Dresden nach dem Tod von Khaled B. "Die Augen sind kalt geworden"

Muslima tragen Wintermütze statt Kopftuch, Schulkinder bleiben montags daheim: Seit Pegida fühlen sich Migranten in Dresden unwohl. Dann wird ein Eritreer erstochen, und manche Asylbewerber wollen nur weg. Wie konnte es so weit kommen?

Steffen Winter

Von und Steffen Winter, Dresden


Khaled B. hatte geschafft, wovon viele seiner Landsleute träumen. Er hatte das sudanesische Wadi Halfa im Februar 2014 hinter sich gelassen, die größte Trockenwüste der Erde durchquert, war lebend durch das schwer umkämpfte Libyen gekommen und hat selbst die 1600 Dollar teure Schiffspassage auf einem Seelenverkäufer nach Italien heil überstanden. Mit dem Zug kam Khaled B. im Juli 2014 in München an. Endlich Deutschland, endlich Sicherheit.

Nun ist Khaled B. tot. Erstochen im vermeintlich sicheren Deutschland. Sein Freund Hani ist sich inzwischen "zu 99,9 Prozent sicher, dass er von Rechtsradikalen ermordet wurde".

Bisher ist unklar, wer den jungen Mann getötet hat. Es gibt keine Verdächtigen, keine heiße Spur, die Polizei ist nicht mal sicher, ob Khaled B. an dem Ort getötet wurde, an dem sich seine Leiche befand. Doch wer mit Khaled B.s Mitbewohnern spricht, wer Asylbewerber und Asylhelfer in Dresden trifft, hört keine Zweifel am Motiv des Täters.

1,5 Sozialarbeiter für 200 Flüchtlinge

Feindlich sei das Klima in Dresden, sagt Hani, besonders im Neubaugebiet an der Johannes-Paul-Thilmann-Straße. Es habe Bedrohungen gegeben, die Afrikaner seien angespuckt worden, man habe mit Flaschen geworfen, erzählen die Mitbewohner von Khaled B.

An der Tür zur Wohnung fanden sich eines Tages zwei Hakenkreuze, mit denen die Eritreer zunächst gar nichts anfangen konnten. Sie kannten die Symbole nicht. Die Arbeiterwohlfahrt, die die Männer betreute, berichtet von Tritten gegen die Tür. Hani sagt, dies sei häufiger vorgekommen. Auch ihre Fahrräder seien geklaut worden.

Auf mehr als 200 Flüchtlinge kommen nur 1,5 Sozialarbeiter. Die Sprachbarriere ist gewaltig. Die Eritreer sprechen Tigrinisch, kaum jemand kann sich mit ihnen verständigen. Mehr als 20 von ihnen saßen am Donnerstag in Khaleds Zimmer und diskutierten ihre Lage. Einige saßen auf Khaleds Bett. Drei Sperrholzschränke stehen im Raum, es gibt kaum persönliche Dinge. Auf dem Fensterbrett stehen zwei Plüschtiere des jungen Mannes: ein Bär und ein Fuchs.

Die Flüchtlinge haben Angst. Immer wieder fällt das deutsche Wort "Staatsanwalt". Die Afrikaner zweifeln an der korrekten Aufklärung des Todesfalls. Schließlich hatte die Polizei zunächst eine Fremdeinwirkung ausgeschlossen. Die Männer wollen weg von diesem Ort.

"Ich finde keine Worte dafür"

Der Tod von Khaled B. verunsichert nicht nur die Mitbewohner. "Wir haben im Moment keine schöne Zeit hier in Dresden", sagt Ali Moradi. "Wir", das sind Migranten, Asylbewerber und Moslems. Moradi, ein freundlicher Mann mit leichtem Akzent, hilft anderen Neuankömmlingen, sich in der Stadt und dem Behördendschungel zurechtzufinden. Er sagt: "Teilweise trauen sich Muslima nicht mehr Kopftuch zu tragen, sie bedecken ihr Haar lieber mit Wintermützen."

Moradi arbeitet beim Sächsischen Flüchtlingsrat und kennt die Sorgen vieler Dresdner ohne deutschen Pass. "Ich finde keine Worte dafür, wenn Zehntausende durch unsere Stadt ziehen und gegen den Islam, Asylbewerber und angebliche Überfremdung demonstrieren."

Montag ist Pegida-Tag in Dresden. So viel wissen Vater Essam R., seine Tochter Abrar, 11, und Sohn Assid, 12. Seit einigen Wochen fehlen die Kinder deshalb montags in der Schule - überhaupt gehen sie am Wochenanfang nicht mehr vor die Tür. Die Familie mit insgesamt fünf Kindern ist 2011 aus dem libyschen Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen. Mehr als drei Jahre wohnen sie in Dresden.

Assid, Essam und Abrar R.
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Assid, Essam und Abrar R.

So wie jetzt haben sie ihre Stadt noch nie erlebt: "Die Leute waren früher sehr nett, haben Türen aufgehalten und geholfen, wo es geht", sagt Essam. Und jetzt? "Die Augen sind kalt geworden", sagt Tochter Abrar. "Und die Herzen", schiebt der Vater nach. Inzwischen komme die Mutter immer wieder weinend nach Hause. Fremde stellten sich vor die Tram-Türen und ließen sie mit dem Kinderwagen nicht einsteigen. Sie geht nur noch auf die Straße, um die Kleinsten in die Kita zu bringen.

Ob es seit Pegida mehr Angriffe auf Ausländer gibt, ist nicht klar - neue Zahlen gibt es noch nicht. Vor den Montagsmärschen gab es in Sachsen zwischen Mitte 2012 und Ende 2014 57 rechte Straftaten gegen Asylunterkünfte.

"Angst geht um"

Familie R. aus Libyen will weg aus Dresden, Düsseldorf würde ihnen gefallen - spätestens seit Mittwoch: Der zwölfjährige Assid wartete auf seine Schwester in einem Einkaufszentrum, als ein Mann um die 60 zu ihm getreten sei und gedroht habe, ihn zu erschießen. Als Assids Schwester Abrar dazukam, habe der Alte gestikuliert, er werde das Mädchen mit ihrem Schal erdrosseln. Die Familie hat Anzeige erstattet.

Beide Kinder, die fließend Deutsch sprechen, verstehen die Welt nicht mehr. Auf den Bolzplatz direkt hinter dem kargen zehnstöckigen Plattenbau, in dem sie leben, geht Assid nicht mehr, sobald die Sonne sinkt. "Deutschland soll doch das Land der Freiheit sein", sagt der Vater. Auf den Klingelschildern steht "Müller" und "Weber" - im Block sind sie die einzigen Migranten.

Am anderen Ende der Stadt, in der hippen Dresdner Neustadt, berät Andrea Kugler Opfer rechter Gewalt. Auch sie sagt: "Die Stimmung ist gekippt. Angst geht um, vieles erinnert an die Neunziger." An den Wänden hängen Flipcharts, mit Edding sind darauf Strategien gegen Rechtsextremismus gekritzelt. Immer mehr Asylsuchende wenden sich an sie und wollen raus aus Sachsen. "Aber das ist fast unmöglich", sagt Kugler.

Sorgentelefon als Ventil für Rassismus

In Dresden leben nach Angaben der Caritas rund zwei Drittel der knapp 2000 Flüchtlinge in Wohnungen und nicht in Massenunterkünften. Wohngemeinschaften wie die des getöteten Eritreers Khaled B. werden von Sozialarbeitern der Wohlfahrtsverbände betreut. Um Ängste abzubauen, verteilt die Caritas unter den Nachbarn ihrer Schützlinge eine Telefonnummer für Beschwerden und Ängste. Die Sozialarbeiter können dann einschreiten, dolmetschen und vermitteln, bevor ein Konflikt eskaliert.

"Oft sind das kleine kulturelle Sachen wie Recycling bei den Mülltonnen im Hof", sagt Sozialarbeiter Karsten Dietze. Aber mindestens so oft wird die Sorgenhotline zum Ventil für den "richtig üblen Rassismus" der Anwohner: "Es ist schlimmer geworden."

Im Internet bricht sich dieser Rassismus ungefiltert Bahn: Unter Medienberichten über den Tod von Khaled B. und in sozialen Netzwerken pesten mutmaßliche Pegida-Anhänger gegen den Getöteten. "Wärst du halt in Eritrea geblieben", ist noch einer der sachlicheren Kommentare. Vieles grenzt an Volksverhetzung.

Woher kommt dieser Hass? Ali Moradi vom Flüchtlingsrat glaubt: Die Landesregierung trägt eine Mitverantwortung an der vergifteten Stimmung. Im Herbst berief Innenminister Markus Ulbig (CDU) eine Sonderkommission der Polizei ein - sie soll gegen kriminelle Asylbewerber ermitteln. Populismus wie dieser sei es, der Pegida den Boden bereite, glaubt Moradi.



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