Juden in Deutschland "Ich habe richtig große Angst"

Juden in Deutschland sollten "in Problemvierteln" nicht ihre Kippa auf dem Kopf tragen, rät ihr Zentralrat. Die Empfehlung sorgt für gemischte Reaktionen in den jüdischen Gemeinden.

Jungen mit Kippa: Manche Juden in Deutschland haben Angst
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Jungen mit Kippa: Manche Juden in Deutschland haben Angst

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Lea Rosenberg* ist eine dynamische Frau. Jüdin, Mutter mehrerer Kinder, redegewandt und gebildet, seit vielen Jahren in Deutschland. Fragt man sie, wie sicher sie sich hierzulande fühlt, wird sie wütend. "Ich fühle mich überhaupt nicht sicher, ich habe richtig große Angst", sagt sie. Auf keinen Fall will Lea ihren wahren Namen auf SPIEGEL ONLINE lesen, denn: "Wer sich zu Antisemitismus äußert, wird automatisch zur Zielscheibe."

Immer wieder sei sie auf der Straße mit abschätzigen Blicken und verbalen Aggressionen konfrontiert - allerdings nur, wenn sie mit ihrem Mann und den Söhnen unterwegs sei. Die tragen in der Öffentlichkeit die Kippa und sind damit als Juden zu erkennen.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat gerade mit der Aufforderung, "in Problemvierteln" auf das Tragen der kreisrunden Kopfbedeckung zu verzichten, Irritationen ausgelöst.

"Ich finde es schockierend, dass wir unsere Tradition verstecken sollen", sagt Lea. Sie verstehe zwar, dass Schuster seine Leute schützen wolle. "Aber eine solche Aufforderung ist ein denkbar schlechtes Signal." Leas Mann Samuel* hat nahezu täglich mit antisemitischen Äußerungen oder Angriffen vor allem durch Muslime zu kämpfen. "Ich habe mich bereits daran gewöhnt", sagt er traurig.

Dennoch hält er den Vorschlag, die Kippa aus Angst vor Konflikten zu verstecken, für eine "schmerzliche und denkbar schlechte Idee". Noch vor zwanzig Jahren sei so etwas nicht vorstellbar gewesen.

"Gar nicht überrascht von den Attentaten"

Fragt man Juden in Deutschland, wie bedroht sie sich nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen fühlen, bekommt man sehr unterschiedliche Antworten. Das liegt zum einen am subjektiven Charakter der Wahrnehmung, zum anderen an der sich rasant veränderten Gefahrensituation - sowie der traurigen Wahrheit, dass sich niemand adäquat vor terroristischen Angriffen schützen kann.

In Hamburg geben sich Vertreter der Jüdischen Gemeinde besonnen. "Ich war leider gar nicht überrascht von den Attentaten", sagt der Landesrabbiner Shlomo Bistritzky, 37 Jahre alt, ein konservativer, aber zugänglicher Mann. Dennoch könne die Reaktion auf solche Attentate nur mehr Offenheit sein. "Ich gehe weiter mit Kippa auf die Straße und habe in der Regel kein Problem", so der Rabbi. Die Synagoge sei offen für alle, die den jüdischen Glauben kennenlernen wollten, es gebe Führungen, einen Tag der offenen Tür.

Am wirkungsvollsten, da ist sich Bistritzky ganz sicher, sei die interreligiöse Arbeit an der Basis. Erst vor wenigen Tagen habe er gemeinsam mit einem Imam vom Verein "Schura - Rat der Islamischen Gemeinden in Hamburg" eine Schule in Hamburg-Wilhelmsburg besucht, in einer Gegend, die gemeinhin als "Problemviertel" gilt.

"Schon die Tatsache, dass wir gemeinsam dort aufgetaucht sind, war ein positives Signal", sagt der Rabbi. Neugierig seien die Schüler gewesen, ganz offen hätte man über Leben und Tod, Männer und Frauen oder koscheres Essen diskutiert, auch über den Rechtfertigungszwang junger Musliminnen, die ein Kopftuch tragen. Jetzt sollen weitere Schulbesuche folgen.

"Fein justierte Sicherheitsarchitektur"

"Anschläge hat es immer gegeben", sagt der stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, Philipp Stricharz, und verweist auf die tödlichen Angriffe auf jüdische Einrichtungen in Toulouse oder Kansas.

"In Hamburg haben wir aber seit vielen Jahren eine gut abgestimmte und fein justierte Sicherheitsarchitektur." Die Zusammenarbeit mit der Polizei sei eng und herzlich: "Wir sehen, dass die Beamten nicht nur aus Pflichtgefühl handeln, sondern ihren Job gern machen und von seiner Wichtigkeit überzeugt sind."

Weil jüdische Institutionen von jeher bedroht seien, habe man über viele Jahrzehnte "eine gewisse erzwungene Professionalität erreicht", sagt Stricharz. Die jüdische Gemeinde wird rund um die Uhr bewacht. Es gibt einen internen Sicherheitsbeauftragten, Einlasskontrollen, Sicherheitsschleusen. Die Gemeinden sind europa- und weltweit gut vernetzt. Man tauscht sicherheitsrelevante Informationen aus, trifft sich, veranstaltet Schulungen.

Tatsächlich ist die Wahrnehmung der drohenden Gefahr sehr unterschiedlich. Der Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC), Moshe Kantor, hatte erst kürzlich gewarnt, Europa stehe nach den Anschlägen von Paris, Brüssel und Toulouse an der Schwelle zu einem "neuen finsteren Mittelalter".

In Ländern, die unmittelbar von Mordanschlägen betroffen sind, wie etwa Belgien, sind die jüdischen Gemeinden verständlicherweise besonders alarmiert. "Aus Belgien höre ich Stimmen von Shoa-Überlebenden, die sagen, wir seien wieder im Jahr 1940 angelangt", sagt Stricharz. "Das ist sehr bedrückend. Aber in Deutschland leben wir als Juden ganz selbstbewusst, stolz und unbeschwert." Die Aufforderung des israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu, angesichts eines wachsenden Antisemitismus in Europa nach Israel auszuwandern, empfindet er daher als "wenig hilfreich".

In Deutschland leben etwa eine Viertelmillion Juden, etwa 118.000 von ihnen sind Mitglieder der insgesamt 108 Gemeinden. Als einziges Land in Europa verzeichnet die Bundesrepublik eine wachsende jüdische Bevölkerung. Bedroht fühlen sich Juden derzeit von drei Seiten: Zum einen von der extremen Rechten, die für die Mehrzahl der gewalttätigen Übergriffe auf Juden in Deutschland verantwortlich ist, zum anderen von antiisraelischen und antizionistischen Linken, vor allem aber von Islamisten.

Gewalttaten sogenannter "einsamer Wölfe", radikalisierter Einzeltäter, resultieren laut Stricharz vor allem aus der fortwährenden Dämonisierung der Juden und des Staates Israel in muslimischen Gesellschaften. "Da geht es nicht um Glaubensfragen, da geht es darum, dass wir Symbol sind für freiheitlich liberale Gesellschaften."

Es gebe Leute, denen passe es nicht, dass sie existierten. Aber das, so Stricharz, sei Normalität. "Das zieht uns nicht runter."

*Name von der Redaktion geändert

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