Am 14. Dezember 2012, so schildert es Shannon Watts, hatte die fünffache Mutter genug: Der 20-jährige Adam Lanza war an der Sandy-Hill-Grundschule Amok gelaufen, hatte 20 Erstklässler getötet, sechs Schulangestellte, seine eigene Mutter und sich selbst. Das Massaker schockierte die Öffentlichkeit und verschärfte die seit Jahren andauernde Diskussion um das beispiellos liberale US-Waffenrecht.
Watts beschloss in dieser Nacht, sich einzumischen. Am 15. Dezember richtete die ehemalige PR-Fachfrau bei Facebook eine Seite ein, die sie "Moms Demand Action" (MDA) nannte. Die aus Empörung geborene Initiative wuchs seitdem zu einer regelrechten Bewegung heran.
MDA plädiert für ein Waffenrecht mit Sinn und Verstand, ohne ein generelles Verbot zu fordern. Hauptziel ist es, die Verbreitung halbautomatischer Waffen einzudämmen. Dazu organisiert die Initiative Aktionen über soziale Netzwerke, beteiligt sich an Demos oder mobilisiert Frauen, mit Kinderwagen die Büros von Politikern zu belagern.
Weltweit erregt MDA seit Ende März Aufmerksamkeit - mit einer Kinderfoto-Kampagne, die unter anderem über Facebook verbreitet wird. Thema ist der Irrwitz des Status quo: Die Kampagne zeigt, was in den USA so alles verboten ist oder an Schulen nicht zugelassen wird - und fragt dann, warum das mit Waffen nicht geschieht. Manche dieser Vergleiche hinken, aber ihr Ziel erreichen sie ohne Frage: Sie werfen ein Schlaglicht auf den alltäglichen Wahnsinn des amerikanischen Waffenrechts. SPIEGEL ONLINE befragte Watts zu den Hintergründen.
SPIEGEL ONLINE: Mrs Watts, Ihre Choose-One-Kampagne geht gerade um die Welt. Wer hatte die Idee?
Shannon Watts: Ich habe mit der Dependance von Grey Advertising in Toronto zusammengearbeitet. Grey hat das gratis gemacht, für den guten Zweck.
SPIEGEL ONLINE: Sind einige der Beispiele nicht ein wenig weit hergeholt? Rotkäppchen mag ja in US-Schulen unerwünscht sein, aber das gilt ja wohl auch für Waffen, oder?
Watts: Es gibt Schulen, die Bücher und Spiele verbieten, um die Sicherheit von Kindern zu wahren, aber als Nation sind wir nicht dazu bereit, Sturmgewehre zu verbieten. Selbst nachdem 20 Kinder in ihrer Grundschule niedergemetzelt wurden, in der sie sich geborgen fühlen sollten. Und Waffen sind nicht an allen Schulen verboten. Einige Universitäten erlauben Waffen auf dem Campus. Im Bundesstaat Indiana wurde kürzlich vorgeschlagen, bewaffnete Freiwillige in allen öffentlichen Schulen einzusetzen. Für bewaffnete Wächter an allen Schulen im Lande ist auch die National Rifle Association (NRA).
SPIEGEL ONLINE: Die Waffenlobby in den USA mag einflussreich sein, aber spiegelt sich darin nicht auch die öffentliche Meinung? Viele Amerikaner sehen das Recht, eine Waffe zu tragen, als fundamentales Bürgerrecht.
Watts: Umfragen zufolge sind 90 Prozent der Amerikaner damit einverstanden, dass Waffenkäufer überprüft werden. Fast 60 Prozent befürworten ein Verbot von Sturmgewehren. Sogar die Mehrheit der NRA-Mitglieder unterstützt vernunftorientierte Reformen des Waffenrechts. Aber unser Kongress ist so abhängig von der Waffenlobby, dass eine Änderung schwer zu erreichen ist.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn eine realistische Chance, strengere Waffengesetze durchzusetzen?
Watts: Es wird irgendwann passieren, aber es wird eine Weile dauern, den Schaden wiedergutzumachen, den die Waffenlobby über die letzten drei Jahrzehnte verursacht hat.
SPIEGEL ONLINE: Was treibt so viele Amerikaner dazu an, eine Waffe besitzen zu wollen?
Watts: Es gibt eine Angstkampagne, die von der Waffenlobby getrieben wird: Angst davor, dass einem Rechte genommen werden; Angst davor, von jemandem ermordet zu werden; Angst davor, dass die Regierung ihre Bürger angreifen könnte. Es gibt diesen Irrglauben, dass das durch den zweiten Verfassungszusatz gewährte Recht auf eine Waffe grenzenlos sei.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es regionale Unterschiede innerhalb der USA?
Watts: Ja, viele Leute in den südlichen oder bergigen Bundesstaaten sind Waffen-Befürworter - dort, wo es eine geringere Bevölkerungsdichte gibt oder eine ausgeprägte Jagdkultur. Die Amerikaner in den dicht besiedelten Gebieten verstehen schon eher, dass unregulierter Waffenbesitz gefährlich ist.
SPIEGEL ONLINE: Was für Reaktionen erleben Sie auf Ihre Kampagne?
Watts: Die meisten Reaktionen waren ermutigend, aber es gab auch Kritik und Drohungen von denen, die irrtümlich glauben, dass wir alle Waffen verbieten oder den zweiten Verfassungszusatz aufheben wollen.
SPIEGEL ONLINE: Moms Demand Action hatte sehr spontane Anfänge. Wird jetzt eine Organisation daraus?
Watts: Wir haben am 15. Dezember mit einer Facebook-Seite begonnen. Nur vier Monate später haben wir 100.000 Mitglieder und 100 Ortsgruppen in 40 Bundesstaaten. Wir haben vor, diese Sache komplett durchzuziehen.
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