Fotos aus Armenien Groß, weit, einsam

Lagerfeuer vor dem Plattenbau, betende Greise und ein rauchender Hamlet auf dem Dach: Armenien ist ein Land voller verwirrend schöner Bilder. Der Fotograf Julien Lombardi hat sie eingefangen.

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Als Julien Lombardi das erste Mal nach Armenien kam, war er auf der Suche nach Vertrautem. Seine Großeltern stammten aus dem Land im Kaukasus, Lombardi hatte noch ihre Erzählungen im Ohr, wollte endlich eine Verbindung aufbauen zu den Orten, von denen die Oma immer so wehmütig gesprochen hatte.

"Als ich ankam, war alles anders als in den berühmten Familiengeschichten", sagt der Fotograf. Postsowjetisch, rau, aber auch faszinierend. Straßen und Gleise endeten plötzlich im Nichts. In den verlassenen Bahnhöfen grasten Rinder und Schafe. Industrieruinen lagen wie betäubte Stahlmonster im milchigen Morgenlicht. Und der ehemalige Sowjetsoldat Hamlet stand rauchend auf dem Dach seiner einsamen Blechhütte in den Bergen.

Hamlet schmökt: Dieser ältere Herr war mal Soldat in der Roten Armee. Lange Jahre diente er im nordwestrussischen Flottenstützpunkt Murmansk, dessen Hafen noch bis 1991 militärisches Sperrgebiet war. Heute hat es der Armenier wieder etwas wärmer: Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in einem stillgelegten Bahnhof in dem Dorf Agarak in der südarmenischen Provinz Sjunik an der Grenze zu Iran. Das Dach ist offenbar trittsicher und bietet spektakuläre Ausblicke beim Rauchen. Hamlet hat kaum Geld, aber er kommt zurecht. Gleich neben den Gleisen hat er in guter, alter Datschnik-Manier ein Gewächshaus errichtet, in dem die Familie Gemüse anbaut. Und Fernsehen gibt es, wie die Satellitenschüssel zeigt, auch.

Kirche in der Provinz Tawusch an der Grenze zu Aserbaidschan: Wie eine Trutzburg steht das Gotteshaus vor bewegtem Wolkenhimmel, es ist Erinnerung und Mahnung an die urchristliche Tradition in Armenien, wo das Christentum seit Anfang des 4. Jahrhunderts Staatsreligion ist. Es gibt zahllose sehr alte Kirchen im Land - Gottesdienste werden aber überwiegend in neueren Gebäuden wie diesem abgehalten. Im Vordergrund ist eine junge Frau zu sehen, die ihren Liebsten knipst, einen Soldaten auf Wochenendurlaub.

In der südarmenischen Stadt Kapan sitzt ein alter Mann auf einem roten Sessel. Er hält einen Rosenkranz in den Händen und betet. "Ich habe versucht, ein bisschen mit ihm zu plaudern, mit Händen und Füßen", sagt Fotograf Julien Lombardi. Es ärgert ihn, dass er, obwohl seine Großeltern aus Armenien stammten, die Sprache nicht beherrscht. "Meine Familie legte Wert darauf, sich gut zu integrieren, zu Hause wurde nur Französisch gesprochen. Es war die Scham der Zugewanderten, man wollte um jeden Preis unauffällig sein." Die Begegnung mit dem Betenden sei trotzdem schön gewesen. "Die alten Menschen in Armenien sind unglaublich sanft und geduldig."

Ein Mann steht neben seinem alten Wolga und schaut auf den Sewansee, den mit 940 Quadratkilometern größten Süßwassersee im Kaukasus. "Der Sewan ist wie ein Meer, man sieht das andere Ufer nicht", sagt Lombardi. Über den Mann auf dem Foto weiß er nicht viel zu sagen, obwohl er eine Nacht in dessen Haus verbrachte: "Ich suchte nach einem Hotel, und er hat mich eingeladen, bei ihm zu übernachten. Er lebte in einem winzigen Haus und war nicht sehr gesprächig. Wir haben zwei Flaschen Wodka getrunken und uns um 22 Uhr aufs Ohr gelegt. Morgens hab ich mich bedankt und bin weiter."

Modernisierungsbestrebungen in einem Vorort von Jerewan: "Solche neuen Wohnkomplexe gibt es viele in Armenien. Es sind Bauten für eine Mittelklasse, die im Land gar nicht existiert", sagt Lombardi.

Der Unterschied zwischen dem Leben in der Stadt und auf dem Land ist in Armenien beträchtlich. Hier sieht man einen Mann in einem Vorort ein Feuer entzünden - ganz so, wie es die Bauern auf dem Land tun würden. "Mich fasziniert dieses unmittelbare Aufeinandertreffen der beiden Welten", sagt Lombardi.

In der Stadt Alawerdi in der Provinz Lori: Bei Temperaturen zwischen 40 und 45 Grad Celsius tut Abkühlung not: In den heißen Sommermonaten nutzen die Armenier öffentliche Brunnen, um sich ein wenig zu erfrischen. "Das sind zeitlose, selbstvergessene Momente", sagt Lombardi.

Ein Hotel im südarmenischen Kapan: Diese Herberge ist ein klassisches Sowjeterbe - geprägt vom Stil des Sozrealismus, sparsam möbliert, gebaut für mehrere Hundert Gäste, belegt mit genau einem: dem Fotografen Lombardi.

Dieses Lichtspiel fing Lombardi im Kulturministerium in Jerewan ein: Im obersten Stockwerk sind Kunstwerke gelagert, ansonsten ist der Raum funktionslos, "ein Ort des Übergangs, wie so viele", sagt Lombardi.

Bei allem Geschichtsbewusstsein zeigen die Armenier wenig Interesse am baulichen Erbe des Sozialismus: Solche Heldenskulpturen werden weder gepflegt noch abgerissen. Sie trotzen dem Wetter und der Zeit.

Im sogenannten Kupfertal in Alawerdi wird seit dem 18. Jahrhundert Kupfer verhüttet. Noch immer sind dort Fabriken in Betrieb, diese hier ist eine der ältesten im Land. Immer wieder gibt es Beschwerden über die Verletzung von Umweltschutzauflagen in den Fabriken und Berichte über verstärkt auftretende Atemwegs- und Krebserkrankungen der Menschen vor Ort. Dennoch sind viele froh, überhaupt einen Job zu haben und nehmen das Risiko in Kauf.

Über dem Tal von Alawerdi hängt eine dicke Rauchwolke. Die Umweltsituation sei nicht ideal, gaben die Fabrikbetreiber nach einer Anfrage zu. Viel geändert hat sich nicht.

In der Architektur wird versucht, so etwas wie einen modernen armenischen Stil zu promoten. Hier ist ein neues Wohnviertel in Jerewan zu sehen - im Hintergrund ragen zwei ambitionierte Bauten aus Sowjetzeiten über die Straße.

Was aussieht wie ein Ufo-Landeplatz, ist der alte Flughafen von Jerewan. Er steht unweit des neuen Airports - und wird das auch noch eine Weile tun, denn: Es ist unmöglich, das Trümmerstück zu sanieren - und zu teuer, es abzureißen. Ein Relikt aus sozialistischen Zeiten: "Früher haben die Leute hier zwei Wochen lang auf ein Flugticket gewartet", sagt Fotograf Lombardi.

Das rote Telefon und der zugehörige Computer stehen auf dem Berg Aragat und waren Teil eines umfangreichen Forschungsprojekts über kosmische Strahlung. Seit 1943 wird hier geforscht, als internationale Partner werden unter anderem die Universität Kiel und das Forschungszentrum Karlsruhe genannt. Lombardi hat nur eine vage Ahnung, worum es im Detail geht - aber er findet die Anordnung der Apparaturen poetisch.

Es waren diese anachronistischen, irritierenden Szenen, die den 35-Jährigen neugierig machten. Zwischen 2012 und 2015 fuhr er mehrmals in den Kaukasus, er sprach mit Historikern, Künstlern und Politikern, um sich ein Bild zu machen. Das fiel zunächst denkbar unscharf aus: "Armenien ist ein Land im Übergang, alles ist unfertig", so Lombardi.

Die Infrastruktur ist an vielen Orten zerstört, die Umwelt durch hemmungslose Ausbeutung verwundet. "Vieles verschwindet, manches davon für immer." Die Zeit in der Sowjetunion hat tiefe Spuren hinterlassen. Seit 1991 ist Armenien unabhängig, aber eine neue nationale Identität ist Lombardi zufolge noch nicht gewachsen. "Das Unvollendete" lautet denn auch der Titel seiner Fotoserie, die ab 26. März auf dem Festival Circulation(s) in Paris zu sehen ist.

Natur: groß, weit, einsam

Die Menschen auf Lombardis Fotos rauchen, beten oder schauen aufs Wasser. Sie verharren, unbeweglich, fast glaubt man, die Stille des Moments zu spüren, in dem der Fotograf auf den Auslöser drückte. Die Natur ist immer groß, weit und einsam. Der Mensch wirkt klein und verloren.

Die dargestellte Isolation ist nicht nur gefühlte, sondern bittere politische Realität. Armenien war Anfang des 4. Jahrhunderts das erste Land der Welt, in dem das Christentum zur Staatsreligion erhoben wurde. Noch heute gehören 90 Prozent der Menschen der Apostolischen Kirche an, während in den Nachbarstaaten Türkei, Aserbaidschan und Iran die Mehrheit muslimisch ist.

Der Territorialkonflikt mit Aserbaidschan um die Region Bergkarabach hat mehr als 40.000 Menschen das Leben gekostet und ist bis heute ungeklärt. Beide Staaten sind offiziell im Krieg und haben keine diplomatischen Beziehungen. Die Grenzen sind geschlossen, ebenso zur Türkei, die in dem Konflikt auf Seiten Bakus steht.

Die Beziehungen zu Ankara sind ohnehin vergiftet. Vor 100 Jahren starben durch Deportationen, Massaker und Todesmärsche geschätzt bis zu 1,5 Millionen Armenier. Die Türkei weigert sich bis heute, diesen Völkermord durch die Regierung des Osmanischen Reichs anzuerkennen. Die Mehrzahl der Historiker geht davon aus, dass es sich um einen Genozid handelte.

Das europäische Parlament machte die Anerkennung des Völkermords zur Bedingung für einen EU-Beitritt der Türkei - in Zeiten des Flüchtlingsabkommens allerdings scheint dieser Anspruch in den Hintergrund zu treten.

Am Tropf Russlands

Festgefahrene alte Konflikte und eine fehlende Neuorientierung machen Armenien zu schaffen. "Wir haben es mit einer Gesellschaft zu tun, die sich am Rand entwickelt, nach ihren eigenen Regeln und mit einem ganz eigenen Konzept von Zeit ", sagt Lombardi.

Etwa ein Drittel der drei Millionen Armenier lebt in Armut, immer öfter kommt es auf den Straßen der Hauptstadt Jerewan zu Protesten, etwa gegen steigende Strompreise. Weil die Einkommen niedrig sind und die Arbeitslosigkeit hoch ist, haben viele das Land verlassen. Die Geldüberweisungen der Diaspora aus dem Ausland machen etwa ein Fünftel der Wirtschaftsleistung aus. Ökonomisch und politisch hängt Armenien am Tropf Russlands.

Zurückgeblieben sind die Alten, die den ruhmreichen Zeiten der armenischen Hochkultur nachtrauern. Und die Mittelalten, die in der Sowjetunion wenigstens noch ein Auskommen hatten. Die wenigen Jungen zieht es in die Hauptstadt: "Sie träumen von einem leichten Leben in den Cafés und Klubs von Jerewan", sagt Lombardi, "von einer besseren Zukunft."

Der Pariser Fotograf hat Ethnologie studiert, Folklore oder Anthropologisches sucht man in seiner Arbeit allerdings vergebens. Lombardi will dokumentieren, vor allem den flüchtigen Moment einfangen. "Ich sammle Fragmente von Orten, die in Zukunft Kulisse für Entwicklungen sein werden, von denen ich noch gar nichts weiß. Ich möchte ein Depot anlegen für zukünftiges Erinnern."



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