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Attentat von Toulouse: Frankreichs Dämonen

Von Kim Rahir, Paris

Ein Mann erschießt vor einer jüdischen Schule vier Menschen, zuvor tötet er drei Soldaten, die aus Nordafrika und der Karibik stammen. In Frankreich herrscht Angst vor einem Serientäter, der aus Hass tötet. Rassismus und Antisemitismus - Probleme, die lange unterschätzt wurden.

AP

Zunächst gab es noch so etwas wie Hoffnung: Die Anschläge, bei denen vergangene Woche drei Soldaten getötet worden waren, hätten nicht in Zusammenhang stehen müssen mit der Tat, die am Montagmorgen das Land schockierte. Vor Unterrichtsbeginn erschoss ein Mann drei Kinder und einen Lehrer vor einer jüdischen Schule in Toulouse. Doch es dauerte nicht lange, bis die Hoffnung grausamer Gewissheit wich. Eine der zwei an diesem Morgen verwendeten Waffen war auch bei den Anschlägen auf drei Fallschirmjäger in der vergangenen Woche verwendet worden. Die angegriffenen Soldaten stammten aus Nordafrika und der Karibik.

Am Montagabend rief Präsident Nicolas Sarkozy die höchste Terrorwarnstufe für den Großraum Toulouse aus. Alle jüdischen und muslimischen Einrichtungen werden nun besonders gesichert. Ein und derselbe Täter habe Soldaten, Schulkinder und den Lehrer getötet - aus rassistischen Motiven, so Sarkozy. "Es sind abscheuliche Taten, die nicht ungestraft bleiben dürfen." Der Präsident sprach von einer nationalen Tragödie.

"Jedes Mal wenn dieser Mann in Aktion tritt, handelt er, um zu töten. Er lässt seinen Opfern keine Chance", betonte Sarkozy. Ein antisemitisches Motiv sei wahrscheinlich, der Mann sei gefährlich und müsse schnellstens gefasst werden. "Diese schreckliche Tat kann nicht ungesühnt bleiben. Alle, wirklich alle verfügbaren Mittel werden eingesetzt werden, um diesen Kriminellen daran zu hindern, weiter Schaden anzurichten."

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Die französische Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen des Verdachts auf Terrorismus ein. Der Täter habe äußerst entschlossen gehandelt, sagte Staatsanwalt Michel Valet. "Alles weist darauf hin, dass es sich um rassistische und antisemitische Taten handelte", sagte der Bürgermeister von Toulouse, Pierre Cohen, dem Fernsehsender BFM-TV. Das Innenministerium bestätigte den Verdacht, zwischen den Taten bestehe ein Zusammenhang.

Antisemitismus in Frankreich

Die Attentate werfen Fragen auf, die in den vergangenen Jahren nach Auffassung von Kritikern in Frankreich eifrig unter den Teppich gekehrt wurden. "Der Kampf gegen den Rassismus wurde als naiv verspottet", sagt Dominique Sopo, Vorsitzender der Organisation SOS Racisme. "Aber wenn der Hass so weit geht, dass Kinder getötet werden, dann sollte es ein Erwachen in der Gesellschaft geben."

Tatsächlich ist es im Heimatland der Menschenrechte um das Zusammenleben der Kulturen und Konfessionen nicht immer zum Besten bestellt. "Der Antisemitismus ist zurück", hatte der Vorsitzende des Rates der jüdischen Institutionen (Crif), Richard Prasquier, schon Anfang 2009 gewarnt. Die Zahl der antisemitischen Übergriffe hatte innerhalb kürzester Zeit dramatisch zugenommen.

Noch heute wird in den Medien an den Fall des jungen Juden Ilan Halimi erinnert, der Anfang 2006 von einer Bande zu Tode gefoltert wurde, weil sie ihn in der Annahme entführt hatte, dass "Juden reich sind". Das Klischee vom reichen Juden halte gerade in Zeiten der Krise oft als Vorwand für antisemitische Übergriffe her, warnte Prasquier. Rund 500.000 Juden leben in Frankreich.

Schlechte Chancen für die Kinder der Einwanderer

Rund 6,5 Millionen Franzosen - elf Prozent der Bevölkerung - stammen nach Berechnungen des nationalen Statistikamts INSEE von Einwanderern ab. Ihre Eltern kamen größtenteils aus den Maghreb-Staaten oder dem südlichen Afrika nach Frankreich. "Diese Einwanderer fühlten sich noch als Ausländer, hatten einen niedrigen Bildungsstand und kamen mit der Hoffnung: Unseren Kindern wird es einmal besser gehen", erläutert Sopo von SOS Racisme, dessen Vater aus Togo stammt.

Die Kinder der ersten Einwanderergeneration sind französische Staatsbürger, sie haben eine Ausbildung, aber sie werden immer noch nicht behandelt wie normale Franzosen. Die direkten Nachkommen maghrebinischer Einwanderer hätten es deutlich schwerer, eine Arbeit zu finden, stellte eine INSEE-Studie 2010 fest. "Bei anscheinend gleichen Bedingungen haben die direkten Nachkommen maghrebinischer Einwanderer mehr Hindernisse zu überwinden, um eine Anstellung zu finden."

Eine bittere Pille für die Generation, die es einmal besser haben sollte als ihre Eltern. "Für diese Gruppe ist die fortgesetzte Diskriminierung unerträglich", sagt Sopo. Auf politischer Ebene werde dieses Thema behandelt wie eine heiße Kartoffel - zu groß sei die Sorge, der auf rund 15 Prozent geschätzten Wählerschaft der rechtsextremen und fremdenfeindlichen Partei Front National auf die Füße zu treten.

Kritik an mangelnder Integration fremder Volksgruppen

Dass der Staat nicht genug unternimmt, um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen, bemängelte bereits der Uno-Ausschuss gegen Rassendiskriminierung in einem Bericht aus dem Jahr 2010. Schon damals wurde ein Wiederaufleben von Rassismus und Fremdenhass in Frankreich festgestellt. Angesichts der Deportation von Roma und Sinti empfahl der Ausschuss außerdem, Angehörige fremder Volksgruppen "zu integrieren und nicht auszuweisen".

In Frankreich kenne die Politik nur zwei Reaktionen auf Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, sagt Sopo. "Die einen instrumentalisieren das und machen die Ausländer zum Sündenbock, die anderen tun nichts und gucken weg." Dadurch wird es für Vertreter rassistischer Thesen einfacher und ungefährlicher, das Wort zu ergreifen.

Der Vorsitzende des jüdischen Studentenverbandes, Jonathan Hayoun, sprach in einer ersten Reaktion auf die Taten von der "Befreiung rassistischer und antisemitischer Reden". Diese habe mittlerweile zu einem "Klima der Unsicherheit für die Juden in Frankreich geführt". Der Innenminister kündigte prompt eine weitere Verstärkung der Sicherheitsvorkehrungen rund um jüdische Einrichtungen an - bereits 2005 waren diese mit Zäunen, Barrieren und Videokameras ausgestattet worden.

Doch die Frage nach den Motiven des Täters und den gesellschaftlichen Zusammenhängen bleibt bestehen. Das Zusammenleben der Kulturen in Frankreich, fürchtet Sopo, wird durch den Überfall "auf eine harte Probe gestellt".

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1. Bei uns ist es auch nicht anders
ofelas 20.03.2012
Zitat von sysopAPEin Mann erschießt vor einer jüdischen Schule vier Menschen, zuvor tötet er drei Soldaten, die aus Nordafrika und der Karibik stammen. In Frankreich herrscht Angst vor einem Serientäter, der aus Hass tötet. Präsident Sarkozy spricht von Rassismus und Antisemitismus - Probleme, die lange unterschätzt wurden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,822394,00.html
..und was sollen wir in Deutschland dazu sagen!
2. Man sollte erstmal die Untersuchungen abwarten.
sonnenthau 20.03.2012
Und dann hoffen dass man die Täter schnell erwischt und wegsperrt - egal welche Beweggründe sie hatten - politisch motivierte sind womöglich noch verachtenswerter als "einfache" Morde. Allerdings denke ich nicht dass hier die Vokalben "mitfühlend", posttraumatisches Stresssymptom, Eheprobleme etc. fallen. Die Unterschiede sind schon beachtlich. Ich frage mich warum der Mord an afghanischen Zivilisten um so vieles anders bewertet wird, warum die Mörder dieser Menschen soviel Verständnis erhalten. Mörder sollten gleich behandelt werden und ihre Taten (Morde) gleich bewertet werden.
3. Der Druck im Kessel steigt.
buutzemann 20.03.2012
Zitat von sysopAPEin Mann erschießt vor einer jüdischen Schule vier Menschen, zuvor tötet er drei Soldaten, die aus Nordafrika und der Karibik stammen. In Frankreich herrscht Angst vor einem Serientäter, der aus Hass tötet. Präsident Sarkozy spricht von Rassismus und Antisemitismus - Probleme, die lange unterschätzt wurden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,822394,00.html
Weil die Ungerechtigkeiten unserer "Demokratien" immer stärker zu Tage treten. Weil das Volk zusehends verarmt, während wenige Reiche sich immer maßloser die Taschen vollstopfen und überhaupt keine Steuern mehr zahlen. Weil das Volk nach Sündenböcken sucht. Hatten wir alles schon mal. Wir haben immer noch nichts daraus gelernt. Transaktionssteuer für Zocker? Natürlich nicht, wo kämen wir denn da hin ...
4. Deutscher Journalismus
seine-et-marnais 20.03.2012
Zitat von sysopAPEin Mann erschießt vor einer jüdischen Schule vier Menschen, zuvor tötet er drei Soldaten, die aus Nordafrika und der Karibik stammen. In Frankreich herrscht Angst vor einem Serientäter, der aus Hass tötet. Präsident Sarkozy spricht von Rassismus und Antisemitismus - Probleme, die lange unterschätzt wurden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,822394,00.html
Mein Beileid gilt den Opfern dieser Attentate. Und ich finde die Art wie alle Kandidaten bei der Praesidentschaftswahl reagiert haben gut, bis zur Beisetzung der Opfer den Wahlkampf auszusetzen. Nun zu dem Artikel. Er setzt einfach falsche Akzente, es ist ein typisch deutscher Artikel. Niemand weiss wer der (die?) Taeter sind, aber hier ist alles klar. Wenn man schon vom Fall Halimi berichtet, dann bitte aber genau, denn Fofana war ein irrer Schwarzer mit einer Bande aus Bagneux zusammengesetzt weitgehend aus Mitgliedern mit Migrationshintergrund, wobei auch bei Fofana rassistische Motive mitspielten. Es muss auch gesagt werden dass ein Grossteil der antisemitischen Hetze aus 'muslimischen Kreisen' kommt, oder es hat sogar eine Partei bei Wahlen teilgenommen (Partei von Dieudonné) die eindeutig auch antisemitische Hetze betrieben hat und gewisse Wahlerfolge in Gebieten mit hohem Anteil an aus dem Maghreb zugewanderter Bevoelkerung im Raum Paris verbucht hat. Schlussfolgerungen soll man ziehen wenn man die Moerder gefunden hat. So stochert man nur im Unklaren, offiziell gibt es zwei Pisten, mehrere Verdaechtige (ex-Militaers) von der Rechtsaussen-Szene oder der Verdacht auf eine Zugehoerigkeit zu einer islamisch-terroristischen Szene. Aber in gutdeutscher Art wird hier pelemele alles durcheinandergmischt (Zuwanderung aus Schwarzafrika, Maghreb, Religionsprobleme, Arbeitslosigkeit, Probleme in der Banlieue) bis es politisch korrekt passt. Die Kandidaten halten sich alle zurueck bei einer eventuellen Schuldzuweisung, denn allen ist klar dass wenn es eine fehlerhafte Zuweisung gibt, dann die Wahl stark beeinflusst wird.
5.
Sherlock70 20.03.2012
Man muss sich wirklich wundern, wie in einem Land, das mal von den Nazis erobert und unterdrückt wurde, Neonazis überhaupt eine Cahnce haben. Aber spätestens seit Le Penn ist klar, daß auch den Franzosen jüngere Geschichte weniger wert ist, als irgendwelche 200 jährige Kamellen. Das kann einfach nur ein Problem der Schulen sein.
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