Pferdezucht in Ostjerusalem "Das sind Araber wie wir"

Für die Palästinenser Ostjerusalems ist die Pferdezucht mehr als Hobby und Geschäft. Es geht um ihren Stolz.

Thore Schröder

Aus Jerusalem berichtet Thore Schröder


Faisal Shweiki geht es nicht gut an diesem Tag. Die Reibeisenstimme des Kettenrauchers klingt noch rauer als sonst. Er ist müde, hat Kopfschmerzen und überhaupt keine Lust auf die anstrengenden Fragen des Reporters. Doch von Satz zu Satz hellt sich die Miene des Palästinensers auf. Als er schließlich auf der Koppel zwischen seinen Liebsten steht, ist es um ihn geschehen. Der 57-Jährige hüpft und schreit und lacht wie ein Kind. "Das machen diese Tiere mit dir", ruft er strahlend.

Faisal Shweiki züchtet Araber-Pferde im Osten Jerusalems. Von seinen Stallungen im Flüchtlingslager Shuafat blickt man über die israelische Sperrmauer hinüber zum Turm der Hebräischen Universität auf dem Skopus-Berg und an klaren Tagen über das Jordantal bis hin zu den Ausläufern der jordanischen Hauptstadt Amman. Was sich nach weiter Landschaft anhört, ist in Wirklichkeit die bedrückende Enge eines Slums, bedingt durch die Sperranlage und viele planlos gebaute Hochhäuser.

Das Flüchtlingslager Shuafat gehört zu Jerusalem. Aber weil es hinter der Mauer liegt, werden hier die israelischen Bauvorschriften nicht eingehalten. Der Staat bietet kaum Dienstleistungen an, Abwasser wird ungefiltert abgeleitet, der Müll stapelt sich auf den löchrigen Straßen.

Und doch wollen besonders viele Menschen hier leben und hier bleiben, weil es ihnen den Status als Bewohner Jerusalems und damit manche Freiheiten und Vorteile sichert. So können sie sich innerhalb des Westjordanlands und Israels frei bewegen, sind über das israelische Gesundheitssystem versichert und versorgt.

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Züchter in Ostjerusalem: Pferde zwischen Hochhäusern

"Ich habe auch direkt in der Stadt etwas Land, mit Blick auf den Haram al-Sharif", sagt Shweiki und meint den Ort, den Muslime "edles Heiligtum" nennen, und die Juden Tempelberg. Dass er seine Araberzucht dort angeblich nicht aufbauen durfte, war für die Nachbarskinder ein Glücksfall. "Die sind ständig hier", sagt er und deutet auf einen dünnen Jungen mit Neon-T-Shirt und Brille, der mit zwei anderen Knirpsen den Kopf durch die Gatterstangen reckt: "Der war früher krankhaft schüchtern, aber die Pferde haben ihn kuriert."

Überhaupt haben die Tiere in der ziemlich deprimierenden Lage Ostjerusalems so etwas wie therapeutische Wirkung. Sie machen die Palästinenser vor allem stolz. "Das sind keine Europäer, und das sind keine Israelis, das sind Araber wie wir", sagt Faisal Shweiki.

"Solche wunderschönen Pferde ausgerechnet in Palästina"

Vor 20 Jahren hat er mit der Zucht angefangen. "Damals war ich noch Lkw-Fahrer", sagt er, "dann habe ich dieses eine Pferd in Jerusalem gesehen und wusste, das will ich haben". Nach und nach wurde das Hobby für ihn zum Beruf. Heute sind alle elf Boxen in seinem Gestüt gefüllt.

Shweiki kauft und verkauft Pferde, nimmt mit ihnen in Palästina, Israel und der Region erfolgreich an Pferdeschauen teil und setzt Millionen Schekel dabei um. Als er einen Wettkampf in Jordanien gewann, war Königin Rania anwesend. "Sie konnte gar nicht glauben, dass ich solche wunderschönen Pferde ausgerechnet in Palästina züchte", erzählt Faisal Shweiki.

Aber vielleicht liegen der Erfolg und die enge Bindung eben gerade an der schwierigen Lage. Die Schweizerin Renata Schibler ist Expertin bei der European Conference of Arab Horses Organizations (ECAHO) und häufig Preisrichterin vor Ort. Sie ist immer wieder fasziniert: "Die Palästinenser haben von allen Teilnehmern noch einmal ein besonderes Verhältnis zu den Pferden. Dieses Feuer und diese Begeisterung sind einzigartig. Wenn da ein Pferd etwas gewinnt, stürmen alle zum Pferd in die Arena und feiern mit."

Araber-Pferde gelten als älteste und edelste Rasse der Welt. "Und als die schönste", sagt Schibler. Auch wenn die Bedingungen in Ostjerusalem zwischen Hochhäusern und Betonstraßen nicht optimal sind, hatte Expertin Schibler bisher immer das Gefühl: "Den Tieren geht es gut."

"Ich liebe die Pferde, solange ich denken kann"

Ala'a Mustafa, ein Hüne mit meist strengem Blick, teilt Faisal Shweikis Leidenschaft. Der 27-Jährige züchtet seine Pferde mitten im Jerusalemer Stadtteil Issawiyya, nur einige Hundert Meter von Faisal Shweikis Hof entfernt - aber auf der anderen Seite der Sperrmauer gelegen.

Auf der rotbraunen Erde der Koppel bringt Ala'a den Hengst Rawnaq al-Rahib mit bloßem Zungeschnalzen und zum Himmel gestreckten Armen zum Tanzen. "Ich liebe die Pferde, solange ich denken kann", sagt Ala'a. Auch wenn sie viel Arbeit machen für ihn. Zweimal täglich mistet er die zwölf Ställe aus, füttert und wäscht die Pferde, gibt ihnen Auslauf. Von sieben Uhr morgens bis zum Abend.

"Manchmal reiten wir mit 20 Jungs aus, da oben ins Grüne", erzählt Ala'as Freund Hassan. Der 20-Jährige zeigt auf die Hänge, in Richtung des Auguste-Viktoria-Krankenhauses auf dem Ölberg. Der Klimaanlagentechniker hat vor drei Jahren 60.000 Dollar für die Stute Dinara bezahlt. Besonders für die Verhältnisse in Issawiyya viel Geld. "Aber meine Familie hat mir geholfen. Jetzt sind wir alle stolz darauf."

Als Hassan gerade mit Dinara posiert, stößt ein Trupp von zehn israelischen Grenzpolizisten ins Viertel vor. Die Beamten stehen nur einige Meter hinter den Ställen, mit Maschinenpistolen und Tränengaswerfern im Anschlag. Issawiyya ist unter den Einsatzkräften berüchtigt. "Vielleicht sind sie wieder hier, um jemanden zu verhaften", sagt Ala'a.

Hassan erzählt, wie vor zwei Monaten eine Blendgranate neben der Koppel gelandet ist: "Danach haben wir Stunden gebraucht, um die Pferde zu beruhigen." Auch so etwas gehört in Ostjerusalem dazu - für Menschen und Pferde.



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