Gestoppte Forschung zu Missbrauch: Justizministerium verlangt Aufklärung
Der Missbrauchsskandal hat die katholische Kirche in den Grundfesten erschüttert. Doch ein Forschungsprojekt in Deutschland ist jetzt gescheitert - angeblich an Kontrollwünschen des Klerus. Die Bundesjustizministerin fordert den Chef der Deutschen Bischöfe auf, die Vorwürfe zu klären.
München - Das Forschungsprojekt zur Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche ist vorläufig gestoppt - und Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger verlangt darüber Aufklärung vom Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch. "Der Vorwurf, Zensur und Kontrollwünsche behinderten eine unabhängige Aufarbeitung, sollte durch den Vorsitzenden der Bischofskonferenz schnell aus der Welt geschafft werden", sagte die FDP-Politikerin der "Süddeutschen Zeitung".
Zugleich forderte sie die Kirche zur fundierten Aufarbeitung des Missbrauchsskandals auf: "Es ist ein notwendiger und überfälliger Schritt, dass sich die katholische Kirche öffnet und erstmals kirchenfremden Fachleuten Zugang zu den Kirchenarchiven ermöglicht", sagte sie. "Die dramatischen Erschütterungen des Jahres 2010 dürfen nicht in einer halbherzigen Aufarbeitung versickern."
Die Kirche hatte die Zusammenarbeit mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) beendet und dies mit einem zerrütteten Vertrauensverhältnis begründet. Vertrauen sei "für ein so umfangreiches und sensibles Projekt unverzichtbar", sagte der Trierer Bischof und Missbrauchsbeauftragte Stephan Ackermann. Die Deutsche Bischofskonferenz sei aber weiter von der Notwendigkeit der Aufarbeitung überzeugt und werde in den kommenden Wochen Gespräche mit potentiellen neuen Partnern führen.
Leutheusser-Schnarrenberger verteidigte das Institut. Das KFN sei "eine der ersten Adressen, um eine unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung auf Grundlage der Personalakten seit 1945 vorzunehmen". Nach Darstellung des Instituts wollte die Kirche die Veröffentlichung von Ergebnissen nach Widerstand aus einzelnen Diözesen nachträglich reglementieren, obwohl alle Bistümer dem Projekt zum Start zugestimmt hätten. Das KFN sei nicht bereit gewesen, sich einer Zensur zu beugen, sagte Institutsleiter Christian Pfeiffer. "Wir haben für dieses Projekt gekämpft wie für kein anderes." Gegenwind sei vor allem aus den Diözesen München/Freising und Regensburg gekommen.
Pfeiffer will nun eine eigene Untersuchung zu kirchlichem Missbrauch erstellen. Er rief alle kirchlichen Missbrauchsopfer auf, für eine anonyme Befragung mit dem Forschungsinstitut Kontakt aufzunehmen. Nachdem das KFN bereits für eine andere Studie 500 Opfer von Missbrauch durch unterschiedliche Täter untersucht habe, sollten diese Ergebnisse nun mit denen von 500 Opfern kirchlichen Missbrauchs verglichen werden.
Im Jahr 2010 war bekannt geworden, dass in katholischen Einrichtungen jahrzehntelang Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden waren. Der Skandal hatte die Kirche tief erschüttert. 2011 wurde das KFN damit beauftragt, die Übergriffe wissenschaftlich zu untersuchen.
ulz/dpa/dapd
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