Atheisten in London Kirche ohne Gott

Sieht aus wie ein Gottesdienst, hört sich aber ganz anders an: Bei der "Sonntagsversammlung" in London hören Atheisten in einer ehemaligen Kirche die Beatles und Bonnie Tyler. Predigten und moralische Botschaften gibt es auch hier - allerdings strikt weltlich.

AFP

London - Die Grundsätze klingen sehr nach Religion: "Häufig helfen, besser leben und sich mehr Gedanken machen." Der Zeitpunkt deutet ebenfalls auf Kirche hin: Sonntagmorgen. Dennoch ist das Publikum hier, in einer ehemaligen Kirche im Norden Londons, alles andere als christlich angehaucht. Gott wird nicht erwähnt, er kommt einfach nicht vor.

Die Menschen sind bei der "Sonntagsversammlung", einer Zusammenkunft von Menschen, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören, sich aber doch sonntagmorgens treffen wollen. Die atheistische Kirche Großbritanniens ist gerade einmal drei Monate alt, hat aber schon mehr Anhänger, als in die sonntäglichen Runden hineinpassen.

Die Idee zur Kirche ohne Gott hatten die Komiker Pippa Evans und Sanderson Jones. Die monatlichen Treffen verbinden Musik, Ansprachen und moralisches Sinnieren mit einem großen Schuss Humor. "Es gibt so vieles an der Kirche, das nichts mit Gott zu tun hat, man trifft Leute dort, man denkt darüber nach, wie man sein Leben verbessern kann", sagt Jones, 32.

Beispielsweise geht es um ehrenamtliche Arbeit. Gespielt wird "Help" von den Beatles und "Holding Out For A Hero" von Bonnie Tyler. Die Predigt hält der Gründer eines karitativen Bildungswerks, dann bringt Evans die Gemeinde zum Lachen, als sie über ihre Versuche berichtet, ehrenamtlich zu arbeiten. Das Treffen endet mit Applaus und einer Einladung zum Tee.

"Leute wollen einen Ort, wohin sie gehen und andere Leute treffen können"

Wie in vielen westlichen Ländern wenden sich auch in Großbritannien die Menschen zunehmend von den Kirchen ab. Während sich noch eine große Mehrheit als Christen bezeichnet, zeigten Zahlen der Volkszählung im Dezember einen Rückgang ihres Anteils von 72 Prozent im Jahr 2001 auf 59 Prozent zehn Jahre später. Der Anteil konfessionsloser Briten stieg in dem Zeitraum von 15 auf 25 Prozent.

Auf die Gemeinschaft, die Kirchengemeinden bieten, wollen viele aber nicht verzichten; das zeigt der Erfolg der Sonntagsversammlungen. Am jüngsten Treffen nahmen 400 Menschen in zwei Schichten teil, 60 weitere mussten weggeschickt werden. "In London kann man tagelang leben, ohne mit jemanden zu sprechen", sagt Evans. "Ich denke, die Leute wollen einen Ort, wohin sie gehen und andere Leute treffen können, ohne dass sie dort trinken müssen oder Eintritt bezahlen."

Die Idee macht Schule. Rund 200 Interessierte aus der ganzen Welt haben die Initiatoren der "Sunday Assembly" bereits um Rat beim Aufbau eigener Filialen gebeten. Laut Jones gibt es bereits Anfragen aus anderen britischen Orten sowie aus Kolumbien, Bali, Mexiko, Calgary, Den Haag, Wien und verschiedenen US-Bundesstaaten. Ende März startet in Glasgow die zweite "Sunday Assembly", im April will Evans eine australische Filiale ins Leben rufen.

Viele Elemente der Versammlungen sind aus der christlichen Kirche entlehnt. Deren Vertreter sehen die Entwicklung bisher gelassen. "Ihre einzige Sorge ist, was sie tun können, wenn wir größer werden", sagt Evans.

ulz/AFP

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