Untergang im Selbstversuch Perspektive Müllcontainer

Eigentlich wollte Greta Taubert ein Buch darüber schreiben, wie man einen möglichen Zusammenbruch unserer Wohlstandsgesellschaft überstehen kann. Ein Jahr lang versuchte sie, autark zu leben - und gelangte am Ende zu einer unerwarteten Erkenntnis.

Ein Interview von Rainer Leurs

Autorin Taubert auf der Jagd: Auch an der Nahrungsbeschaffung mit Pfeil und Bogen versuchte sich die 30-Jährige - allerdings mit wenig Erfolg

Autorin Taubert auf der Jagd: Auch an der Nahrungsbeschaffung mit Pfeil und Bogen versuchte sich die 30-Jährige - allerdings mit wenig Erfolg


SPIEGEL ONLINE: Frau Taubert, Sie haben ein Jahr lang so gelebt, als wäre der westliche Wohlstand zu Ende. Dabei sind Sie zuerst zu Ihren Großeltern gegangen. Warum?

Taubert: Weil die viel klüger sind als wir. Die Kriegs- und Nachkriegsgeneration hat den Mangel ja noch selbst erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Und was haben die Ihnen gesagt?

Taubert: Die haben mich erstmal verwirrt angeguckt, warum ich so konkret nachfrage, wie man ein Schwein schlachtet, Früchte konserviert oder Schnaps macht. Sie sagten: Das kann man doch alles kaufen. Ich musste ihnen klarmachen, dass das für meine Generation ein Kulturverlust ist. Dass wir uns solche Fertigkeiten über YouTube-Tutorials ranschaffen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Tiere schlachten, Pfirsiche einmachen - glauben Sie wirklich, dass diese Fähigkeiten wieder lebenswichtig werden könnten?

Taubert: Meine Generation ist mit der Warnung aufgewachsen, dass die Zeiten angeblich immer schlechter werden. Dass wir den Peak von so ziemlich allem überschritten haben. Das kann man ignorieren - oder sich mal umgucken, wie man sich darauf vorbereiten könnte. Zudem: Dass Systeme zusammenbrechen können, ist ja nichts völlig Undenkbares. Ich selbst bin Ostdeutsche, meine Eltern mussten sich nach der Wende neu zurechtfinden. Und auch meine Großeltern haben im "Dritten Reich" eine Staatsform kennengelernt, die sich als wenig nachhaltig erwies.

SPIEGEL ONLINE: Für unsere vom Wohlstand verwöhnte Generation erwarten Sie offenbar nichts Gutes. Ihr Buch heißt "Apokalypse jetzt!".

Taubert: Dabei geht es aber nicht um eine Apokalypse, die über uns niedergeht wie eine Heuschreckenplage, sondern eher um langfristige Bedrohungen. Rohstoffknappheit, Bevölkerungswachstum, die Abhängigkeit von Konsumketten - das sind die Dinge, die mir Angst machen. Stellen Sie sich vor, wir würden alles weglassen, was auf Erdölbasis produziert wird! Sie würden in einer Hütte wohnen und sich die Zähne mit einer Wurzel putzen.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen wir also an, es gäbe ab sofort bei Edeka oder bei Rewe nichts mehr zu kaufen. Was muss man können, um zu überleben?

Taubert: Am Anfang dachte ich, man muss alles ganz allein machen. Selbst wieder in der Lage sein, Gemüse anzubauen oder Dinge selbst anzufertigen; wenigstens zu reparieren.

SPIEGEL ONLINE: Woran sind Sie gescheitert?

Taubert: An fast allem. Wie baut man einen Hocker? Wie bestellt man ein Feld? Ich war oft total frustriert, dass nicht alles sofort klappte, zum Beispiel Keimlinge nicht so kamen, wie sie sollten. Aber ich werde langsam besser.

SPIEGEL ONLINE: Wovon haben Sie sich ernährt?

Taubert: Ich habe mit dreißig anderen Gärtnern zusammen ein Feld am Stadtrand bewirtschaftet, mir Obstbäume gesucht und bin immer mal wieder auf Kräuterwanderung in den Stadtwald gegangen. Außerdem war ich containern: Dabei holt man sich Nahrung aus Mülleimern vor Supermärkten oder Bäckereien.

SPIEGEL ONLINE: Frau Taubert, worum geht es in Ihrem Buch tatsächlich? Um das Überleben im Krisenfall - oder um Nachhaltigkeit?

Taubert: Es geht um beides. Angefangen habe ich mein Experiment mit der Frage, wie ich mich selbst krisenfest bekomme, als 30-Jährige, die Probleme hat, einen Nagel in die Wand zu kriegen. Aber während dieses Jahres ist mir klargeworden, dass wir schon heute umdenken müssen.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihre wichtigste Lektion?

Taubert: Dass man eine Gemeinschaft braucht, sich gegenseitig unterstützt. Wer kennt sich mit Gemüseanbau aus? Wer kann was reparieren? Wer kann einen 3-D-Drucker bedienen? Das rettet einen aber nicht nur im Ausnahmezustand. Wenn man erst mal erkennt, dass gemeinschaftliches Leben und Wirtschaften vielleicht nicht bereichernd im monetären, dafür aber im persönlichen Sinne sind, dann hat man wieder etwas, auf das man hinleben kann. In Gemeinschaft verschwindet die Angst.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen, als würden Sie sich auf den Zusammenbruch freuen.

Taubert: Vielleicht wäre es tatsächlich schön, wenn sich das System verändert. Wenn wir nicht in den ausgetretenen Spuren weiterlatschen. Die Apokalypse ist in der Offenbarung des Johannes ja eigentlich ein Heilsversprechen - sie bringt das Paradies für diejenigen, die richtig gelebt haben. Ich denke manchmal: Vielleicht könnten wir eine Welt finden, in der es sich auch ganz gut, aber eben anders leben lässt.

SPIEGEL ONLINE: Die sogenannten Prepper, denen Sie im Buch begegnen, würden darüber wahrscheinlich milde lächeln: Systematisch bereiten die sich auf den Krisenfall vor, bauen Bunker und Ähnliches. Was sind das für Leute?

Taubert: Ganz normale Menschen, Mittelständler, Angestellte. Im Extremfall haben sie mehrere Vorratslager an geheimen Orten, für Lebensmittel, aber auch für Tauschwaren: Alkohol, Zucker, Tabak. Einer hat mir erzählt, er horte unglaubliche Mengen Klopapier und Zahnbürsten. Weil er die im Krisenfall tauschen kann.

SPIEGEL ONLINE: Einen Notfallvorrat haben Sie sich aber zu Beginn Ihres Krisenjahrs ebenfalls angelegt. Wie war das?

Taubert: Grauenhaft. Es gibt auf der Website des Bundeslandwirtschaftsministeriums einen Vorratskalkulator. Die Kaufanweisungen dieses Tools habe ich genau befolgt: Kartoffeln, Reis, Dosenfrüchte, Dosengemüse, Büchsenfleisch - eine furchtbare Zusammenstellung, die mit meinem normalen Speiseplan überhaupt nichts zu tun hatte. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, was für eine Wohlstandsmagenschleimhaut ich habe.

SPIEGEL ONLINE: Aber schmeckt die Apokalypse nicht zwangsläufig furchtbar?

Taubert: Nicht unbedingt - man sollte unbedingt an einen Schokoladenvorrat denken, das hilft gerade bei mieser Großwetterlage weiter. Honig und Marmelade im Übrigen auch, denn das sind gute Tauschmittel. Es gibt in meinen Keller jetzt jedenfalls eine Abteilung "Gute Laune".

SPIEGEL ONLINE: Sie haben also immer noch einen Krisenvorrat im Haus?

Taubert: Ja, einen kleinen. Es schadet ja nicht.

  • Stephan Pramme
    Greta Taubert, 30, ist Journalistin und Autorin aus Leipzig. Für das Buch "Apokalypse Jetzt!" hat sie sich in intensiven Selbstversuchen ein Jahr lang auf das Ende des westlichen Wohlstands vorbereitet. Ihr Buch ist im Eichborn-Verlag erschienen.

Das Interview führte Rainer Leurs

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insgesamt 245 Beiträge
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Seite 1
mustafa20 18.02.2014
1. ???
Was diese Frau "entdeckt" hat und "Gemeinschaft" nennt, weil es sich so schön links anhört, ist MARKTWIRTSCHAFT. Eine arbeitsteilige Gesellschaft, in der nicht jeder alles können muss, sondern seine Fähigkeiten tauscht - am Besten eben über das universelle Tauschmittel Geld. Und natürlich bringt das was im "monetären" Bereich. Die Frau hat einfach nur noch mal gesehen, dass freie Marktwirtschaft die beste Möglichkeit des Zusammenlebens darstellt.
Teile1977 18.02.2014
2. Stadt- Land
Zuallererst wird man lernen müssen sich gut zu verstecken, und sich gut zu verteidigen. Denn wenn 100 hungrige Menschen ihr Gemüsebeet entdecken werden ihnen die besten Gartenbautips nichts helfen. Recherchieren sie im Mittelalter oder in Gebieten mit Hungersnöten, dann werden sie sehen was wichtig ist. Und zu Jagen bringt nur solange etwas, solange es etwas zu jagen gibt. Kanibalismus dürfte in diesem Fall durchaus von Vorteil sein, ist in der menschlichen Geschichte nicht ungewöhnlich. Und ziehen sie am besten aufs Land, eine geringe Einwohnerdichte im Verhältniss zum Ackerland war in Krisenzeiten schon immer Vorteilhaft.
analyse 18.02.2014
3. Hinweis auf den kurzfristigen
Zurück zur Natur,zum Jäger und Sammler -Dasein: Da ist nach Berechnungen nur für 500 Millionen Menschen Platz ! Und wohin dann mit 6Mrd Menschen ? das interessiert doch die Partei der Besserverdienenden nicht ! Jaja ich weiß ja ,daß die GRÜNEN das gar nicht so meinen,vor allem die Wähler nicht ,und ein Teil der rotgrünen auch nicht ,aber nachhaltig über "grüne" Parolen nachdenken,sollte man schon !
GoBenn 18.02.2014
4.
Sehr interessanter Ansatz. Allgemein ist Vorratshaltung vielen fremd geworden ("Mein Kühlschrank ist der Penny um die Ecke"). Ich habe Schokolade und echte Nylons im Keller, für den Tauschmarkt später. Diese 14-Tage-Bevorratung, die empfohlen wird, habe ich auch noch nicht so richtig geschafft. Im Frühjahr, wenn ich den Keller aufräume...
Kiste 18.02.2014
5. Gut zu wissen
Meine alte Nachbarin hat auch einen Notvorrat im Keller. Da freut man sich, dass sie vorsorgt und man kann sich dort bedienen. Ich glaube noch nicht mal, dass man ein Gewehr braucht. Das ist eher was für draußen, wenn man Auto und Benzin braucht.
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