innen zu wählen oder auch nicht, kann mit meinem Leben machen was ich will. Ich kann damit leben blöd vor der Tür zu stehen und nette andere "parias" kennenzulernenn, aber Gruselbilder auf der Packung... ??? Gruselbilder von Föten, blutende Gehirne... Das geht entscheiden zu weit.Wo ist eigentlich Amnesty wenn man sie braucht? An einer stark befahrenen Strasse zu wohnen & zu schlafen ist schädlicher, als 10 Zig am Tag zu rauchen, sagte mir ein Arzt (Pulmologe). ich geh jetzt mal eine rauchen...
2. ------------
boeseHelene 22.06.2011
ich bin kein Rauche, aber daraus könnte man doch bestimmt ein tolles Quartett basteln, tausche Raucherlunge gegen Raucherbein oder Lungenkrebs gegen schlechte Haut. Sorry, aber ich glaube kaum dass sich ein Süchtiger damit beeindrucken lässt die meisten Raucher kennen die Konsequenzen aber hören nicht auf da wird auch von ein paar netten aufgedruckten Bildern sich nicht ändern.
3. immer diese Fanatiker
peter-ac 22.06.2011
ich rauche, weil es mir Spass macht. Der Terror des Staates und der EU zeigen einfach nur wie abartig man geistig veranlagt sein muss, um solche Bilder in die Öffentlichkeit zu tragen. Abscheu ja, aber vor den Technokraten.
4. .
frubi 22.06.2011
Zitat von sysopWarnungen auf Zigarettenpackungen sind*weltweit Standard, doch*Raucher nehmen die uniformen*Aufdrucke kaum noch wahr. Das dürfte sich bald ändern, denn der Trend geht zu*Warnbildern von erschreckender Deutlichkeit. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,769543,00.html
Mir als Nichtraucher geht diese Bevormundung richtig auf die Nerven. Lasst die Raucher doch rauchen. Wieso wird ein Menschenbild aufgebaut, dass einem vorschreibt, dass man gefälligst gesund zu leben hat? Das erinnert mich ein wenig an die Nazis und Kommunisten die ebenfalls daran interessiert waren, ein gewisses Menschenbild für alle Bürger zu entwerfen. Ich finde es gut, dass z. B. Nichtraucher in einem gewissen Maße geschützt werden aber dieses Raucher-Mobbing geht teilweise wirklich zu weit. Ich kann auch jeden Tag 10 km laufen, mich nur von Rohkost ernähren, ständig zum Arzt rennen und alle meine Werte überprüfen lassen und sterbe dann trotzdem mit 40 an einem schweren Hirnschlag. Was hat man dann davon? Ich kenne Leute, die genießen ihren Tabak, ihren Wein oder ihr Bier, ihren Joint oder ihr deftiges Mahl und werden trotzdem sehr alt. Vor allem aber tun Sie, was ihnen spaß macht und das ohne jemanden zu schaden. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der man ein schlechtes Gewissen aufgebrummt bekommt, wenn man abweichend von einer angeblichen Norm lebt.
5. Schizophren
hazet 22.06.2011
Zitat von sysopWarnungen auf Zigarettenpackungen sind*weltweit Standard, doch*Raucher nehmen die uniformen*Aufdrucke kaum noch wahr. Das dürfte sich bald ändern, denn der Trend geht zu*Warnbildern von erschreckender Deutlichkeit. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,769543,00.html
Die Antirauch-Kampagne an sich ist zu begrüssen, jedoch finde ich, dass die Staaten, die den Tabakanbau nach wie vor subventionieren, nicht konsequent sind. Für beides, für die Förderung des Tabakanbaus bzw. die Antiraucherkampagnen, werden namhafte Beträge von Steuergeld investiert obwohl sie gegenteilige Ziele verfolgen. Ist doch schizophren, nicht wahr?
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