Missbrauchsskandal um norddeutschen Pfarrer "Die Kirche kann sich nicht aus dem Staub machen"

In einer norddeutschen Kleinstadt soll ein Pfarrer über Jahrzehnte Dutzende Kinder missbraucht haben. Weil die Taten verjährt sind, bleibt das für ihn ohne Folgen. Stattdessen wurde nun eine ehemalige Bischöfin angezeigt - wegen Strafvereitelung. Opfervertreter halten den Schritt für falsch.

Von


Die Nordkirche wollte endlich mal für gute Nachrichten sorgen. Ihr neues Konzept in Sachen Missbrauchsaufarbeitung vorstellen, beweisen, dass sie es ernst meint mit dem Versprechen, auch in den dunklen und schmutzigen Ecken der Kirche zu kehren und für frische Luft zu sorgen.

Eine unabhängige Expertenkommission soll in den kommenden zwei Jahren den Ahrensburger Missbrauchsskandal untersuchen, der 2010 zum Rücktritt der damaligen Hamburger Bischöfin Maria Jepsen geführt hatte. Seit den siebziger Jahren soll Pastor Dieter K. in der Kleinstadt im Südosten Schleswig-Holsteins mindestens 13 Jungen und Mädchen sexuell missbraucht haben. Laut Schätzungen des Vereins "Missbrauch in Ahrensburg" waren es mehr als hundert.

"Wir wollen verstehen, wie ein ganzes 'System Missbrauch' entstehen konnte", sagte Bischöfin Kirsten Fehrs. Außerdem sollen die Opfer zusätzlich entschädigt werden - wie und in welcher Höhe muss allerdings noch definiert werden.

Doch pünktlich zur Präsentation der kirchlichen Wohltaten Ende vergangener Woche dominierte eine ganz andere Meldung die Medien: Zwei ehemalige Mitglieder des Vereins "Missbrauch in Ahrensburg" hatten Anzeige erstattet gegen die ehemaligen Bischöfe Maria Jepsen und Karl Ludwig Kohlwage, die ehemalige Pröpstin in Ahrensburg, Heide Emse, sowie den ehemaligen Personalchef der Nordelbischen Kirche, Detlev Nonne.

Es geht um den Verdacht der Strafvereitelung. Darum, dass die Verantwortlichen schon seit 1999 von dem mutmaßlichen Missbrauch erfahren, aber nichts oder zu wenig unternommen haben sollen. Darum, dass sie es offenbar zuließen, dass sich der mutmaßliche Täter durch eine rechtzeitige Kündigung der kirchlichen Gerichtsbarkeit entzog und durch Verjährung straffrei ausging. Jetzt ermittelt die Lübecker Staatsanwaltschaft - ob Anklage erhoben wird, ist noch ungewiss.

Die Vorwürfe gegen ihn seien "ohne jede Substanz und aus den Fingern gesogen", sagte Kohlwage dem NDR. Bischöfin Jepsen schweigt, die EKD verweist auf die Zuständigkeit der Nordkirche, deren Sprecher sagt: "Wir wissen nichts, haben als nicht Verfahrensbeteiligte auch keine Akteneinsicht."

"Es wurden in der Vergangenheit auf eklatante Art und Weise Sexualstraftaten vertuscht", sagt Ex-Banker Hans Henning Offen, der Anzeige erstattete, weil ihm die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle zu langsam und die Haltung der Kirche dazu zweifelhaft erschienen. "Wir wollen Klarheit haben und vertrauen auf das Urteil der Staatsanwaltschaft." Damit steht er im Konflikt mit seinen ehemaligen Vereinskollegen, die auf eine enge Zusammenarbeit mit der Kirche setzen.

Anselm Kohn vertritt seit vielen Jahren die Belange der Missbrauchsopfer und ihrer Angehörigen in Ahrensburg. Drei seiner Brüder wurden Kohn zufolge Opfer des heute 74-jährigen Pastors. Zwei von ihnen sind inzwischen gestorben.

SPIEGEL ONLINE: Gleich vier Mitglieder der Nordkirche, darunter zwei ehemalige Bischöfe, müssen derzeit fürchten, im Zusammenhang mit dem Ahrensburger Missbrauchsskandal angeklagt zu werden. Erfüllt Sie das mit Genugtuung?

Anselm Kohn: Nicht im Geringsten. Das war ein großer Paukenschlag mit ungewissem Ausgang. Für die Missbrauchsopfer und ihre Angehörigen bedeutet eine Anzeige vor allem, dass sie bei Anklageerhebung möglicherweise vor Gericht aussagen und damit erneut belastende Dinge aus der Vergangenheit öffentlich machen müssen. Unser Verein hat genau das nie gewollt.

SPIEGEL ONLINE: Ist also der Schutz der Betroffenen wichtiger als die Signalwirkung, die eine Anklage haben könnte?

Kohn: Was für eine Signalwirkung? Das Einzige, was passiert, ist, dass Prozessbeteiligte Akteneinsicht erhalten und sich an dem Elend der Opfer ergötzen können. Das ist aus meiner Sicht einfach eine Schweinerei. Der Weg über Gerichte wurde von unserem Verein diskutiert, aber nicht als zielführend erachtet. Die Anzeige gegen Bischöfe, die vor 13 Jahren vermeintliche Strafvereitelung begangen haben sollen, dient unbeteiligten Dritten nur dazu, Aufsehen zu erregen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Ihr Verein setzt nicht auf die Gerichte, sondern auf die Zusammenarbeit mit der Kirche?

Kohn: Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs hat sich nach ihrem Amtsantritt sehr intensiv mit Betroffenen und ihren Erlebnissen auseinandergesetzt. Die Rückmeldungen, die mich erreichten, waren durchweg positiv. Damit hat eine neue Qualität Einzug gehalten. Viele Ahrensburger Gemeindemitglieder und Unterstützer haben seit 2010 bei Regen, Eis und Schnee Mahnwachen gehalten und eine externe Aufklärungskommission gefordert. Diese wurde jetzt eingesetzt - das ist ein sichtbarer Fortschritt, ebenso wie die in Aussicht gestellte Entschädigung der Opfer.

SPIEGEL ONLINE: Ungehörte Hilferufe, vertagte Entscheidungen, Schweigen und Mauern - in dem Missbrauchsskandal hat sich die evangelische Kirche bisher nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Kohn: Das Krisenmanagement der vergangenen zwei Jahre war unzureichend. Das Vertrauen in die Kirche vor Ort ist schwer erschüttert. Wir hoffen, dass sich das mit der neuen Haltung der Kirche ändern wird.

SPIEGEL ONLINE: Der Ahrensburger Pastor Holger Weißmann will die Stadt nicht mehr auf den Missbrauchsskandal reduziert sehen. Neulich lud er zum Sommerfest nach dem Motto: "Und seht wir leben noch".

Kohn: Natürlich muss das Leben in der Gemeinde weitergehen, aber ist das so einfach gemacht? Wir haben der Kirche durch unsere Arbeit gezeigt, dass sie sich nicht aus dem Staub machen kann. Wir haben viel erreicht, vieles ausgelöst, aber wir wollen keine Leichen hinterlassen. Das Denken, die Haltung muss sich ändern.

SPIEGEL ONLINE: Dieter K. entging der Strafverfolgung, weil seine mutmaßlichen Taten verjährt waren. Sollten die Verjährungsfristen bei Missbrauchsdelikten aufgehoben werden?

Kohn: Natürlich müssen wir uns mit den Verjährungsfristen auseinandersetzen. Die Erinnerung und eigene Konfrontation mit dem Erlebten beginnt bei den Opfern teilweise erst nach Jahren oder gar Jahrzehnten. Dann bricht auf, was lange durch Überlebensstrategien abgespalten war. Oft ist es dann zu spät für den Gang zum Gericht. Allerdings würde die Abschaffung der Verjährungsfristen bedeuten, dass ein Opfer sein Leben lang als Zeuge zur Verfügung stehen müsste und damit einer Retraumatisierung ausgesetzt wäre. Ich bin mir nicht sicher, ob es für Betroffene ein Gewinn wäre, wenn dieses Damoklesschwert die ganze Zeit über ihnen schwebt.

SPIEGEL ONLINE: Der mutmaßliche Täter K. entzog sich über eine rechtzeitige Kündigung der kirchlichen Rechtsprechung. Ist eine Änderung im Kirchenrecht in Sicht, die solche Manöver verhindern könnte?

Kohn: Wir führen darüber Gespräche mit der Kirche und fordern, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen geändert werden. Ich wäre froh, wenn Kündigungen erst dann wirksam würden, wenn vorher sämtliche anhängigen Disziplinarverfahren zu Ende geführt wurden. Den Betroffenen muss glaubwürdig signalisiert werden, dass sexuelle Übergriffe nicht toleriert werden und die Kirche im Ernstfall an der Fortführung des Dienstverhältnisses kein Interesse hat. Ich persönlich bin allerdings davon überzeugt, dass eine Entlassung nicht immer der richtige Weg ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen bekennende Straftäter im Schoß der Kirche halten?

Kohn: Die Institution entledigt sich doch nur auf die Schnelle eines Problems. Aber damit ist weder ehemaligen, noch potentiellen Opfern geholfen. Der Täter läuft als tickende Zeitbombe unbeobachtet durch sein neues und unwissendes Umfeld - das ist doch gefährlich. Besser wäre es, Täter im Dienstverhältnis zu belassen, sie an eine wirklich ungefährliche Position zu versetzen und zur Therapie zu schicken.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie irgendwann mit ihrer Vergangenheit abschließen können? Haben Sie nie Rachegefühle?

Kohn: Die Vergangenheit wird immer Teil meines Lebens bleiben. Aber damit aufzuräumen, befreit von Last. Darum müssen viele Fragen geklärt werden: Was ist wirklich passiert? Wie gehen wir damit um? Wie ist die Verantwortung verteilt? Rachegefühle im Sinne von Selbstjustiz habe ich nicht. Vergeltung als Strategie vermeintlicher Selbstheilung funktioniert aus meiner Sicht auch nicht. Im Gegenteil. Sie hätte mich daran gehindert, den bisherigen Weg zu gehen.

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.