Fotos aus Armenien Groß, weit, einsam

Lagerfeuer vor dem Plattenbau, betende Greise und ein rauchender Hamlet auf dem Dach: Armenien ist ein Land voller verwirrend schöner Bilder. Der Fotograf Julien Lombardi hat sie eingefangen.

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Als Julien Lombardi das erste Mal nach Armenien kam, war er auf der Suche nach Vertrautem. Seine Großeltern stammten aus dem Land im Kaukasus, Lombardi hatte noch ihre Erzählungen im Ohr, wollte endlich eine Verbindung aufbauen zu den Orten, von denen die Oma immer so wehmütig gesprochen hatte.

"Als ich ankam, war alles anders als in den berühmten Familiengeschichten", sagt der Fotograf. Postsowjetisch, rau, aber auch faszinierend. Straßen und Gleise endeten plötzlich im Nichts. In den verlassenen Bahnhöfen grasten Rinder und Schafe. Industrieruinen lagen wie betäubte Stahlmonster im milchigen Morgenlicht. Und der ehemalige Sowjetsoldat Hamlet stand rauchend auf dem Dach seiner einsamen Blechhütte in den Bergen.

Es waren diese anachronistischen, irritierenden Szenen, die den 35-Jährigen neugierig machten. Zwischen 2012 und 2015 fuhr er mehrmals in den Kaukasus, er sprach mit Historikern, Künstlern und Politikern, um sich ein Bild zu machen. Das fiel zunächst denkbar unscharf aus: "Armenien ist ein Land im Übergang, alles ist unfertig", so Lombardi.

Die Infrastruktur ist an vielen Orten zerstört, die Umwelt durch hemmungslose Ausbeutung verwundet. "Vieles verschwindet, manches davon für immer." Die Zeit in der Sowjetunion hat tiefe Spuren hinterlassen. Seit 1991 ist Armenien unabhängig, aber eine neue nationale Identität ist Lombardi zufolge noch nicht gewachsen. "Das Unvollendete" lautet denn auch der Titel seiner Fotoserie, die ab 26. März auf dem Festival Circulation(s) in Paris zu sehen ist.

Natur: groß, weit, einsam

Die Menschen auf Lombardis Fotos rauchen, beten oder schauen aufs Wasser. Sie verharren, unbeweglich, fast glaubt man, die Stille des Moments zu spüren, in dem der Fotograf auf den Auslöser drückte. Die Natur ist immer groß, weit und einsam. Der Mensch wirkt klein und verloren.

Die dargestellte Isolation ist nicht nur gefühlte, sondern bittere politische Realität. Armenien war Anfang des 4. Jahrhunderts das erste Land der Welt, in dem das Christentum zur Staatsreligion erhoben wurde. Noch heute gehören 90 Prozent der Menschen der Apostolischen Kirche an, während in den Nachbarstaaten Türkei, Aserbaidschan und Iran die Mehrheit muslimisch ist.

Der Territorialkonflikt mit Aserbaidschan um die Region Bergkarabach hat mehr als 40.000 Menschen das Leben gekostet und ist bis heute ungeklärt. Beide Staaten sind offiziell im Krieg und haben keine diplomatischen Beziehungen. Die Grenzen sind geschlossen, ebenso zur Türkei, die in dem Konflikt auf Seiten Bakus steht.

Die Beziehungen zu Ankara sind ohnehin vergiftet. Vor 100 Jahren starben durch Deportationen, Massaker und Todesmärsche geschätzt bis zu 1,5 Millionen Armenier. Die Türkei weigert sich bis heute, diesen Völkermord durch die Regierung des Osmanischen Reichs anzuerkennen. Die Mehrzahl der Historiker geht davon aus, dass es sich um einen Genozid handelte.

Das europäische Parlament machte die Anerkennung des Völkermords zur Bedingung für einen EU-Beitritt der Türkei - in Zeiten des Flüchtlingsabkommens allerdings scheint dieser Anspruch in den Hintergrund zu treten.

Am Tropf Russlands

Festgefahrene alte Konflikte und eine fehlende Neuorientierung machen Armenien zu schaffen. "Wir haben es mit einer Gesellschaft zu tun, die sich am Rand entwickelt, nach ihren eigenen Regeln und mit einem ganz eigenen Konzept von Zeit ", sagt Lombardi.

Etwa ein Drittel der drei Millionen Armenier lebt in Armut, immer öfter kommt es auf den Straßen der Hauptstadt Jerewan zu Protesten, etwa gegen steigende Strompreise. Weil die Einkommen niedrig sind und die Arbeitslosigkeit hoch ist, haben viele das Land verlassen. Die Geldüberweisungen der Diaspora aus dem Ausland machen etwa ein Fünftel der Wirtschaftsleistung aus. Ökonomisch und politisch hängt Armenien am Tropf Russlands.

Zurückgeblieben sind die Alten, die den ruhmreichen Zeiten der armenischen Hochkultur nachtrauern. Und die Mittelalten, die in der Sowjetunion wenigstens noch ein Auskommen hatten. Die wenigen Jungen zieht es in die Hauptstadt: "Sie träumen von einem leichten Leben in den Cafés und Klubs von Jerewan", sagt Lombardi, "von einer besseren Zukunft."

Der Pariser Fotograf hat Ethnologie studiert, Folklore oder Anthropologisches sucht man in seiner Arbeit allerdings vergebens. Lombardi will dokumentieren, vor allem den flüchtigen Moment einfangen. "Ich sammle Fragmente von Orten, die in Zukunft Kulisse für Entwicklungen sein werden, von denen ich noch gar nichts weiß. Ich möchte ein Depot anlegen für zukünftiges Erinnern."



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