#Aufschrei auf Twitter: "Männer nehmen den alltäglichen Sexismus gar nicht wahr"

Die Debatte über Rainer Brüderles Verhalten gegenüber einer Journalistin gab den Anstoß: Junge Frauen richteten zur Sexismus-Debatte bei Twitter das Hashtag #Aufschrei ein. Das löste eine Lawine von Tweets aus. Zu Recht, sagen die Erfinderinnen im Interview.

Der #Aufschrei über alltäglichen Sexismus wurde auf Twitter laut Zur Großansicht
Corbis

Der #Aufschrei über alltäglichen Sexismus wurde auf Twitter laut

Hamburg - Auf Twitter tobt zurzeit der #Aufschrei vieler Frauen über den alltäglichen Sexismus. Angestoßen wurde die Aufschrei-Diskussion von zwei Nutzerinnen. Am Donnerstagabend hatte Nicole von Horst (@vonhorst) angefangen, sexistische Erlebnisse zu twittern. Anne Wizorek (@marthadear) stieg ein, schlug das Hashtag #Aufschrei vor, seitdem sprudeln die Berichte Tausender weiblicher Twitterer über ihre Erfahrungen. Wir haben Anne Wizorek (31), nach eigenen Angaben "Nerdette mit Wohnsitz Internet und Berlin" und freie Beraterin für digitale Strategien und Online-Kommunikation, Nicole von Horst (25), und Kathy Meßmer (29), die den #Aufschrei als @totalreflexion früh zu ihrer Sache machte, gefragt, was es mit dem Twitter-Aufstand auf sich hat.

SPIEGEL ONLINE: Auf Twitter gibt es unter dem Hashtag #Aufschrei einen Aufstand vieler Frauen über alltäglichen Sexismus. Wir haben das Jahr 2013 - muss das überhaupt noch sein?

Anne Wizorek: Man sieht ja das Redebedürfnis der Frauen auf Twitter. Alltagssexismus ist in vollem Gange. Leider wird das Thema noch immer unter den Teppich gekehrt oder als nicht besprechenswert empfunden. Das belastet viele Frauen. Klar müssen wir darüber reden und zwar nachhaltig.

Nicole von Horst: Natürlich muss ein Aufschrei gegen Sexismus und Übergriffe 2013 noch sein, weil das auch 2013 Alltag für die Mehrheit der Frauen ist. Wie man an den Reaktionen der meisten Männer sieht, ist das nicht in deren Bewusstsein, weil sie nicht davon betroffen sind. Der Aufschrei ist notwendig, um mit der Scham umgehen zu können, die diese Übergriffe verursachen, einander zu zeigen, dass man nicht allein damit ist, und dass das, was man für Normalität hielt, Sexismus ist.

SPIEGEL ONLINE: Das Hashtag #Aufschrei stammt von Ihnen. Haben Sie die Tausenden Reaktionen auf Twitter erwartet?

Nicole von Horst: Das Hashtag, das unseren nächtlichen Tweets eine Überschrift gab, hat sich entwickelt und verselbständigt. Es war keine geplante Aktion. Umso mehr bin ich von den Reaktionen und Geschichten beeindruckt und überwältigt. Gestern las ich den Text von @ruhepuls über ihre Angst vor Sexismus, Street Harassment und Gewalt in Berlin. Ich ärgerte mich, dass ihre Glaubwürdigkeit angezweifelt wurde. Ich habe über eigene Erfahrungen nachgedacht, bei denen die Sorge um Glaubwürdigkeit es mir nicht möglich gemacht hat, sie ohne Scham zu erzählen. Dann twitterte ich, woran ich mich erinnerte, andere machten mit, führten das fort. So wurde aus meinen Tweets eine gemeinsame Sache, ein kollektives Teilen. Das soll weitergehen.

Anne Wizorek brachte die #Aufschrei-Diskussion bei Twitter ins Rollen Zur Großansicht

Anne Wizorek brachte die #Aufschrei-Diskussion bei Twitter ins Rollen

Anne Wizorek: Auf unseren Blogpost von @ruhepuls gab es viele positive Reaktionen: Dass es eben nicht normal ist, Sexismus hinnehmen zu müssen. Deswegen müssen wir etwas ändern. Nicht Frauen sollen sich anpassen, sich nicht auf bestimmte Kleidung beschränken oder zu bestimmten Uhrzeiten nicht mehr vor die Tür gehen. Die Verantwortung liegt hier vor allem auf männlicher Seite: Es ist eine Mischung aus Machtspiel und der Tatsache, dass viele gar nicht wissen, was kleine, blöde Bemerkungen anrichten können. Die Tweets von @vonhorst zu unserem Blogpost sollten nicht einfach so verpuffen, also haben wir sie unter dem Hashtag #Aufschrei gesammelt - ähnlich dem #shoutingback in Großbritannien. Ich hatte mir schon immer gewünscht, dass es so etwas auch für den deutschen
Twitter-#Aufschrei über Sexismus im Alltag

Sprachraum gibt. Dieses Gefühl der Gemeinschaft bei Twitter hilft sicher vielen.

Kathy Meßmer: Für mich waren die Auslöser die Artikel von Annett Meiritz und Laura Himmelreich über Sexismus im Verhältnis von Journalisten und Politikern. Ich habe bei der SPD gearbeitet. Eine meiner ersten Erfahrungen im politischen Berlin war, dass mir ein Journalist sagte: "Wir checken dich jetzt ab. Du bist jetzt Frischfleisch." In einer Gruppe von zehn Männern fühlt man sich dabei wie auf dem Viehmarkt.

SPIEGEL ONLINE: Frauen berichten in 140 Zeichen über die Anzüglichkeiten ihrer Chefs, Anmachversuche in der U-Bahn oder gar sexuelle Übergriffe. Welche Tweets haben Sie bisher am meisten bewegt?

Anne Wizorek: Die bewegen mich alle, auch wenn sie unterschiedlich schlimme Erlebnisse schildern. Was sehr deutlich wurde, ist, dass viele schon in sehr jungen Jahren in ihrem Selbstvertrauen erschüttert werden. Wenn etwa Lehrer sexistische Bemerkungen machen wie "Mädchen sind zu doof für Mathe".

Nicole von Horst: Viele Tweets erzählen ähnliche Erfahrungen, von alltäglichen Unsicherheiten hin zu Vergewaltigungen und sexualisierter Gewalt im öffentlichen Raum. Berührt hat mich, dass eine Twitterin schrieb, sie habe durch unsere Tweets nicht mehr das Gefühl mit ihren Erlebnissen allein zu sein.

Kathy Meßmer: Am meisten hat mich ein Tweet von @frequenzen berührt, die darüber twitterte, dass ein Mann sie erst vergewaltigt und dann getröstet hat. Das ist hart. Ich für meinen Teil kann nur den Alltagssexismus twittern, aber nicht über die wirklich schlimmen Dinge, die mir passiert sind.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich denn Ihrer Meinung nach ändern, damit kein #Aufschrei mehr nötig ist?

Kathy Meßmer: Bitte keine Herrenwitze mehr - und auch nicht darüber lachen. Das sind kleine Anfänge. Am wichtigsten finde ich, dass man Frauen, wenn sie über Sexismus berichten, ernst nimmt, zuhört, ihre Aussage nicht abwertet, nicht die Belästigung verteidigt, den Vorfall nicht abschwächt.

Nicole von Horst: Damit kein #Aufschrei mehr nötig ist, muss sich unsere Kultur von einer Rape Culture hin zu einer Consent Culture entwickeln. Konkret geht es darum, die strafrechtliche Verfolgung von sexueller Gewalt zu verbessern und den Paragrafen § 177 StGB zu sexueller Nötigung und Vergewaltigung so zu ändern, dass nicht mehr "Gewalt" nachgewiesen werden muss, um Sexualverkehr gegen den Willen einer Person als Vergewaltigung zu ahnden.

Anne Wizorek: Wir brauchen eine Mischung aus Politik, die stärker Verantwortung übernimmt, und generellen Änderungen in der Gesellschaft. Die Frauenquote etwa wäre eine Möglichkeit, die Arbeitsbedingungen von Frauen zu verbessern. Es macht doch einen Unterschied, ob ich mich im Fall sexueller Belästigung an meine Chefin wenden kann oder mit dem Chef reden muss. Das Old-Boys-Network muss aufgebrochen werden. Gesellschaftlich müssen wir Menschen dafür sensibilisieren, dass Frauen etwa nicht einfach angesprochen werden wollen, bloß weil sie draußen herumlaufen. Es gibt keine "Berechtigung", übergriffig zu werden. Deswegen sind Berichte darüber so wichtig, die das ganze Bild zeigen. Männer gehen sonst durch ihre eigene Welt und nehmen den alltäglichen Sexismus gar nicht wahr. Die meisten Männer sind ja jetzt geschockt von unserem #Aufschrei.

Die Fragen stellte Vera Kämper

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 257 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
fussball11 25.01.2013
Als wenn Frauen ihren alltäglichen Sexismus wahrnehmen würden.
2. Ja
Smartpatrol 25.01.2013
Zitat von fussball11Als wenn Frauen ihren alltäglichen Sexismus wahrnehmen würden.
Das mag sein, allerdings rechtfertigt die eine Verfehlung wohl kaum die andere und Bagatellisierung von männlichem Sexismus gegenüber Frauen bringt uns wohl nicht so direkt weiter, oder?
3. und wir Männer.......????
docspecht 25.01.2013
Wer schützt uns Chefs vor der Lust der Frauen? Lange bin ich Hahn im Korb einer 35 Frau starken Truppe in der Modebranche gewesen.Was soll ich machen wenn meine Messeplanerin ein Nebenzimmer mit offener Durchgangstür bucht.....dann lange in der Hotelbar den Champus mit den Mädels und uns 3 Kerlen trinkt und dann später "aus Versehen" die Verbindungstür beim Weg aus dem Bad verwechselt? Schön das das schon 15 Jahre her ist. Heute würde ich wohl dafür gerichtlich belangt.
4. Dschungelcamp
Oachkatzlschwoaf 25.01.2013
Zitat von sysopDie Debatte über Rainer Brüderles Verhalten gegenüber einer Journalistin gab den Anstoß: Junge Frauen richteten zur Sexismus-Debatte bei Twitter das Hashtag #Aufschrei ein. Das löste eine Lawine von Tweets aus. Zu Recht, sagen die Erfinderinnen im Interview. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/aufschrei-interview-zur-sexismus-debatte-auf-twitter-a-879729.html
Ich vermisse die Beiträge der Dschungelbuchhasser (wie kann SPON über so einen Mist beitragen.... etc. - siehe seitenlange entsetzter Kulturfreaks). Dieses Quatsch geht mir viel mehr auf den Senkel. Will man den durchgeknallten Brüderle ans Bein pinkeln oder geht's hier um Klickzahlen? SPON ist nicht viel besser als diese Stern-Tussi.
5. Tweets
karamzin 25.01.2013
Die meisten Tweets zu dem Thema gehen inhaltlich in eine andere Richtung, wird hier leider nicht erwähnt. Die Süddeutsche hat zu den Tweets einen etwas objektiveren Beitrag geschrieben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Sexismus-Debatte
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 257 Kommentare