Armen-Koch in Indien: Am Krisenherd

Von , Islamabad

Ein junger indischer Koch sieht auf der Straße einen alten Mann, der beinahe verhungert. Er wirft seine Karriere hin und kümmert sich seit zehn Jahren nur noch darum, die Ärmsten der Armen in seiner Heimat Madurai zu ernähren. Nicht allen gefällt das.

Indischer Koch: Ernährer der Armen Fotos
Edward DiTomas

Diese eine Sache will Narayanan Krishnan einfach nicht in den Kopf gehen: Indiens Wirtschaft wächst und wächst, Indien ist kein armes Land mehr, es gibt immer mehr Millionäre, neue Milliardäre und eine große Mittelschicht. Trotzdem verhungern Menschen auf den Straßen, trotzdem überlässt die Gesellschaft Menschen sich selbst, Arme, Alte, Geisteskranke. Lässt sie verrecken, achselzuckend, als könne man nichts dagegen tun.

"Es ist nicht zu fassen", sagt Krishnan. "Sie kaufen Häuser und Autos und teure Klamotten, aber sie geben denen, die nichts haben, nichts ab." Er überlegt, dann spricht er diesen Satz aus, mit dem er sich keine Freunde macht im neuen, im selbstbewussten Indien: "Vielleicht haben viele Menschen hier einfach kein Herz." Anders könne er sich nicht erklären, weshalb es leichter sei, Spenden in den USA und in Europa zu sammeln, als in Indien selbst.

Die meisten Inder mögen Krishnan, 30, viele verehren ihn inzwischen, der US-Sender CNN hat ihn im vergangenen Jahr zu einem der "Zehn Helden der Welt" erkoren. Krishnan ist längst eine Berühmtheit über Indien hinaus. Innerhalb von zehn Jahren hat er eine Hilfsorganisation aufgebaut, die inzwischen 450 Menschen Tag für Tag mit jeweils drei Mahlzeiten versorgt. "Es sind überwiegend Obdachlose mit Behinderungen", sagt er.

Verzicht auf Ausbildung in der Schweiz

Es war ein langer Weg zu diesem Erfolg: Krishnan arbeitete 2002 als junger Koch in einem Fünf-Sterne-Hotel in Bangalore. Seine Chefs mochten ihn, sahen sein Talent. Sie förderten ihn, er sollte ein paar Jahre in der Schweiz arbeiten, um internationale Erfahrung zu sammeln.

"Ich fuhr zu meinen Eltern nach Madurai, um mich von ihnen zu verabschieden", erinnert er sich. "Bei einem Tempelbesuch sah ich diesen alten Mann unter einer Brücke. Er war dürr und man sah seine Rippen. Ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, dass er seine eigenen Exkremente aß, um nicht zu verhungern. Ich war geschockt." Krishna kaufte ihm etwas zu essen, typisch südindische Kuchen aus Linsen- und Reismehl. "Der Mann verschlang sie gierig, dann sah er mich an und hielt dankbar meine Hand." Krishnan schildert es als ein Erlebnis, das er nie wieder vergessen sollte. "Von dem Moment an wusste ich: Das ist es, was ich mein Leben lang tun will: die Ärmsten der Armen zu ernähren."

Von einem Tag auf den anderen kündigte er seinen Job. Seine Eltern, beide Versicherungsangestellte, waren entsetzt. Ist der Junge verrückt geworden? Schmeißt er gerade eine vielversprechende Karriere weg?

"Sie verstanden nicht, warum ich das tue. Stattdessen schleppten sie mich zu einem Psychiater und zu einem Priester. Am Ende versprach ich ihnen, als Koch weiterzuarbeiten - wenn sie mich nur einen Monat lang Menschen auf der Straße versorgen ließen."

Überzeugungsarbeit bei den Eltern

Nach ein paar Tagen überzeugte er seine Eltern, ihn zu begleiten und zuzusehen, wie er die auf den Straßen seiner Heimatstadt lebenden Alten und Kranken mit Curry versorgt, ihnen die Haare schneidet, sie rasiert, ihnen die Beine massiert. Anfangs kümmerte sich Krishnan um 20 Menschen. Eine Frau erzählte Krishnas Mutter, neuerdings, seit der junge Mann sie mit Essen versorge, habe sie wieder ein Leben, das nicht nur um die Frage kreise, wie sie den Tag überstehen solle.

"Meine Eltern waren nach diesem Tag einverstanden mit meiner Arbeit. Sie sagten: Du machst etwas Gutes, und wir unterstützen dich darin."

Krishnan gründete die Akshaya-Stiftung, benannt nach einer Figur aus der indischen Mythologie (mehr Infos zur Stiftung finden Sie hier). Er verkaufte all sein Hab und Gut, spendete seine Ersparnisse und bat Freunde und Familie um Hilfe, um Töpfe und Lebensmittel kaufen zu können. "Ich wohne in dem Haus meines Großvaters, das ich geerbt habe. Ein paar Zimmer habe ich vermietet. Davon lebe ich. Es ist nicht viel, aber es ist genug, um davon zu leben. Finanziell gesehen bin ich ein armer Mann. Aber in jeder anderen Hinsicht bin ich reich." Krishnan findet, nichts bereichere einen Menschen mehr als zu geben.

Für die Lebensmittel, die er und seine inzwischen 40 ehrenamtlichen Helfer verarbeiten, müssen sie täglich umgerechnet knapp 300 Euro aufbringen. "Wir finanzieren das einzig über Spenden, und meist wird es ab dem 20. eines Monats knapp", sagt Krishnan. Irgendwie sei man bisher aber immer über die Runden gekommen. Fast zwei Millionen Mahlzeiten hat die Stiftung in den vergangenen zehn Jahren verteilt.

Kritik, weil er Obdachlose berührt

Jetzt sammelt sie Geld, um ein Haus für Obdachlose zu bauen. Krishnan zufolge soll es Mitte 2012 fertig werden. "Darin finden mehr als hundert Menschen Platz", sagt er. Auch dieses Gebäude werde ausschließlich von individuellen Spendern bezahlt, "auch aus Amerika und Europa", sagt Krishnan. Von staatlicher Stelle habe er dagegen nichts erhalten, weder von der indischen Regierung noch von der Stadtverwaltung in Madurai. "Auch die meisten indischen Firmen geben nichts."

Krishnan sagt, er bekomme oft zu spüren, dass manche Leute ihn für seine Arbeit nicht respektierten. "Ich bin Brahmane, und Menschen aus dieser obersten Kaste geben sich nicht mit Menschen ab, die auf der Straße leben. Schon gar nicht umarmen oder massieren sie sie." Das offiziell abgeschaffte Kastensystem lebt in den Köpfen der meisten Menschen fort. Das Wort "Unberührbare" sei wörtlich gemeint, sagt Krishnan. Aber für ihn seien alle Menschen gleich, er mache keine Unterschiede. "Und genau das passt manchen nicht. Für die sind Obdachlose einfach nur asoziale Elemente, die man am besten entfernen sollte. Sie stören das Bild vom Wohlstand und vom aufsteigenden Indien."

"Na ja", sagt der wortkarge Beamte von der Stadtkasse in Madurai. "Es ist ja ganz gut, was der Mann da macht. Aber helfen können wir ihm nicht." Warum nicht? "Kein Geld." Aber ist es nicht die Aufgabe des Staates, wenigstens den Schwächsten der Gesellschaft zu helfen? Der Mann zögert. Dann räumt er ein: "In Indien haben wir noch kein akzeptables Sozialsystem, was soll man da machen?" Genau deshalb, findet er, müsse man die Arbeit von Narayanan Krishnan gut finden. Auch wenn er dafür Unberührbare berühre.

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