Atheisten-Treffen: Unter Gottlosen

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Wäre Atheismus eine Konfession, wäre sie in Deutschland die zahlenstärkste. Doch die Nichtgläubigen waren bisher eine stille Mehrheit: Nur wenige äußerten sich öffentlich. Nun könnte sich das ändern - Atheisten fordern das Moral-Monopol der Religionen heraus.

Buskampagne 2009: Ende Mai mit dem Atheistenpreis "Sapio 2012" ausgezeichnet Zur Großansicht
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Buskampagne 2009: Ende Mai mit dem Atheistenpreis "Sapio 2012" ausgezeichnet

Ingrid Matthäus-Maier steht im Scheinwerferlicht, das Publikum im schummrig verdunkelten Saal vor ihr kann sie nur erahnen. Ihr Thema an diesem Tag ist die aktuelle, vom Konfessionslosenbund IBKA und der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) getragene Kampagne "GerDiA", kurz für "Gegen religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz".

Und gemeint ist natürlich die Diskriminierung durch Religionen: Die Kirchen seien der zweitgrößte Arbeitgeber des Landes, sagt sie. Und einer, der sich auf rechtsverletzende Weise ins Leben seiner Angestellten einmische. Die Liste der Vorwürfe ist lang, konkret und nachvollziehbar.

Sie sagt: Es sei nicht richtig, Tätigkeiten, die mit religiöser Verkündigung nichts zu tun hätten, an Konfession und kirchengerechtes Wohlverhalten zu binden. Dass die Kirchen für sich eine rechtliche Sonderstellung reklamierten. Dass sie Mitarbeiter feuern könnten, wenn die sich einen geschiedenen Partner suchten. Dass Lebensführung, sexuelle Orientierung oder ein abweichender Glaube Kündigungs- und Nichtanstellungsgründe sein könnten. Dass sogar im Krankenhaus beschäftigte Masseure, Schwestern oder "Putzfrauen mit einer 1,5-Stunden-Stelle" kirchlichen Normen genügen müssten. "Katholisch massieren?" fragt Matthäus-Maier, "katholisch putzen?"

An diesem Sonntag sitzt niemand im Publikum, der über so etwas nicht lachen oder sich aufregen könnte. Es ist der Abschlusstag der dreitägigen internationalen Konferenz "Die Atheistische Perspektive". Matthäus-Maiers Rede setzt das Thema für Aktionen der nächsten Monate. Und sie tut dies vor einem Publikum, das eines mit ihr gemein hat: Es ist "GOTTLOS GLÜCKLICH", wie einer der ehrenamtlichen Helfer per T-Shirt bekennt.

Es ist ein vergleichsweise neuer Trend, dass sich Atheisten öffentlich äußern und als organisierte Gruppierung darstellen. Gemeinhin nimmt man sie eher als eine Art Ungruppe wahr, die sich vor allem dadurch definiert, eben keiner Religion anzugehören.

Formell ist Religiosität Standard

Statistisch ist Deutschland noch immer christliches Abendland. Mehr als 50 Millionen Bürger gehören zumindest formell der einen oder anderen christlichen Kirche, Glaubensgemeinschaft oder Sekte an. Der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst (Remid) nennt allein 97 hiesige Glaubensgemeinschaften und -bündnisse christlich. Ihr Spektrum reicht von den zwei großen Kirchen, die in Deutschland erhebliche Privilegien genießen und denen jährlich je rund zehn Milliarden Euro zufließen, über seit Jahrzehnten etablierte Großsekten bis zu neueren Apokalypse-Kulten und fundamentalistischen Mini-Gemeinschaften.

In Deutschland gibt es laut Informationsdienst nicht einmal 37.000 organisierte "Konfessionslose und Atheisten, Humanisten und Freidenker". In der Liste der religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften stehen sie fast direkt vor den Freimaurern, Scientology und dem Deutschen Yoga Dachverband.

Solide Zahlen - aber kein realistisches Abbild der Verhältnisse. Das Gros der Kirchenmitglieder ist längst kirchenfern. Zugleich sind die wenigsten Agnostiker und Atheisten Mitglieder einer entsprechenden Organisation - sie sind "Nicht-Mitglieder", und nicht Mitglieder. Die meisten von ihnen sehen sich selbst schlicht als Nichtgläubig, die Sozialforschung nennt sie "religiös indifferent". Das Thema Glaube interessiert sie einfach nicht. Das macht sie noch nicht zur Gruppe.

Atheismus und Religion
Evolution und göttliche Schöpfung
AFP
Als Charles Darwin 1859 mit seinem Buch "Die Entstehung der Arten" ("On the Origin of Species") die Evolutionslehre begründete, revolutionierte er nicht nur die Naturforschung. Er versetzte auch den theistischen Religionen einen schweren Schlag: Trete die natürliche Auslese an die Stelle der göttlichen Schöpfung, so die Befürchtung von Kirchenvertretern, könnte sie Gott überflüssig machen.
Kreationismus
Der Kreationismus postuliert, dass das Universum, die Erde und das Leben tatsächlich so entstanden sind wie im Alten Testament beschrieben. Allerdings existieren im Kreationismus verschiedene Strömungen. Weniger radikale Vertreter glauben, dass das Buch Mose nur eine ungefähre Darstellung der Geschehnisse enthalte und nicht wörtlich zu nehmen sei - oder dass die im Alten Testament genannten sechs Tage in Wahrheit viel längere Abschnitte seien, die den in der Wissenschaft geläufigen geologischen Zeitaltern entsprechen. Die Anhänger des Junge-Erde-Kreationismus" " hingegen glauben, dass Gott die Erde und das Leben tatsächlich in sechsmal 24 Stunden erschaffen habe - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.
Intelligent Design
Fundamentalismus im Tarnkleid: Vertreter des Intelligent Design , einer pseudowissenschaftlichen Variante des Kreationismus, sprechen nicht von Gott, sondern von einer übernatürlichen Intelligenz hinter allen Dingen. Der Kreationismus wurde von seinen Anhängern in den USA vor allem aus juristischen Gründen in Intelligent Design umbenannt, da US-Gerichte mehrfach religiöse Lehren an staatlichen Schulen untersagt hatten. Unter dem neuen Etikett preisen Anhänger ihren Glauben als gleichwertige Theorie neben der Evolutionslehre. Dabei machen sie sich zunutze, dass der Begriff "Theorie" in der Umgangssprache eher die Bedeutung einer bloßen Vermutung hat. In der Wissenschaft aber verlangt eine Theorie nach Forschung, Beweisen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Das Hauptargument der Intelligent-Design-Anhänger gegen die Evolutionstheorie lautet, dass die heute existierenden Lebewesen zu komplex seien, als dass sie durch natürliche Auslese hätten entstehen können. Auch die sogenannte Kambrische Explosion vor rund 540 Millionen Jahren sei nur mit dem Eingriff eines höheren Wesens zu erklären. Damals kam es zu einem dramatischen Anstieg der Artenvielfalt innerhalb von nur 40 bis 50 Millionen Jahren.
Weltweite Verbreitung der Religion
Der Glaube an die göttliche Schöpfung ist weit verbreitet - wenn auch nicht so weit, wie manche Kreationisten gern behaupten. Im August 2006 haben US-Forscher im Fachblatt "Science" Umfragen der vergangenen 20 Jahre in den USA, Japan und 32 europäischen Staaten untersucht. Das Ergebnis: In Island, Dänemark, Schweden, Frankreich und Japan glauben jeweils weniger als 20 Prozent der Bevölkerung an eine göttliche Schöpfung. Deutschland lag auf Platz zehn mit einer Evolutionsakzeptanz von etwas über 70 Prozent. 22 Prozent glaubten an eine göttliche Schöpfung, der Rest war unsicher. Die USA landeten auf dem vorletzten Platz - vor der Türkei. Nur 40 Prozent glauben in den USA an die Evolutionstheorie, 39 Prozent an die biblische Schöpfung - mit einer Tendenz zugunsten der Religion.

Wie problematisch solche Umfragen aber sind, zeigen schon die vielen unterschiedlichen Erhebungen in den USA: Je nachdem, wie die Fragen gestellt wurden, rangierte der Anteil der Schöpfungsgläubigen grob zwischen 45 und 55 Prozent. Rund 30 bis 40 Prozent glaubten, dass eine Evolution zwar stattfinde, aber von Gott beeinflusst werde. Nur rund zehn Prozent der US-Bürger geben in den regelmäßigen Umfragen an, dass Gott überhaupt keine Rolle bei der Entwicklung des Lebens und der Menschen spielt.

Auch in Deutschland brachte eine Emnid-Erhebung von 2005 ein weniger erfreuliches Ergebnis als die "Science"-Studie: Jeder zweite Befragte gab an, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben erschaffen. Einen klaren Unterschied gab es zwischen den alten und neuen Bundesländern: Im Osten glauben demnach 35 Prozent, im Westen 54 Prozent an eine schöpferische Macht außerhalb der Naturgesetze. Bei einer Umfrage an der Uni Dortmund stellte sich 2007 heraus, dass sogar jeder achte Lehramtsstudienanfänger an der Evolution zweifelt.
Atheismus
Als Atheismus versteht man die Ablehnung Gottes, einer göttlichen Weltordnung oder auch nur des geltenden Gottesbegriffs. Atheismus ist jedoch nicht unbedingt gleichzusetzen mit Unglauben und zu unterscheiden vom Agnostizismus , der die Frage der Existenz Gottes offen lässt.
Einer der weltweit führenden Neuen Atheisten ist Richard Dawkins .
Fragt man dagegen engagierte Atheisten, sehen die sich sogar als große, gesellschaftlich relevante Kraft - größer als jeweils die katholische oder evangelische Kirche. Auch diese Sicht kann man statistisch begründen: Satte 53 Prozent aller Deutschen glauben laut der EU-Umfrage Eurobarometer nicht mehr an einen Gott. 27 Prozent aller Bürger lehnen ein göttliches oder spirituelles Wesen ganz für sich ab. Die Forschungsgruppe Weltanschauung in Deutschland zählt sogar 34,1 Prozent konfessionsfreie Deutsche. Wäre Atheismus eine Konfession, wäre sie also tatsächlich die größte des Landes.

Nichtgläubige haben keine Lobby

Angemessen repräsentiert ist diese Gruppe nirgendwo. Auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten werden von Kirchenvertretern mit gelenkt. Kein Gremium bis hin zum Deutschen Ethikrat, in dem die Religionen nicht erhebliches Gewicht hätten. Mit ihren moralischen und religionsspezifischen Vorstellungen definieren sie die Grundbedingungen für das gesellschaftliche und politische Leben mit.

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Orientierungen und Bekenntnisse

Die meisten Menschen werden in religiöse Gemeinschaften hineingeboren. Wo sehen Sie sich heute?

Und Atheisten? Sie sind nicht organisiert genug, um gewichtige Lobby zu sein. Die Zahl derjenigen, die mit ihrem Atheismus ein eigenes, humanistisches Wertesystem verbinden, ist zudem weit kleiner als die Zahl der einfach nur Nichtreligiösen. Aber sie wächst, und das liegt natürlich daran, dass sich Atheisten gerade erst bewusst werden, dass sie überhaupt eine Gruppe sind.

Es liegt an Bestsellerautoren wie Richard Dawkins, der sich gegen die aggressive Religiösität der fundamentalchristlichen Kreationisten mit nicht minder missionarischem Eifer stellt. Es liegt an Aktionen wie der atheistischen Buskampagne, die 2009 für Gesprächsstoff sorgte und am Wirken der Giordano-Bruno-Stiftung, die den Kirchen das selbstverliehene Moral-Monopol immer öfter streitig macht.

Die Stiftung und ihr Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon sind das Paradebeispiel für das neue atheistische Selbstbewusstsein. Es fußt nicht auf einer Verneinung von Religionen, sondern auf einem eigenen Wertekanon, den die Atheisten und Humanisten den Religiösen entgegenhalten: Sie propagieren eine kritisch-naturalistische Weltanschauung, die sie mit einem ethischen Auftrag zur Verbesserung des menschlichen Miteinanders verbinden. Sie verstehen das als diskriminierungsfreie, in alle Richtungen tolerante Alternative zur religiösen Moral. Sie gestehen den Religionen dabei allerdings keine Schutzräume und Privilegien zu, die diesen die Verletzung von Rechten und Menschenrechten erlauben würden. Deshalb zeigen sie häufig so klare Kante, dass sie antikirchlich oder antireligiös wirken.

Das aber, sagt Michael Schmidt-Salomon, stimme so nicht. Er persönlich könne mit Religionen, deren Inhalte mit den Naturgesetzen in Einklang zu bringen sind und die Anders- oder Nichtgläubige nicht diskriminieren, gut leben. Das ist ein cleverer, das Wesen vieler Religionen ironisch entlarvender Satz: Er beschreibt wohl keine der derzeit in Deutschland tätigen Religionsgemeinschaften.

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Trennung von Kirche und Staat

Kirchen bekommen nicht nur Kirchensteuer, sondern auch Zuwendungen aus dem normalen Steuervolumen, der Staat zahlt Priestergehälter. Sie genießen rechtliche Privilegien, nehmen als Lobby Einfluss auf das öffentliche Leben. Atheisten fordern eine striktere Trennung von Kirche und Staat. Wie finden Sie das?

Das ist der Biss der Ratio, wenn man so will - und der erschreckt so manchen: Der erste Bruch der Naturgesetze wäre ja schon die Existenz von Göttern. Für Religiöse ist die Verneinung des göttlichen Prinzips Blasphemie, und derjenige, der gegen Gott ist, mehr oder minder automatisch für den Teufel, wie Carsten Frerk scherzt, der Chefredakteur des Humanistischen Pressedienstes. Atheisten stehen im Verdacht, böse und unmoralisch zu sein.

In Köln erlebt man das Gegenteil. "Freunde", sagen die Redner, "my fellow atheists", "liebe Mit-Atheisten" - sie würden es vielleicht nicht gern hören, aber ihr Umgang ist von einer Herzlichkeit, wie man sie auch in eingeschworenen Glaubensgemeinschaften findet. Die Vorträge drehen sich um Missstände und Vorwürfe, aber auch um Mitgefühl, Menschlichkeit und Solidarität: Den Diskutanten geht es gerade um Moral, Toleranz, Menschenrechte.

Und um deren Gefährdung durch das "andere Lager": Wenn die "Skepchick"-Bloggerin Rebecca Watson von Anfeindungen durch ultrarechte Protestanten in den USA erzählt. Wenn der Nigerianer Leo Igwe klarmacht, dass es Länder gibt, in denen Nichtglaube noch immer ein Todesurteil bedeutet. Auch in Europa kann Atheismus zumindest den Job kosten, wie das dem Schweizer Valentin Abgottspon passierte, als er es wagte, in einem Klassenzimmer ein Kruzifix abzuhängen.

Genau das würde auch Ingrid Matthäus-Maier gern tun: das Kreuz abhängen. Kirche und Staat, Glaube und öffentliches Leben sauber voneinander trennen. Als Atheistin und Humanistin engagiert sie sich länger als in der Politik, seit 1966. Für sie hat sich in dieser langen Zeit zu wenig getan: Christliche Arbeitsgruppen, sagt sie im Gespräch am Rand der Tagung, gebe es selbst in der SPD "ganz selbstverständlich". Die von ihr mit angestoßene Anerkennung eines laizistischen Arbeitskreises wurde dagegen 2010 vom Parteivorstand verhindert.

Seit 46 Jahren reibt sich Matthäus-Maier daran, dass Nichtgläubige kaum, Religiöse aber zu viel Lobby besitzen. "Jetzt", sagt sie, "ist es schön zu sehen, wie viel sich bewegt."

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insgesamt 507 Beiträge
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1.
unimatrix 05.06.2012
Ich frage mich gerade als agnostischer Atheist, welcher Abstimmungspunkt für mich gilt? Habe ich was übersehen?
2. Schade, dass hier nicht die Pastafaris erwähnt wurden .. ;)
Gallandor 05.06.2012
Religionen sind die Geißel Menschheit. Wird Zeit, dass sich die Menschen geistig weiterentwickeln und diese "Altlasten" ablegen ..
3. Atheismus vs. organisierte Gläubigkeit
gerd2006 05.06.2012
Zwischen Atheismus und der Zugehörigkeit zur organisierten Gläubigkeit gibt es mehr, als SPON's Schulweisheit sich träumen lässt. Den meisten sog. "Atheisten" geht es darum, die sehr weltliche Macht der grossen Religionsgemeinschaften (Christentum und Islam vor allem) auf ein in säkularen Demokratien erträgliches Maß zu beschränken. Nicht "gottlose", sondern menschenwürdige Gesellschaften sind das Ziel, und das persönliche Weltbild, mit oder ohne Gottheiten, wird gerrn der Erkenntnisfähigkeit des Einzelnen überlassen.
4.
Pfeiffer mit drei F 05.06.2012
Im Grunde ist es ein Skandal, dass wir diesen Religionszirkus über Steuermittel (nicht nur aus der Kirchensteuer!) finanzieren. Da hilft eigentlich nur, den Kirchenbesitz zu verstaatlichen und den Klerus rauszuschmeissen.
5. Und morgen ...
MarioDeMonti 05.06.2012
Partei der Nichtwähler gegründet. Vorsitzender fordert 30 Prozent der Mandate im Bundestag.
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