Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Aufstände in Nordafrika: Zorn der armen Jugend

Von

Kein Job, kaum Geld, keine Zukunft - die Perspektivlosigkeit der Jugend zählt auch im taumelnden Libyen zu den größten Problemen. Weltweit ist die Not der Jungen ein gigantisches Problem, warnt Unicef in einem Report. Die Lage dürfte sich weiter verschärfen, neue Aufstände drohen.

Unicef-Report: Jugendliche ohne Perspektive Fotos
AFP

Hamburg - Die Wut ist grenzenlos. In Tunesien und Ägypten hat die Bevölkerung ihre Despoten schon aus dem Amt gejagt, seit Tagen gehen die Menschen nun in Libyen auf die Straße, um Muammar al-Gaddafi zu stürzen, den am längsten herrschenden Diktator der arabischen Welt. Der antwortet mit brutaler Gewalt, doch die Proteste gehen weiter - befeuert von einer zornigen Jugend, die in Libyen für ihre Chance auf ein freies Leben und eine bessere Zukunft kämpft.

Hoffnungslosigkeit und fehlende Perspektiven - darunter leiden die Jugendlichen in Gaddafis Reich ebenso wie in anderen Schwellen- und Entwicklungsländern. Das dokumentiert der Unicef-Jahresbericht 2011. Rund 81 Millionen Jugendliche sind demnach weltweit arbeitslos. Doch in keiner Weltregion sieht es so schlecht aus wie in den nordafrikanischen Maghrebstaaten, zu denen unter anderem Tunesien, Marokko, Algerien und in Teilen Libyen zählen. Fast ein Viertel aller Heranwachsenden dort hat keinen Job.

"Die Menschen spüren, dass sie keine Chancen haben", sagt Rudi Tarneden von Unicef Deutschland. Die Dynamik der Aufstände in Nordafrika hänge sicherlich mit dieser Frustration zusammen. Und im kommenden Jahrzehnt könnte sich die Situation weltweit noch verschärfen, fürchtet Unicef. Zwar gebe es Fortschritte bei der Grundbildung von Kindern, doch gerade junge Menschen im Übergang ins Erwachsenenalter stünden vor enormen Problemen.

Mehr als eine Milliarde Jugendliche zwischen zehn und 19 Jahren leben in Entwicklungsländern, das sind 90 Prozent der jungen Menschen weltweit - ein gewaltiges Unruhepotential. "Regierungen und Entwicklungsprogramme müssen die Unzufriedenheit der Jugend, wie aktuell in Nordafrika, ernst nehmen", fordert Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland.

Selbstverbrennung als Fanal

Selbst mit vergleichsweise guter Ausbildung finden viele junge Menschen in den Maghrebstaaten nur schwer Arbeit. Der Tunesier Mohammed Buazizis musste sich trotz Abitur mit dem Verkauf von Obst über Wasser halten, seine Selbstverbrennung im vergangenen Dezember wurde zum Fanal für den Volksaufstand. Die Bürger deuteten den Tod des 26-Jährigen als Protest gegen die Jugendarbeitslosigkeit; und obwohl die wirklichen Umstände der Verzweiflungstat unklar blieben, steht fest: Sie weckte den Zorn der Bevölkerung, die den Despoten Ben Ali wenige Wochen später aus dem Amt trieb. Auch in Ägypten, wo Diktator Mubarak am 11. Februar aufgab, zählt die hohe Arbeitslosigkeit junger Menschen zu den größten Problemen.

Neben der Arbeitslosigkeit prangert Unicef vor allem die schlechte Bildung an: Weltweit können demnach rund 71 Millionen Jugendliche nach der Grundschule nicht weiter zur Schule gehen. In einem immer härter werdenden Wettbewerb bleiben so kaum Chancen auf eine ordentliche Arbeitsstelle. Weibliche Teenager stehen laut Unicef besonders schlecht da: Sie sind schlechter ernährt und besuchen seltener eine weiterführende Schule als Jungen. Jedes dritte Mädchen in Entwicklungsländern heiratet noch vor seinem 18. Geburtstag.

Wer als Teenager im Armutskreislauf steckt, findet später nur selten heraus. So entscheidet sich meistens schon in der frühen Phase des Lebens, ob Armut und Perspektivlosigkeit auf die nächste Generation vererbt werden. Unicef fordert daher gezielte Investitionen in Jugendliche:

  • Bildungsangebote müssen verbessert werden - etwa über die Ausdehnung der Schulpflicht auf weiterführende Schulen. Zudem sollten Regierungen Schulgebühren abschaffen und in die Förderung von Mädchen sowie die Ausbildung von Lehrern investieren.
  • Jugendliche müssen besser beteiligt werden - zum Beispiel durch Jugendparlamente und Onlineforen.
  • Rechte von Jugendlichen müssen stärker abgesichert werden - in Entwicklungsprogrammen und Gesetzen.
  • Kinder und Jugendliche aus den ärmsten Bevölkerungsschichten müssen unterstützt werden - durch besondere Schutz- und Förderprogramme.

Sollte sich die desolate Lage in Schwellen- und Entwicklungsländern nicht bessern, drohen weltweit weitere Aufstände. In Tunesien und Ägypten haben die Menschen mit dem Sturz der Despoten einen Schritt in Richtung Freiheit geschafft. Doch ob sich die Situation der jungen Menschen wirklich bessert, ob die hohe Arbeitslosigkeit verringert werden kann, muss sich nach den chaotischen Umstürzen erst noch zeigen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 118 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. glück
zynik 25.02.2011
Zitat von sysopKein Job, kaum Geld, keine Zukunft - die Perspektivlosigkeit der Jugend zählt auch im taumelnden Libyen zu den größten Problemen. Weltweit ist die Not der Jungen ein gigantisches Problem, warnt Unicef in einem neuen Report. Die Lage dürfte sich weiter verschärfen, neue Aufstände drohen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,747609,00.html
Haben wir ja Glück, dass es der Jugend in Europa von Griechenland über Deutschland bis Irland blendend geht und die jungen Leute vor Zuversicht nur so strotzen.
2. selbstauferlegter Konsumzwang
PeteLustig, 25.02.2011
Zitat von sysopKein Job, kaum Geld, keine Zukunft - die Perspektivlosigkeit der Jugend zählt auch im taumelnden Libyen zu den größten Problemen. Weltweit ist die Not der Jungen ein gigantisches Problem, warnt Unicef in einem neuen Report. Die Lage dürfte sich weiter verschärfen, neue Aufstände drohen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,747609,00.html
Gründe? Den Großeltern reichte das Dach über dem Kopf, die Kleidung auf dem Leib und alle satt zu bekommen - wozu die rudimentäre Wirtschaftsleistung z.B. in Ägypten vielleicht gerade noch im Stande war. Der Jugend befriedigt das nicht mehr, sie strebt nach Konsum, Luxus und Status. Man muss sich die Bilder der Ägypten/Tunesien/Libyen-Proteste genau ansehen: Die Jugendlichen laufen teils mit Designer-Jeans, schicken Gürteln und RB-Sonnenbrillen umher und ballen die Faust. Das alles übrigens lässt keinen Unterschied zur Deutschen Generation "hopeless" erkennen: Schulschwänzer->schlechter Abschluss oder Abbruch->Bewerbungsgesprächuntauglich->arbeitslos->nicht selten kriminell, denn Hartz reicht nicht für das iPhone oder den BMW.
3. Auch in Europa,
albertusseba 25.02.2011
z.B. in Spanien, Portugal, Italien haben wir eine r e a l e Arbeitslosenquote von bis zu 50 Prozent unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, in Frankreich bis zu 20 Prozent, in den osteuropäischen Ländern teilweise über 50 Prozent und bei uns sind viele junge gut ausgebildete Menschen auch nur in befristeten und schlecht oder gar nicht bezahlten Arbeitsverhältnissen. Also, nur mit der besseren Ausbildung ist das Problem offenkundig nicht zu lösen. Und wenn nun noch ein paar Milliönchen junger Menschen aus Nordafrika zusätzlich auf den Arbeitsmarkt in Europa drängen, ja was dann?? Die politisch Verantwortlichen taumeln jedenfalls nur planlos und haltlos durch die Gegend.
4. Keine Perspektive
clh 25.02.2011
Zitat von sysopKein Job, kaum Geld, keine Zukunft - die Perspektivlosigkeit der Jugend zählt auch im taumelnden Libyen zu den größten Problemen. Weltweit ist die Not der Jungen ein gigantisches Problem, warnt Unicef in einem neuen Report. Die Lage dürfte sich weiter verschärfen, neue Aufstände drohen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,747609,00.html
Das gilt auch für Deutschland. Die Seilschaften (politisch und wirtschaftlich) haben den Kuchen unter sich verteilt. Wenn die Wohlhabenden nicht endlich die Demokratie leben und dem Volk geben, was des Volkes ist, wird es in Deutschland eine "Margarithen-Revolution" geben. Merkwürdig, dass gutbezahlte Experten, ob Unicef oder wie sie immer heißen, immer erst dann warnen, wenn das Kind längst in den Brunnen gefallen ist. Leicht verdientes Geld.
5. titel
l4berl1ne 25.02.2011
man solle das vermoegen der despoten gerecht an die bevoelkerung verteilen und schon brummt der laden. ohne moos nix los, da kann man noch so schlau sein. wer sich selbststaendig machen will, braucht kapital.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Libyen-Reiseseite


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: