Aus Buenos Aires berichtet Ariel Magnus
Als sich weißer Rauch über der Sixtinischen Kapelle erhebt, bedecken weiße Wolken auch Buenos Aires. Es regnet leicht, die Temperatur liegt unter 20 Grad, ungewöhnlich kalt für einen Sommertag. Trotzdem versammeln sich rasch Menschen in der Hauptkathedrale Metropolitana. Gott sei Dank ist der Papst nicht schon am ersten Tag des Konklaves gewählt worden, denn da wären die erfreuten Katholiken hier auf wütende Aktivisten gestoßen. Sie hatten das Gotteshaus regelrecht gestürmt, um gegen Kürzungen im öffentlichen Erziehungswesen zu demonstrieren. Gleichzeitig war in Buenos Aires die Unterstützung halbprivater Schulen angehoben worden. Die Kathedrale war Ziel des Protests, weil die Hälfte dieser halbprivaten Schulen in der Stadt von der Kirche verwaltet wird. Jorge Bergoglio soll, kurz bevor er sein Amt als Bischof von Buenos Aires verließ und Papst Franziskus wurde, dem Bürgermeister von Buenos Aires nahegelegt haben, das Geld einiger halbprivater Schulen lieber doch den staatlichen zu überweisen.
Jetzt sind es Gläubige, die das Gebäude füllen. Viele tragen argentinische Flaggen mit sich, andere die des Vatikans. Es wird gesungen wie im Stadion: "Olé, olé, Francisco, Francisco!" Das reimt sich zwar nicht, aber gut. Um die 400 sind es bald, später etwa 1500, die Straße gegenüber wird gesperrt. Ununterbrochen läuten die Glocken. Um 19 Uhr wird mit einer rekordverdächtigen Anzahl von Christen die Messe gefeiert.
Viele scheinen tief bewegt und persönlich betroffen, gerade so, als hätten sie Francisco, als er noch Jorge hieß, persönlich kennengelernt. Bei manchen mag das tatsächlich der Fall gewesen sein: Der Jesuit gilt als ein einfacher Mensch, dem man auch in der U-Bahn begegnen konnte. Dass er der Sohn italienischer Einwanderer ist und als solcher aus prekären Verhältnissen stammt, verstärkt dieses Bild. Nach wenigen Minuten ist schon ein Freund des neuen Papstes auf Sendung und plaudert über ihre gemeinsame Kindheit. Es könnte die eines beliebigen Porteño sein.
Und jetzt: die Fußball-Weltmeisterschaft!
Während die Regierung also eher verhalten reagierte, ließen andere ihrer mehr oder minder patriotischen Freude freien Lauf. Für die meisten Menschen hier hätte die Überraschung kaum größer ausfallen können. Niemand hätte im Ernst daran gedacht, dass ein Argentinier, dazu noch ein Jesuit, Papst werden könnte.
Dabei hätte es keine Überraschung sein müssen. Eine ganze Reihe im Nachhinein klug gewordener Kommentatoren erklären jetzt auf allen Kanälen, dass Jorge Bergoglio damals, beim letzten Konklave, das schließlich Joseph Ratzinger zum Papst machte, seine aussichtsreiche Kandidatur "fast unter Tränen" zurückgezogen habe. Jetzt, wo er Papst ist, weiß jeder: Diesmal war Bergoglio Favorit, und es ist nur natürlich, dass er gewählt wurde.
Und es gab noch weitere Vorzeichen. Bergoglio ist ein bekennender Fußballfan, Anhänger des Clubs San Lorenzo (aus dem Stadtviertel Almagro, unweit von Bergoglios Geburtsviertel). Sein Vater, ein Bahnarbeiter, soll ihn jedes Wochenende ins Stadion mitgenommen haben. Es liegt auf der Hand: "San" heißt "Heiliger", und so lautet auch einer der Spitznamen der Mannschaft. San Lorenzo wäre letztes Jahr fast aus der ersten Liga abgestiegen - und wurde in letzter Minute doch noch gerettet. Na also.
Die Wahl eines argentinischen Papstes ist ein Zeichen. Hier wird Diego Maradona als Gott verehrt. Lionel Messi gilt als der Messias. Eigentlich fehlte uns bisher nur noch ein Papst. Jetzt ist klar: Die Weltmeisterschaft 2014 ist eine sichere Sache. San Francisco wird schon dafür sorgen.
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