US-Armutsfotografin Danna Singer Amerika - ganz unten

Danna Singer wuchs in ärmsten Verhältnissen in New Jersey auf. Mit ihrer Kamera hat sie das "vergessene Amerika" beklemmend dokumentiert - und ist dem Milieu auch deshalb entkommen.

Danna Singer

Von , New York


Donald Trump spricht gerne vom "vergessenen Amerika". Das, behauptet der US-Präsident, seien seine Leute. Seine Wähler, für die jetzt alles besser werde.

Wenn Danna Singer das hört, kann sie nur lachen. Denn sie kommt aus eben diesem vergessenen Amerika, und sie denkt, dass das alles nur Gerede ist. Dass sich nichts ändern wird - weder unter Trump noch unter jemand anderem.

Singer, 46, ist in New Jersey aufgewachsen, in einer der ärmsten Regionen der USA. "Ich bin mir nicht sicher, wie ich da rausgekommen bin", sagt sie heute. Fest steht: Ihre Kamera hat sie stets begleitet - sowohl, um die Armut zu dokumentieren, als auch, um ihr zu entkommen.

Das Ergebnis sind schockierende Fotos von einem Amerika, das nur wenige sehen außer denen, die dort wohnen. Fotos von Not, Enge, Krankheit, Hoffnung, Sucht. Ein Teufelskreis, aus dem nur wenige ausbrechen. "Zerstörte Träume", sagt Singer. "Ich hab's ja selbst erlebt."

"Vollzeitstudentin, Vollzeitkellnerin und Vollzeitmutter"

Danna Singer begann mit 16 zu fotografieren, heiratete mit 24, trennte sich mit 30, war "Mutter zweier Söhne, Ehefrau und sehr lange Kellnerin" - und nebenbei fotografierte sie ständig. Ihre Bilder, die sie in der Drogerie entwickeln ließ, zeigte sie nur Freunden, in Kneipen und Nachtklubs. Als ihre Scheidung durch war, schaffte sie es 2005 ans Pratt Institute, eine renommierte Kunsthochschule in Brooklyn.

Andere Mütter heuerten sie für Familienfotos an, doch ihr erstes größeres Fotoprojekt im Studium waren die eigenen Kinder. Etwa ihr Sohn, der als Teenager anfing, "sich tot zu stellen". Das Projekt nannte Singer "At Home", "Zu Hause".

"Vollzeitstudentin, Vollzeitkellnerin und Vollzeitmutter", erinnert sie sich. "Keine Ahnung, wie ich das geschafft habe. Wir waren immer superpleite."

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15  Bilder
US-Amerikaner in Armut: "Zerstörte Träume"

2010 machte sie ihren Abschluss am Pratt Institute, eine Bewerbung in Yale scheiterte zunächst. Singer fotografierte weiter ihre Söhne und ihr Umfeld.

Das Leben war hart, es in Fotografie festzuhalten, war noch härter. "Es war egoistisch, all das für meine Leidenschaft zu nutzen", sagt sie. "Doch anders wäre ich nie weitergekommen." Sie gab Geld aus, das sie nicht hatte, vergrub sich in Kunstgeschichte, um ihre persönliche Geschichte zu erklären. Und sie gab nicht auf, bewarb sich erneut in Yale - und wurde 2015 schließlich angenommen. Ein undenkbarer Erfolg für jemanden aus ihrem Milieu.

"Sich weiterzubilden, gilt in meiner alten Welt als rücksichtslos", sagt Singer. Es habe sie viel Überwindung gekostet, ihren eigenen Wert zu erkennen. Aber dann habe sie fast alles für ihre Fortbildung, ihre Fotografien und für "einen Platz am Tisch der Kunst" getan. "Viele fanden das gleichgültig gegenüber meinen anderen Verpflichtungen. Die Vorstellungen, was eine Mutter ist oder sein sollte, deckten sich nicht mit den Entscheidungen, die ich in meinen Jahren an der Uni getroffen habe."

"Ich war eine Tagträumerin", sagt Singer. "Ich stellte mir immer ein anderes Leben vor." Während sie selbst an der Elite-Uni studierte, fotografierte sie für ihr neuestes Projekt "If It Rained an Ocean" Familie und Freunde aus Kindheitstagen in ihrer Heimat Toms River, New Jersey. Sie hielt das Elend ihrer Bekannten schonungslos fest, mit deren Einverständnis, aber dennoch sind einige der Aufnahmen schwer zu ertragen.

Die Frauen in den Fotos sind teilweise nackt in engen Räumen abgebildet, was den Eindruck der Verletzlichkeit und Isolation noch verstärkt. Ein Mittel, das Singer bewusst einsetzt. Die Protagonisten "offenbaren sich wie bei einer Beichte", sagt Singer, doch zugleich bleibe ihre Nacktheit auch zurückhaltend.

Der harte Blick gibt den Bildern auch einen politischen Wert. Denn dieser Teil Amerikas bleibt vergessen, ja, vielen sogar unbekannt, egal, was Politiker sagen und welchen Mythen vom "American Dream" die Menschen nachhängen. Ihre Benachteiligung ist angeboren, Ressentiments und Rassismus folgen automatisch, die Armut bleibt. "Der Zyklus ist ungebrochen", sagt Singer. "Trump spricht die krude Sprache dieser Leute, aber es sind Worte, denen keine Handlungen folgen."

"Surreal und wundervoll"

2017 machte Danna Singer in Yale ihren Master of Fine Arts, inzwischen lebt sie in Philadelphia, fotografiert für Magazine wie den "New Yorker" und unterrichtet an einem College. Ihre Bilder haben Preise gewonnen und erinnern sie daran, wo sie herkommt, wie weit sie es geschafft hat - und wie schlecht es den meisten weiterhin geht.

Sie weiß, wie ungewöhnlich ihr Weg ist. "Es ist surreal und zugleich wundervoll", sagt Singer. "Doch immer wieder denke ich an die Leute, die diese Gelegenheit nicht haben."

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