Judenhass Wir brauchen eine ewige Debatte

In mehreren deutschen Städten haben Menschen mit Kippa gegen Antisemitismus protestiert. Ein paar Tausend Demonstranten waren es insgesamt - reicht das?

Demonstranten mit Kippa in Berlin
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Demonstranten mit Kippa in Berlin

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Etwa 25.000 Demonstranten zogen den Veranstaltern zufolge durch Berlin, Familien mit Kindern, Studenten und Rentner, Singles und Paare. Die Empörung der Menge war groß, es ging um ein wichtiges Thema. Die Proteste, von denen hier die Rede ist, richteten sich am Samstag vor anderthalb Wochen gegen steigende Mieten.

Am Mittwochabend gab es wieder eine Kundgebung in Berlin. Diesmal trugen die Demonstranten keine Plakate, sondern die traditionelle jüdische Kopfbedeckung Kippa. Es sollte ein Zeichen gegen Antisemitismus sein. Die Teilnehmerzahl? 2500.

Das klingt überschaubar, aber Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, spricht von "einem wichtigen Symbol". Ilan Kiesling von der jüdischen Gemeinde in Berlin sagt: "Das war eine ziemlich tolle Resonanz." Und in Köln, wo sich am Mittwochabend 500 Menschen vor dem Dom versammelten, zeigte sich ein Sprecher der Organisatoren gar "überwältigt von dem Zuspruch".

Reicht das aus? Ein paar Hundert Demonstranten in einer Millionenstadt, ein paar Tausend in einem Land mit fast 98.000 jüdischen Bürgern?

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"Berlin trägt Kippa": Gesichter der Solidarität

Deutschland ist das Land, in dem der Mord an den europäischen Juden geplant wurde - eigentlich sollte es nirgendwo einfacher und selbstverständlicher sein, gegen Judenhass zu demonstrieren. Warum also gehen anlässlich der Antisemitismus-Debatte nur ein paar Tausend Leute auf die Straße?

Gegenfrage: Erinnern Sie sich daran, wann zum letzten Mal ein paar Tausend Leute gegen Antisemitismus auf die Straße gegangen sind? Das ist schon fast vier Jahre her. Gideon Joffe, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Berlins, sagte, seit dem Zweiten Weltkrieg hätten nicht mehr so viele Menschen in der Hauptstadt gleichzeitig an einem Ort eine Kippa getragen.

Die Solidaritätsaktionen sind auch aus einem anderen Grund ein Erfolg: Die meisten von uns gehen nie demonstrieren - und diejenigen, die es doch mal tun, bringen meist ein Eigeninteresse mit: Gewerkschaftsmitglieder bangen um ihre Jobs, besorgte Bürger um ihr Weltbild, Mieter um ihre günstigen Wohnungen.

Eine aufgeladene Debatte

Diese Demos sind legitim und wichtig, das gilt selbstverständlich auch für Aktionen gegen Antisemitismus - nur sind davon eben nur wenige Deutsche direkt betroffen. Die Allerwenigsten kennen jüdische Mitbürger im engeren Umfeld, daraus erwachsen Probleme: Wie halten wir die Erinnerungen an den Holocaust auch 73 Jahre nach Kriegsende aufrecht? Wie bringen wir auch unsere Kinder dazu, sich für eine Minderheit einzusetzen, die sie gar nicht kennen?

Hinzu kommt: Die Debatte ist politisch aufgeladen. Rechte Islamhasser instrumentalisieren das Thema, weil es auch unter arabischstämmigen Zuwanderern antisemitische Ressentiments gibt. Und wer sich in Deutschland mit Juden solidarisiert, steht in den Augen mancher Linker im Verdacht, im Nahostkonflikt den Palästinensern ihre Rechte abzuerkennen.

Dabei geht es um etwas Simples, das im Kern unpolitisch ist: Solidarität mit Menschen, die zu Opfern werden. Und wenn es sich dabei um Juden handelt, sind die Bewohner jenes Landes besonders gefragt, in dem der Holocaust organisiert wurde. Das hat nichts mit Kollektivschuld zu tun, sondern mit gesamtgesellschaftlicher Verantwortung und Erinnerungskultur. Deutschland darf stolz sein, sich dieser historischen Wahrheit immer wieder zu stellen - ohne damit im Büßergewand dazustehen.

Solidaritätsaktionen wie jetzt in Berlin und anderen Städten helfen, diese Erinnerung wachzuhalten. Und sie zeigen, dass unsere Debattenkultur lebt.



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