"Bald wird er auch Katzen, Kinder und Kanarienvögel um sich scharen", sagt Matteo, der Römer, in der vorletzten Reihe, "ganz wie sein Namenspatron, der Heilige Franz von Assisi." Ein Hund ist schon da. Er führt einen blinden Radiojournalisten zum Papst bei dessen erster Audienz mit der Weltpresse.
Was lässt sich noch beobachten in dieser Halle im Vatikan, die sonst eher den tristen Charme eines Kongresszentrums versprüht? Was für ein Genuss es ist, endlich wieder einer freien Rede zu lauschen, wie kraftvoll spontaner Jubel sein kann und dass sich hier gerade ein Epochenwechsel andeutet - die neue Fröhlichkeit des "Papa Francesco".
Matteo ist begeistert, erleichtert auch, dass seine Kirche wieder ein Oberhaupt hat und die Ära von Benedikt XVI. beendet ist. "Heiliger Geist hin oder her", sagt er, "ich glaube, sie haben den Richtigen aus ihren Reihen zum Papst gewählt."
Der neue Papst trägt eine schlichte weiße Soutane, seine Brille sieht aus wie von Fielmann. Er sitzt auf einem Stuhl in der Mitte der Bühne, die Arme entspannt auf den Stuhllehnen. Er lässt sein Manuskript sinken, er schaut in die Menge. Das tut er oft. Er scheint nach den Gesichtern hinter den iPads, Smartphones und Kameras zu suchen, die sich ihm entgegenrecken. Dieser Argentinier beherrscht die direkte Ansprache der Jesuiten.
"Vergiss die Armen nicht"
Der neue Papst sagt: "Ich möchte euch eine Geschichte erzählen." Was für ein Satz, findet Matteo. Er muss an seinen Großvater denken, sagt er, an Familie Trueba in Isabel Allendes "Geisterhaus" und den magischen Realismus der Lateinamerikaner. Sei's drum. Erzählen kann Franziskus, selbst Fotografen und Kinder lauschen gebannt. Der Privatsekretär des zurückgetretenen Papstes, Pater Georg Gänswein, sitzt neben ihm, mit ernstem Gesicht.
Die Geschichte des Papstes handelt davon, wie er seinen Namen fand. Dann nämlich, als er am Mittwoch mit 114 Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle saß, unter Michelangelos "Jüngstem Gericht". Sie hatten schon ein paar Wahlgänge hinter sich, und immer öfter wurde ein Stimmzettel auseinander gefaltet und sein Name verkündet.
"La cosa", sagt der Papst in der Audienzhalle und spricht das Wort sehr spanisch aus, "die Sache wurde jetzt sehr gefährlich für mich." Die Zweidrittelmehrheit von 77 Stimmen war erreicht, und dann "war der Papst gewählt", sagt der Papst und schmunzelt. Sein Freund, der Erzbischof von São Paolo, habe ihn umarmt und ihm zugeflüstert: "Vergiss die Armen nicht." "Das blieb mir im Herzen", sagt der Papst. Er habe an den Heiligen Franz gedacht, "diesen Mann des Friedens", und an die "Kriege auf dieser Welt" und sofort entschieden: So wolle er heißen.
Mit Ironie begrüßt er die über 6000 Journalisten im Saal, die in den vergangenen Wochen vergeblich Papa-Toto, Papst-Raten, gespielt hatten und alle daneben lagen. "Ihr habt viel gearbeitet, eh!" Dann macht er noch ein paar Witzchen über Namensvorschläge. Dass er sich nach Reformpapst Hadrian hätte nennen können oder nach Papst Clemens, als Rache für dessen Verbot des Jesuitenordens. Dann schließt er mit einem denkwürdigen Satz: "Ach", seufzt er, "was wünsche ich mir eine arme Kirche, die für die Armen da ist."
Ein großes Versprechen
Erst drei Tage ist es her, da standen Zehntausende auf dem Petersplatz und fragten sich: "Ma chi è?" Wer um Himmels Willen ist dieser Mann, der erst um ein Gebet für sich und die Kirche bittet, bevor er den Segen an alle erteilt. Der für minutenlanges Schweigen sorgt und die Herzen bewegt. Kurz darauf krachte das Netz zusammen, weil ihn Tausende auf ihren Handys googelten.
In den Tagen darauf inszenierte der Vatikan seine neue Bescheidenheit. Die Sätze von Papstsprecher Padre Lombardi und die Fotos, die freigegeben wurden, halfen dabei: ein Papst der einen Aidskranken küsst, der Bus fährt, seine Hotelrechnung selber bezahlt. Der angeblich seinen Zeremonienmeister erröten lässt, wenn er sagt: Ich trage diese hermelinbesetzte Stola nicht, trag du sie doch. Der am Abend seiner Wahl, so heißt es, allein und inkognito durch die Gassen um den Vatikan spaziert ist.
Der Römer Matteo lächelt. Er mag es, dass der Papst am Ende der Audienz auch die Nichtgläubigen und Nichtkatholiken segnet, alle seien "Kinder Gottes". Und er will die Fortsetzung der Papstgeschichte hören, über eine Kirche, die dem Reichtum entsagt, verkündet im prunkvollen Vatikan, "welch großes Versprechen".
Er sagt, der Papst erzählt eine Geschichte, jetzt soll er erst mal selbst Geschichte machen, "e poi si vede", und dann werde man sehen.
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