Elterncouch Der kleine Jonas möchte aus dem Eltern-Kind-Büro abgeholt werden

Teamarbeit
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Breireste in der Tastatur, Telefonieren mit Babyschnarch - geht das? Jonas Ratz wagt, notgedrungen, den Selbstversuch: ein Tag im Eltern-Kind-Büro.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Was habe ich erwartet? Ein Bällebad wie bei Ikea? Eine Hüpfburg? Oder wenigstens ein Mobile am Fenster? Ich weiß es nicht. Fest aber steht: Der Eltern-Kind-Raum sieht aus wie jedes andere Büro hier. Zweieinhalb mal fünf Meter, etwas größer als eine durchschnittsdeutsche Strafvollzugszelle, ein Schreibtisch, ein Computer, bei dem die Tastatur gefühlt etwas mehr klebt (Breireste?) als sonst, ein Telefon, Schrank, Schreibtischstuhl, fertig.

Gut, in der Ecke steht eine Umzugskiste mit allerlei abgegriffenen Bilderbüchern, an der Wand hängen ein paar selbst gemalte Bilder: Viele Kreise, viel Blau, das Vorgängerkind schätze ich auf frühes Kita-Alter. Oder Picasso in der Frühphase. Aber alles in allem sagt dieser Raum eher "Arbeiten nicht vergessen!" als "Willkommen!"

Elisa, meine sechs Monate alte Tochter, sitzt auf meinem Schoß, bearbeitet die Schreibtischkante und lallt Unverständliches. Meine Frau Jana hat heute eine wichtige Konferenz und hat Elisa deshalb bei mir abgegeben. "Um Viertel vor drei bin ich wieder da", versprach sie beim Rausgehen. Jaja, kein Problem. Jetzt ist es elf.

11.14 Uhr

Der Eltern-Kind-Raum liegt bei uns im ersten Stock, direkt neben der Schwerbehindertenvertretung, dem Fitnessraum und den Umkleideräumen. Ein leichtes Odeur von Testosteron und Männerschweiß liegt in der Luft, aber Elisa scheint das nicht zu irritieren. Dafür ist sie viel zu sehr damit beschäftigt, sich das Ringelkabel des Telefons zu ergrapschen. Rumms. Noch mal gut gegangen, zumindest das Telefon funktioniert noch.

11.23 Uhr

Ein Kollege ruft an, legt aber nach einem Mal Klingeln sofort wieder auf. Ich rufe zurück: "Da stand Eltern-Kind-Raum im Display, da wollte ich nicht stören." Ich schreibe vorsichtshalber eine Rundmail ans Team: Ja, ich kann telefonieren, einen Computer hab ich auch und weiß, ihn zu benutzen. Und vielleicht kann Elisa mir ein bisschen helfen. Mit dem Smartphone, das sie gerade einspeichelt, scheint sie sich ja schon gut auszukennen.

11.42 Uhr

Ich habe mir extra eine Liste von Dingen gemacht, die ich gut mit Baby erledigen könnte. Also, das dachte ich zumindest: Telefonieren, Mails schreiben, ein paar Texte durcharbeiten, die liegen geblieben sind in den vergangenen Tagen. Ich habe regelrecht gesammelt für diese Stunden, ja, mich sogar ein bisschen gefreut auf diese ungestörte Zeit, eingeschlossen wie in einer Mönchsklause. Kafka hat 1923 "Der Bau" geschrieben, es geht darin auch um diese fast klaustrophobische Abgeschiedenheit, die ein Raum haben kann. Die Erzählung blieb unvollendet. Wahrscheinlich hatte Kafka ein sechs Monate altes Baby auf dem Schoß.

12.13 Uhr

Elisa hat keine Lust mehr auf Schreibtisch-Nagen. Vielleicht ein bisschen auf dem Boden robben? Ich entdecke in der anderen Ecke eine rote Yogamatte. Der Pförtner hat erzählt, dass ein Kollege hier ab und zu gen Mekka betet. Ein Raum für Eltern, Kinder und Religion. Also ein Raum für Gedöns, würde wohl Ex-Kanzler Schröder sagen. Hat das Bundeskanzleramt eigentlich inzwischen einen Eltern-Kind-Raum?

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12.37 Uhr

Elisa quengelt noch immer. Vielleicht hat sie Hunger? Ich krame das Babygläschen hervor und mache mich mit Elisa auf dem Arm auf zur Küchenzeile auf dem Flur, wo auch eine Mikrowelle steht. Nicht zu heiß, 600 Watt, 30 Sekunden, oh Mann, mit dem Karottenrindfleischbrei könnte man Fenster abdichten. Aber immerhin: Elisa isst. Blöd, dass nur sie ein Lätzchen hat - aber ich nicht. Zielsicher greift Elisa den Plastiklöffel, und ein orangefarbener Flatschen Alete landet auf meiner Hose. Und gerade heute habe ich noch einen Termin bei meiner Chefin.

13.04 Uhr

Hände waschen, Hose putzen, ich brauche ein Waschbecken. Das nächste befindet sich in der Herrenumkleide. Ich nehme Elisa auf den Arm und verlasse den Bau. Drei Jungs von der IT kommen gerade vorbei: "Mensch, da müsste man mal aufräumen", scherzt der eine mit Blick durch den Türspalt, während der andere das unvermeidliche "Oh, neuer Mitarbeiter?" bringt. Hihi. Eher schlecht als recht säubere ich Elisas Mund, meine Hose und mein T-Shirt. Ein Schimmer Orange wird bleiben. Egal, ist immerhin SPIEGEL-Orange.

13.36 Uhr

Elisa liegt auf der Yogamatte und strahlt mich an. Ich weiß, eigentlich sollte ich jetzt mal so langsam weiterarbeiten, aber die nächsten zehn Minuten vertändele ich mit Elisa und ein paar Plastikbausteinen aus der Umzugskiste. Ich verbuche es unter Mittagspausen-Workout. Zahlt das eigentlich die Krankenkasse?

13.46 Uhr

Vorbei mit der Ruhe, Elisa wird müde. Einschlafen auf der Yogamatte wäre zu schön gewesen. Ich wickele mir das Tragetuch um den Bauch und schnüre Elisa zu einem kleinen schnaufenden Paket. Wirklich schlafen will sie aber nicht. Da hilft nur die Geheimwaffe: Ich suche auf YouTube das Musikvideo zu "Hevenu Shalom alechem". Altes israelisches Volkslied, übersetzt heißt das etwa "Wir wollen Frieden für alle". Entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass Elisa schon bei den ersten Tönen einschläft und plötzlich Frieden herrscht. Endlich arbeiten.

14.20 Uhr

Ich telefoniere mit einer Wissenschaftlerin, Elisa hängt etwas schräg im Tragetuch und schnarcht. Also nicht so bierkutschermäßig. Aber dann doch so laut, dass ich langsam überlege, wie ich das geschickt ins Gespräch einstreue, sonst denkt die Frau noch, ich hätte was an den Nasennebenhöhlen. Plötzlich höre ich auch auf der anderen Seite der Leitung leise Kindergeräusche. Und so kommt raus: Frau Professor ist gerade in Elternzeit, ihr Kind nur ein paar Wochen jünger als Elisa. Teil zwei des Gesprächs verläuft deutlich heiterer als Teil eins.

14.33 Uhr

Jana ruft an. In 20 Minuten ist sie an der nächsten U-Bahn-Station, Übergabe am Bahnsteig, um Zeit zu sparen. Jetzt muss alles ganz schnell gehen: Mit Feuchttüchern bearbeite ich Schreibtisch und Computertastatur, packe Windeln und Schnuller ein, Elisa auf den Arm. Eine Kollegin ruft mir im Foyer noch "Steht dir!" hinterher. Ich bin nicht ganz sicher, ob sie den orangefarbenen Restfleck auf der Hose oder Elisa meint, aber viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht mehr. "Wie war's?", fragt Jana. Tja. Ich erzähle vom Telefon, dem Tragetuch, den Breiflecken - kurz: Es waren vielleicht nicht die entspanntesten dreieinhalb Stunden des Arbeitstages.

Aber die schönsten.

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (sieben Jahre), Oliver (vier Jahre) und Elisa (sechs Monate)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

    Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

    Jonas Ratz eine E-Mail schreiben.



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6 Leserkommentare
Koda 06.11.2018
Friedhelm_Müller 06.11.2018
mirage122 06.11.2018
Pless1 06.11.2018
EinWeitererWaehler 06.11.2018
troy_mcclure 07.11.2018

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