Ärger um Vegan-Koch Attila Hildmann PR ist das beste Rezept

Vegan-Koch Attila Hildmann hatte Beef mit einer Journalistin - wegen einer schlechten Kritik. Jetzt hat er eine Anzeige am Hals - und lud erst einmal Medienvertreter in seinen Imbiss ein. Ein Ortsbesuch.

Attila Hildmann, Ziege und Kalb
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Attila Hildmann, Ziege und Kalb

Von , Berlin


Attila Hildmann hat ein großes scharfes Messer in der Hand. Er steht vor seinem Imbiss in Berlin und klopft damit auf ein Klemmbrett. Auf einem Blatt Papier stehen die Ergebnisse einer Abstimmung, die nicht gut für ihn ausging.

Hildmann, der wohl bekannteste vegane Koch Deutschlands, soll gleich ein Steak essen.

Und das kam so: Die Journalistin Susanne Kippenberger vom Berliner "Tagesspiegel" ging kürzlich in seinem Imbiss in Charlottenburg essen. Sie schrieb eine Kritik, keine gute - die Süßkartoffel-Pommes seien klebrig, das Brötchen des Burgers labberig. Außerdem sei der Chef breitbeinig auf der Treppe vor seinem Laden gesessen, während die verschwitzten Mitarbeiter vors Nachbarhaus gezogen seien, um eine zu rauchen.

Attila Hildmann rastete daraufhin bei Facebook aus, nannte den Text einen "dreckigen Kackartikel". Der "Tagesspiegel" bekam Hausverbot, Hildmann drohte der Journalistin: "Ich freue mich, dass ich Sie nicht erkannt habe, sonst hätte ich Ihnen meine Pommes in Ihre Wannabe-Journalistinnen-Visage gestopft." Später postete er ein Bild von sich und einer Pumpgun.

Mittlerweile hat der Post ihm eine Anzeige wegen Bedrohung eingebracht. Einerseits. Auf der anderen Seite hat Hildmann auch erkannt, welche enorme Aufmerksamkeit ihm diese Geschichte bringt, also lud er zu einem Testessen in seinen Imbiss ein.

Seiner Einladung sind fast 30 Journalisten gefolgt. Radio, Fernsehen, Zeitungen - Vertreter aller möglichen Medien stehen jetzt vor seinem Laden und warten auf ihn.

Attila Hildmann mit Burger (am 23. Oktober)
DPA

Attila Hildmann mit Burger (am 23. Oktober)

Hildmann kommt heraus, er trägt eine Jogginghose, wie immer, dazu Adidas-Sneaker und ein Shirt mit dem Logo seines Energydrinks. Hildmann, seit 2009 im Geschäft, definierte gleichsam einen neuen Typus: den des veganen Prolls, des Matcha-Machos, der einen Porsche fährt und "Bitches lick my icecream balls" bei Facebook postete oder Bilder seines angespannten Bizeps.

Zugleich ist es Hildmann gelungen, den Veganismus aus der Reformhaus-Ecke zu holen. Als einer der Ersten schrieb er erfolgreiche vegane Kochbücher, darin verknüpfte er rein pflanzliche Ernährung mit Fitness. Seine Werke verkauften sich nach eigenen Angaben mehr als 1,6 Millionen mal. Er trat bereits in Fernsehshows auf, bei "Let's Dance" etwa oder "Schlag den Star".

SPIEGEL TV Reportage über Attila Hildmann (20.01.2016)

"Es geht heute um relativ viel", sagt er auf der Treppe vor seinem Imbiss. "Nämlich darum, ob ich ein Steak esse oder nicht."

"Das ist der einfache Mann, der hart arbeitet."

Dann quetschen sich die Medienvertreter in das kleine Lokal, gleich soll das Testessen losgehen. Wenn die Mehrheit der Journalisten sagt, dass sie dem veganen Burger einen mit Fleisch vorzieht, wird Hildmann ein Steak essen. Das hatte er so bei Facebook versprochen.

Doch bevor die Journalisten seinen Burger probieren müssen, will Hildmann noch was sagen. "Es ist ja viel herumgegeistert bezüglich einer Auseinandersetzung bezüglich eines Reviews", sagt er. Er wolle heute mal den Fokus auf die Frage legen, warum er das tue, was er tue.

Dann drückt ein Mitarbeiter einen Knopf und auf einem großen Fernseher beginnt ein Video. Bunte Zeichnungen flimmern über den Bildschirm, zum Beispiel die eines Fleischburgers. Daneben steht die Info, dass dafür so viel Wasser verbraucht werde, dass man mit der Menge hundert Tage duschen könne. Kurze Zeit später sieht man den Clip einer Rinderschlachtung, das Blut platscht auf den Boden.

Nach dem Film sagt Hildmann, er wolle heute erklären, warum er die Debatte über labbrige Pommes so emotional führe. Journalisten, die doch die Wahrheit berichten wollten, sollten einmal hinter die Kulissen und auf das Tierleid blicken.

"Mir geht es um ein Statement", sagt er. Seine Stimme bricht. Er muss sich eine Träne verdrücken.

Später wird er sagen, dass Videos über Tierleid ihn immer so aufwühlen.

Das Problem ist nur: In ihrer Restaurantkritik hatte die Journalistin den Veganismus an sich mit keiner Zeile kritisiert. Ihr hat das Essen nicht geschmeckt, das hat sie polemisch aufgeschrieben. Die Schweißneigung der Mitarbeiter in einem Artikel hervorzuheben, kann man respektlos finden.

Aber muss man deswegen Aufklärungsvideos zeigen? Wollte er einfach Lob dafür, dass er vegan kocht? "Nein", sagt Hildmann. "Aber sie hat den Laden komplett heruntergeredet, vor allem die Mitarbeiter. Das ist der einfache Mann, der hart arbeitet."

Die Medien würden ohnehin immer nur über die Pumpgun und den Porsche berichten, nie über die Sache. Die Sache, damit meint er das Tierleid, den Klimawandel. "Ich will die Welt mit Messer und Gabel verändern", sagt er. So ähnlich steht das auch an der Wand in seinem Imbiss. Und ein Bild des Porsches, auch das gehört zur Wahrheit, hatte er selbst bei Facebook gepostet.

"Wer möchte das Tier töten?"

Dann beißen die ersten Journalisten in den Veganator, wie der Burger mit Dinkelbrötchen und Kichererbsen-Patty heißt. Hildmann lässt Zettel verteilen, darauf steht das Datum und eine Bewertungsskala, es ist, als würde man ein Seminar an der Uni evaluieren.

Veganismus sei in den Medien nicht mehr so ein Thema, behauptet er in einem seiner vielen Interviews an diesem Tag. Kommt ihm dann der Skandal nicht gelegen? "Ich habe genug Aufmerksamkeit", sagt Hildmann. Er habe doch "Schlag den Star" gewonnen. Die Sendung lief im April.

Dann, endlich, will er bekannt geben, ob er nun ein Steak essen muss. Eine Frau, die gerade bei Facebook live ist, fragt ihre Zuschauer: "Ich weiß nicht, wie es euch geht. Aber ich bin nervös."

Hildmann tritt vor die versammelte Medienmannschaft. Den meisten habe der Burger geschmeckt. Doch die Mehrheit bevorzuge noch immer Fleisch. Also muss Hildmann ein Steak essen. Er nimmt sein Handy, telefoniert.

Dann fährt er den Porsche um, der auf dem Parkplatz vor dem Lokal steht. Er geht noch mal rein und kommt mit einem Messer wieder raus. Hildmann ist nun bereit für das große Finale, was er offenbar sorgsam vorbereitet hat. Ein Transporter mit Anhänger fährt vor, daraus dringt ein Blöken und Mähen.

Hildmann öffnet den Anhänger, darin: ein weißes Kalb und eine schwarze Ziege. "Ich habe gesagt, dass ich ein Steak esse, aber nicht, dass ich ein Tier umbringe", sagt Hildmann.

Er klopft mit dem Messer auf das Klemmbrett mit den Abstimmungsergebnissen, immer wieder. "Wer möchte das Tier töten?", fragt er. Dann noch mal: "Wer bringt es um? Wenn Fleischessen so harmlos ist, wer ist bereit, das Tier zu töten?"

Hildmann blickt in die Menge. "Das sind unschuldige Wesen, die keine Stimme haben und für einen Gaumenkitzel sterben müssen", sagt er. Dann blickt er auf das Kalb. Er schweigt kurz. "Danke für die Aufmerksamkeit." Er geht weg.

Zwei Minuten später kommt er zurück. Er hält seine Hand vor das Kalb, es schleckt daran, Hildmann lässt sich dabei fotografieren. Für die Sache.



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